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Früher Zellen, jetzt Büros

22.07.2020 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Das Gebäude am Amtsplatz 1 in Bregenz hat eine bewegte Geschichte hinter sich.

Manche Fenster sind noch vergittert und man ahnt schnell, dass dieses Gebäude

Manche Fenster sind noch vergittert und man ahnt schnell, dass dieses Gebäude früher einmal ein Gefängnis gewesen sein musste. Bis zu 80 Insassen waren hier untergebracht. Damit zählte das Gebäude am Bregenzer Amtsplatz 1 lange Zeit zu den größten bezirksgerichtlichen Gefangenenhäusern Österreichs.
Die Grafen von Montfort gründeten um 1250 die Bregenzer Oberstadt. Im 16. Jahrhundert wurde dort eine sogenannte Fronfeste gebaut.

Das Bundesdenkmalamt in Bregenz. <span class="copyright">Hartinger</span>
Das Bundesdenkmalamt in Bregenz. Hartinger

Zwischenstation vor dem KZ

Ab dem 18. Jahrhundert diente diese als Gefängnis des Kreisgerichts Bregenz. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fronfeste wieder abgebrochen und an deren Stelle ein neues Gefangenenhaus erbaut. Lange Flure mit Sandstein und Ziegelböden prägen den Bau. Die Decken sind gewölbt und alle Fenster und Portale weisen Rundbogenstürze auf. An der Vorderseite des Gebäudes fallen drei massive Holztüren auf, welche man über Sandsteintreppen betritt. Ein typisches Amtsgebäude der Kaiserzeit.

Eine Zelle wurde komplett erhalten. <span class="copyright">hartinger</span>
Eine Zelle wurde komplett erhalten. hartinger

In der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1938 und 1945 waren etwa 6000 Gefangene im Gefängnis untergebracht, davon 1.500 politisch verfolgte Vorarlberger. Diese verbrachten meist nur wenige Tage hier, bevor sie in Arbeiterziehungs- oder Konzentrationslager, zur Gestapo oder zur Wehrmacht weitertransportiert wurden. Zu diesen gehörte auch Karoline Redler (1883-1944) aus Bregenz. Redler war unter anderem Gründerin des Verbandes „die Guta“ und kümmerte sich um sozial bedürftige Menschen und unterstützte arme Familien. Sie wurde wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt und mit dem Fallbeil in Wien hingerichtet. Heute erinnert eine Tafel an der Hauswand an jene Menschen, die hier in diesem Gebäude zu Unrecht gefangen und für den Weitertransport in den Tod festgehalten wurden.

Auch dei Eisengitter zeugen von der früheren Funktion des Gebäudes. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auch dei Eisengitter zeugen von der früheren Funktion des Gebäudes. Hartinger


Auch nach dem Krieg blieb das Gebäude ein Gefängnis – mit klassischer Gefängnisroutine. Die Gefangenen bekamen morgens Kaffee und ein Stück Brot. Man nahm den Toilettenkübel mit, welcher hinter einem Holzverschlag in einer Ecke der Zelle stand und brachte diesen gereinigt zurück. Geduscht wurde einmal in der Woche. Mehr sah man wohl nicht als notwendig an, denn Bewegung gab es für die Gefangenen nicht viel. Ein kleiner Rundgang um einen Baum in der Mitte des Spazierhofes, nicht länger als eine Stunde, war eine der wenigen sportliche Bewegungen für die Insassen. Mehr Abwechslung bekamen jene Häftlinge geboten, die wegen leichterer Vergehen ihre Zeit am Amtsplatz 1 verbringen mussten. Sie durften sich um den hauseigenen Gemüsegarten kümmern oder Wäsche waschen und andere Hilfsarbeiten erledigen.

Barbara Keiler. Leiterin des Bundesdenkmalamts in Bregenz, und Stellvertreter Georg Mack H<span class="copyright">artinger</span>
Barbara Keiler. Leiterin des Bundesdenkmalamts in Bregenz, und Stellvertreter Georg Mack Hartinger

Renovierung

Die insgesamt 24 Zellen im Haus waren mit zwei Türen gesichert. In den Sicherheitszellen konnten die Fenster sogar mit Läden vom Zwischengang aus verschlossen werden, um diese ganz abzudunkeln. Wer sich den Regeln widersetzte, musste schon einmal in solch einer Dunkelhaft tagelang ausharren. In allen drei Geschossen befanden sich die Zellen in den Seitentrakten. Diese waren, wie der Haupteingang auch, mit Eisengittern gesichert. Im Gang des ersten Obergeschoßes, vor den Diensträumen, hatte ein wachsamer Schäferhund seinen Platz. Doch ausgebrochen wurde trotzdem. Ein Mal lösten Gefangene die Steine rund um das Fenstergitter einer Zelle mit heimlich eingestecktem Essbesteck heraus, seilten sich anschließend ab und machten sich davon.

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger


Im Jahr 1975 wurde das Gefängnis geschlossen und in den 1980er-Jahren renoviert. Heute befinden sich in den ehemaligen Gefängniszellen freundliche Büros der Vorarlberger Abteilung des Bundesdenkmalamts. Eine Zelle wurde jedoch erhalten. Ein Feldbett, ein Toilettenkübel und einfaches Geschirr finden sich noch darin. Das vergitterte Fenster, durch welches fahles Licht dringt, lässt erahnen, wie grau und eintönig so ein Alltagsleben eines Gefangenen gewesen sein musste.
Mit der Eintönigkeit ist es glücklicherweise vorbei. Mittlerweile wird in dem Haus niemand mehr weggesperrt, sondern die Baugeschichte Vorarlbergs sichtbar gemacht. Damit auch noch unsere Nachfahren solch erstaunliche Gebäude wie jenes am Amtsplatz 1 in der Bregenzer Oberstadt entdecken können.

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