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Alkoholverbot und zweifelhafte Zahlen

06.09.2020 • 11:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Seit vielen Jahren ist das südafrikansiche Weingut Constantia Glen im Besitz des Dornbirners Alexander Waibel. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Seit vielen Jahren ist das südafrikansiche Weingut Constantia Glen im Besitz des Dornbirners Alexander Waibel. Klaus Hartinger

Südafrikas Corona-Lockdown war einer der strengsten weltweit.

Herr Waibel, haben Sie aufgrund der Corona-Pandemie Südafrika verlassen?
Alexander Waibel: Nicht direkt. Ich kam im März für eine Stippvisite her. Auf dem Plan stand die ProWein in Düsseldorf. Eine international führende Wein-Fachmesse. Seitdem bin ich hier.

Weil der Flugverkehr eingestellt wurde?
Waibel: Nein. Als in Vorarlberg die Skilifte schlossen, war klar, dass es auch in Kapstadt einen Lockdown geben wird. Außerdem hatte ich bedenken, inwiefern das Gesundheitssystem der Südafrikaner der Pandemie gewachsen ist. Daher fiel die Entscheidung hier in Vorarlberg zu bleiben. Unser Geschäftsführer – ein Tiroler – schaut auf dem Weingut nach dem rechten.

Fünf Monate land musste Constantia Glen schließen, ein Verkauf von Wein im Land war verboten.<span class="copyright">Constantia Glen</span>
Fünf Monate land musste Constantia Glen schließen, ein Verkauf von Wein im Land war verboten.Constantia Glen

Gibt es wieder Flüge gen Süden?
Waibel: Nein. Es ist ungewiss wann der reguläre Flugverkehr wieder aufgenommen wird. Wahrscheinlich Ende 2020. Im November startet zwar die Hauptsaison, das Unternehmen Constantia Glen hat aber konservativ budgetiert. Wir rechnen mit wesentlich weniger ausländischen Gästen.

Hängt das nicht langfristig auch von einem Impfstoff ab?
Waibel: Ich denke ja. Touristen werden sich genau überlegen, ob sie überhaupt fliegen wollen. Einmal abgesehen von der medizinischen Versorgung in Ländern wie Südafrika. Die öffentlichen Krankenhäuser dort sind für unsere Verhältnisse schlecht, die privaten aber sehr gut, doch das weiß nicht jeder.

Wie ist der aktuelle Stand der Dinge in Südafrika?
Waibel:
Die Corona-Maßnahmen wurden auf Level 2 gelockert. Das nächtliches Ausgehverbot und Reisesperren zwischen den Provinzen sind aufgehoben. Nationale Flüge verkehren und es darf wieder Alkohol- und Tabak konsumiert werden.

<span class="copyright">KLaus Hartinger</span>
KLaus Hartinger

Ein Alkohol- und Tabakverbot, um die Pandemie einzudämmen scheint extrem. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Waibel:
Das Ganze ist ein Politikum. Präsident Cyril Ramaphosa gehört zwar eher zu den Liberalen und Wirtschaftsfreundlichen in der Regierung, für das strikte Verbot ist jedoch Ministerin Nkosazana Clarice Dlamini-Zuma verantwortlich. In ihrem Ressort trifft sie alle Entscheidungen bezüglich Covid-19. Dlamini-Zuma war Gesundheits- später Außenministerin als in den 1990er-Jahren die HIV-Krise startete. Das hat in einem Desaster geendet.

Inwiefern?
Waibel
: Zuerst wurde Aids verleugnet, dann die Medikamente negiert. Die Regierung empfahl damals eine Mischung aus Knoblauch, Ingwer und Kräutern einzunehmen. Dlamini-Zumas Herangehensweise verbindet sie wohl eng mit dem größten innenpolitischen Versagen des damaligen Präsidenten Thabo Mbeki. Durch die verzögerte Verbreitung der HIV-Medikamente dürften gut 100.000 Menschen verstorben sein. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren. Der Lockdown in Südafrika gehörte daher zu den strengsten.

Hat das Verbot geholfen?
Waibel:
Gerade an den Wochenenden gibt es Probleme mit Alkoholmissbrauch, wobei in diesem Zusammenhang meist harte Sachen, also Spirituosen, konsumiert werden. Die Folgen sind im harmlosesten Fall Schlägereien. Verletzte blockierten aber die Betten, die eigentlich für Corona-Patienten freigehalten werden sollten.

Wir wurden die strengen Maßnahmen kontrolliert?
Waibel
: Das Militär patrouillierte. Aber nicht einmal eine perfekt gerüstete Regierung kann Covid-19 in Townships in den Griff bekommen. Eine Hütte neben der anderen, überfüllt und ohne fließendes Wasser.

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KLaus Hartinger

Die offiziellen Zahlen liegen momentan bei über 14.000 Toten und über 600.000 aktiven Fällen. Sind das reelle Zahlen?
Waibel:
Wenn die Zahlen stimmen, hätte sich die Regierung gut geschlagen. Ich habe da aber Bedenken. Die offizielle Anzahl der Aids-Toten war damals auch nicht korrekt, weil oft eine andere Todesursache in den Totenschein geschrieben wurden. Ich gehe davon aus, dass viele an Covid-19 gestorben sind, weil sie keinen Zugang zur medizinischen Versorgung hatten. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein. Mindestens doppelt, wenn nicht das Dreifache.

Wo befindet sich Südafrika zeitlich im Vergleich zu Österreich?
Waibel:
Am Zenit. In Kapstadt startete die Pandemie, dort sind die Zahlen rückgängig, in anderen Provinzen aber noch steigend. Zumindest in Kapstadt ist eine Überfüllung der Spitäler nicht eingetreten. Auch das Notspital im Stadtzentrum wurde längst abgebaut. Doch auch das dürfte daran liegen, dass viele sich zuhause auskurierten oder verstorben sind, nichtwissend, dass es Corona war.

Wie steht es um Menschen mit Erkrankungen wie Tuberkulose oder HIV?
Waibel:
Den Altersdurchschnitt betrachtet, wäre Südafrika eigentlich in einer guten Position. Die Bevölkerung (knapp 60 Millionen, Anm.) ist jung. Auf der anderen Seite sind sechs Millionen Menschen an HIV erkrankt, von denen haben ungefähr zwei Millionen Tuberkulose. Aber es wird angenommen, dass Aids-Medikamente eine dämpfende Wirkung auf Covid-19 haben. Auch die TB-Impfung hat wohl einen gewissen positiven Einfluss auf das Virus, allerdings wurde die Standard-TB-Impfung vor einigen Jahren eingestellt.

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Constantia Glen

Was bedeutete das Alkoholverbot wirtschaftlich für Ihr Unternehmen Constantia Glen?
Waibel:
Wir haben den Vorteil zu den profitablen Unternehmen zu gehören und haben keine Bankschulden. 50 Prozent unserer Weine bleiben in Südafrika, 50 Prozent werden exportiert. Doch sogar der Export war für knapp einen Monat untersagt, bis die Regierung einsah, dass das nicht sinnvoll ist. Der Exporte lief dann sogar etwas besser. Hierzulande wurde mehr Wein gekauft und daheim konsumiert.

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Constantia Glen

Bekomme Constantia Glen als Unternehmen Hilfe vom Staat?
Waibel:
Als „nicht-schwarzes“ Unternehmen dürfen wir nicht um Unterstützung ansuchen.

Wie ist es den Mitarbeitern auf der Weinfarm ergangen?
Waibel:
Währende des Lockdowns mussten wir unseren Heurigen schließen. Den Großteil der Mitarbeiter – bis auf drei – mussten wir freistellen. Alle Voll- und Teilzeitkräfte zusammengenommen, sind es 80 Mitarbeiter. Eigentlich gibt es ein Freistellungs-Unterstützungsprogramm, dabei wird vier Monate lang Geld ausgezahlt wird. Angekommen ist allerdings nur ein Monat. Wir haben teilweise Mitarbeiter privat unterstützt.

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Constantia Glen

Ist das Weingut inzwischen wieder für Besucher geöffnet?
Waibel:
Ja, vor gut zwei Wochen durften wir den Tasting-Room wieder öffnen. Wir hatten 350 Sitzplätze, nun sind es 200, weil wir die Abstands-Regeln einhalten müssen. Im Jahr kamen gut 100.000 Besucher. Der größte Umsatzbringer war also fünf Monate außer Gefecht gesetzt. Aber es ist gut angelaufen – fast auf dem Niveau vom Vorjahr. Das liegt daran, dass wir Nebensaison haben, da kommen grundsätzlich nur Einheimische.

Spannend wird es in der Hochsaison, wenn eigentlich 50 Prozent Touristen bei uns einkehren. Aber wenn niemand ins Land rein kann, kann auch niemand raus. Vielleicht kommen mehr Südafrikaner.

Welche Auswirkungen wird die Krise und das damit einhergehende Alkoholverbot auf die gesamte Branche haben?
Waibel:
In Südafrika gibt 400 Weingüter, die eigenen Wein produzieren. Davon waren schon vor der Krise nur zehn Prozent profitabel. Einige werden wohl nicht mehr aufsperren und verkaufen. Fünf Monate ohne Einkünfte, das ist für viele das Ende. Auch für viele Restaurants. Ich weiß von 25 Betrieben an Kapstädter Tourismushotspots, die geschlossen sind. Das ist nicht das Ende, aber es wird eben neue Pächter geben.

Was bedeutet ein fünfmonatiger Lockdown grundsätzlich für die Wirtschaft in Südafrika?
Waibel:
Es ist eine wirtschaftliche Katastrophe. Es gibt kaum Hilfsprogramme vonseiten des Staates. Und falls doch, dann hapert es an der Umsetzung. Der Unterschied von dem, was die Regierung verspricht, und dem, was ankommt ist enorm. Mal abgesehen von der Korruption.

Wie lange wird die Wirtschafts-Krise Südafrika begleiten?
Waibel:
Einige Jahre. Alleine 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommen aus dem Tourismus. Südafrika hatte schon vor der Krise eine hohe Staats-Verschuldung. Nun wird das Land bei einer Staatsverschuldung von fast 100 Prozent enden. Und das bei einem hohen Zinssatz.

<span class="copyright">KLaus Hartinger</span>
KLaus Hartinger

Südafrika hat im August erstmalig ein Hilfspaket des Weltwährungsfonds (IWF, Anm.) entgegengenommen? Werden weitere Hilfen nötig sein?
Waibel
: Bei dem Kredit handelte es sich um ein Notprogramm im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Sollte wegen Staatszahlungsproblemen ein weiteres Hilfspaket nötig sein, wird der IWF dieses an Bedingungen knüpfen. Dann werden sicher Missstände aufgedeckt, die zwar bekannt sind aber bisher nirgendwo offiziell festgehalten wurden. Daher wird das für die Regierung das letzte Mittel sein.

Aber ich bin optimistisch. Es könnte nämlich einen Neuanfang für Südafrika bedeuten. Korruption und Missmanagement, das muss endlich aufhören. Von selbst? Ich bezweifle es. Durch den IWF? Sehr wahrscheinlich.