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Obstbörse: Vermitteln statt wegwerfen

25.07.2020 • 20:57 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Obstbörse: Vermitteln statt wegwerfen
MATHIS FOTOGRAFIE

Die Vorarlberger Obstbörse versteht sich als Vermittler.

Obst und Beeren gibt es im Ländle mehr als genug. Und das heißt Gesundheit und Geschmack frisch vom Baum oder Strauch. Denn Obst und Beeren haben es in sich. Zudem ist Ländle-Obst nachhaltig und umweltfreundlich, weil die Wege kurz sind. Das heimische Streuobst und die vielen Beeren sollen aber nicht im Garten verfaulen, sondern gezielt verwertet werden.

Das dachte sich auch Markus Amann, Obmann des Verbands für Obst- und Gartenkultur in Vorarlberg, kurz OGV. „Die Idee ist vor sechs Jahren entstanden. Es hat uns einfach geschmerzt zu sehen, wieviel Obst jedes Jahr fortgeworfen wird. Es gibt viele alte Menschen, die noch Obstbäume haben, aber keine Zeit oder Interesse, das Obst zu ernten. Und auf der anderen Seite gibt es viele junge Familien, die gern Obst hätten, aber keine eigenen Bäume oder Wiesen haben, um es anzubauen.“

Amann hat dann eine kleine Initiative in einer deutschen Gemeinde entdeckt, die in ihrem Dorf eine Obstbörse organisiert hat. Das war dann die Initialzündung: „Wir haben ja beim OGV fast 16.000 Mitglieder. Und dieses Potenzial wollten wir nutzen“, so Amann. Es ist dann Jahr für Jahr gewachsen, und mittlerweile sind es an die 25 regionale Vereine, die sich als Ansprechpartner aktiv miteinbringen. Und die Nachfrage steigt. So wird auch dieses Jahr eine „Obstbörse Vorarlberg“ angeboten, um Obst und Beeren, die im Garten zu verderben drohen, an Interessenten zu vermitteln. Die Vereine übernehmen die ehrenamtliche Verantwortung und kostenlose Vermittlung. „Es geht darum, eine Lösung zu finden, wie das ganze Obst sinnvoll verwertet werden kann, und darum, die Streuobstwiesen als Besonderheit unserer Region noch mehr ins Bewusstsein zu rücken“, betont Amann.

Landkarte mit Kontakten

Es gibt eine Landkarte (unter: www.ogv.at), auf der die diversen Ansprechpartner in der Region vermerkt sind. „Dort kann man direkt anrufen und nachfragen. Gerade sind vor allem Beeren aktuell. Da fragst du dann einfach, ob es irgendwo Brombeeren gibt. Das wird dann notiert. Und dann kann es oft schnell gehen, dass man eine Antwort bekommt. In der Folge werden die Telefonnummern ausgetauscht, und die Interessenten können direkt mit den Anbietern Kontakt aufnehmen. Mitunter muss man die Beeren oder das Obst selbst pflücken, aber sie sind frisch und kosten nichts“, so Amann.

Auch der soziale Aspekt ist nicht unwesentlich. Da durch diese Börse die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen: „Da gibt es mitunter einen regen Austausch. Es entstehen auch manchmal Freundschaften“, weiß Amann. 90 Prozent der Abnehmer sind junge Familien, die wieder Lust auf eigenes Obst und auch Gartenarbeit haben. Davon profitieren die älteren Menschen, denen diese Arbeit schon zu beschwerlich ist. Amann freut sich auf reges Interesse und hofft, dass sich viele melden und an der Börse teilnehmen. „Je mehr mitmachen, desto größer ist die Chance auf eine erfolgreiche Vermittlung von überschüssigen Beeren, Äpfeln, Birnen oder Nüssen.“

Koordination

Sigrid Ellensohn, die Koordinatorin der Vorarlberger Obstbörse, ist von der Sinnhaftigkeit dieser Einrichtung überzeugt: „Es ist einfach schade, wenn in Privatgärten Obst verderben muss, weil es keine Verwendung dafür gibt oder weil die Erntemenge sonniger Jahre den Eigenbedarf des Besitzers übersteigt.“ Die Obstbörse Vorarlberg trägt dazu bei, den Wert und die hohe Qualität des Obstes wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken. Zugleich macht sie auch Appetit auf Vielfalt, die vor der eigenen Haustür wächst, gesund ist und zugleich auch noch schmeckt. „Es gibt natürlich auch große Produzenten vor allem in der Dornbirner Umgebung, die leben gut von ihren Produkten. Das, was wir hier machen, ist alles auf freiwilliger und privater Basis“, betont Amann.

Das Interesse an Lebensmitteln aus dem eigenen Garten ist wieder groß in Vorarlberg. Durch Corona ist das Thema Regionalität noch mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Aber schon davor haben sich immer mehr Menschen wieder dafür interessiert. „Wir arbeiten auch mit Schulen zusammen und bieten Kurse an. Um auch bei den ganz Jungen wieder ein Bewusstsein zu schaffen für die Obst- und Gartenkultur im Land.“ Aufklären, Wissen vermitteln und Interesse wecken. Diese drei Aspekte sind Amann wichtig. „Mit Insektenhotels und verschiedensten anderen Aktionen, wie auch neue Obstbäume pflanzen, wollen wir das allgemeine Interesse an der Natur wieder mehr wecken.“ Die Arbeit im Garten tut Menschen jeden Alters gut. Davon ist Amann überzeugt.

Zudem ist man mit der „Arche Noah“ in ständigem Kontakt und Austausch. „Das ist ja das größte Saatgutarchiv in Österreich. Wir haben zum Beispiel einen neuen Verein im Brandnertal gegründet. Die wollen dort wieder alte Obstsorten kultivieren, die es vor vielen Jahren dort oben gegeben hat. Und das will der Verein vorantreiben. „Denn in dieser Höhe wachsen auch nicht alle Sorten.“ Dabei ist es wichtig, altes Wissen aufzustöbern und weiterzugeben. „Die alten Sorten sind ja nicht umsonst alt geworden. Da stecken viel Tradition und Wissen dahinter. Zudem sind diese alten Sorten auch widerstandsfähiger als die neuen.“