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„Ohne Kunststoff geht es nicht“

26.09.2020 • 08:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
CEO Alpla Günther Lehner.<span class="copyright">Alpla/Bernd Hofmeister</span>
CEO Alpla Günther Lehner.Alpla/Bernd Hofmeister

Alpla-Geschäftsführer Günther Lehner im Interview.

Herr Lehner, versuchen Sie in Ihrem privaten Haushalt Plastik zu sparen?
Günther Lehner: Wenn es um Verpackungen geht, schaue ich darauf, dass diese recycelbar sind oder mit Recyclingmaterial hergestellt werden. Gebrauchte Verpackungen sind Wertstoffe und gehören richtig sortiert und im gelben Sack oder im Altpapier entsorgt. Großen Wert lege ich persönlich auf bewussten Konsum. Denn Kunststoff an sich ist nicht das Problem. Das sind viel eher der sorglose Umgang mit Produkten und die Umweltverschmutzung durch achtloses Wegwerfen.

Sehen Sie sich in Vorarlberg an einem privilegierten Standort, was die Energieversorgung betrifft – Stichwort erneuerbare Energien?
Lehner:
Vorarlberg ist in vielerlei Hinsicht privilegiert, auch was die Energieversorgung betrifft. Das mittlerweile österreich­weit tätige Klimaneutralitätsbündnis hat hier seinen Anfang gefunden, Alpla war 2013 Gründungsmitglied. Unsere Betriebe in Vorarlberg arbeiten klimaneutral mit Ökostrom. Die Vorarlberger sind aber auch in Sachen Mülltrennung vorbildlich, in kaum einem anderen Bundesland sind die Sammelquoten so hoch. Wenn man in Wien die gleichen Quoten erreichen würde, würde sich die Diskussion über die Einführung von Pfand in Österreich erübrigen.

Sympathisieren Sie mit der Fridays-for-Future-Bewegung?
Lehner:
Gut finde ich, dass sich junge Menschen engagieren und sich für ein rasches Handeln gegen den Klimawandel einsetzen. Das hat diesem wichtigen Thema mit Sicherheit den nötigen Schwung verliehen.

Plastik hat in Zeiten wie diesen einen schlechten Ruf. Die Menschen haben Bilder von Müllstrudeln im Meer und Plastikflaschen am Sandstrand im Kopf. Gibt es Alpla-Mitarbeiter, die sich mit der Arbeit, welche sich nun einmal rund um Kunststoffe dreht, plötzlich schwertun?
Lehner:
Da müssten Sie schon unsere Mitarbeiter direkt fragen. Die Corona-Pandemie hat die Funktionen von Kunststoffverpackungen wieder in den Vordergrund gerückt, insbesondere unter dem Aspekt der Hygiene. Vielen ist klar geworden, wie wichtig Verpackungen auch für die Haltbarkeit von Lebensmitteln oder den Transport von Desinfektionsmitteln sind. Unsere Produktionsbetriebe wurden in vielen Ländern als systemrelevant eingestuft und unsere Mitarbeiter haben gemeinsam Unglaubliches geleis­tet. Darauf bin nicht nur ich sehr stolz, sondern alle Mitglieder unserer großen Family of Pioneers.

Ist eine Welt ohne Plastik überhaupt vorstellbar?
Lehner:
Eliminieren Sie gedanklich alle Dinge aus Kunststoff, die auf Ihrem Schreibtisch liegen. Die Laptophülle, den Bildschirm, den Kugelschreiber, das Handy. Sie werden sehen, dass es ohne Kunststoff nicht geht. Und die Verwendung von Kunststoff schont sogar das Klima. Denn würde man ihn in Europa verbieten, würde der alternative Materialmix 57 Prozent mehr Energie benötigen und 61 Prozent mehr Treibhausgase verursachen.

Wie wirkt sich Kunststoff in der Herstellung konkret aus, was die Klimabilanz betrifft?
Lehner:
Kunststoffverpackungen haben am gesamten CO2-Fußabdruck eines durchschnittlichen Europäers einen Anteil von weniger als ein Prozent. Durch einen Flug von Wien nach Mallorca und retour wird so viel CO2 freigesetzt wie durch die Nutzung von Kunststoffverpackungen in elf Jahren. Einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten wir mit unseren Recyclingwerken. Hier verwerten wir gebrauchten Kunststoff zu Recyclingmaterial, das zu neuen Verpackungen verarbeitet wird. Diese Recyclingmaterialien sparen im Vergleich mit Neuware bis zu 90 Prozent CO2. Und vergessen Sie nicht: Alles, was recycelt wird, kann nicht in der Umwelt landen.

Recycling ist also der Schlüsselbegriff?
Lehner:
Viele Menschen glauben, dass der Verzicht auf Kunststoffverpackungen das Klima schont und werfen damit Klima- und Umweltschutz in einen Topf. Fakt ist, dass Kunststoff sehr energieeffizient verarbeitet und wiederverwertet wird. Das geringe Gewicht wirkt sich positiv auf die Emissionen beim Transport aus. Andere Materialien wie Glas oder Metall sind viel schwerer, benötigen bei der Herstellung und beim Recycling viel höhere Temperaturen und haben daher größere Auswirkungen auf den Klimawandel.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Lehner:
Ein gutes Beispiel sind Mehrwegflaschen aus Glas. Viele glauben, dass die für die Umwelt am besten sind. Öko­bilanzen zeigen aber, dass Mehrwegflaschen aus Kunststoff bei allen Umweltauswirkungen und insbesondere beim Klimawandel besser sind. Neben den Transportdistanzen spielen hier wie bereits erwähnt das geringe ­Gewicht und der Einsatz von ­Recyclingmaterial wichtige Rollen.

Alpla arbeitet längst auch an innovativen Alternativen zum „klassischen“ Kunststoff. Welche sind das beispielsweise?
Lehner:
Hier gibt es entlang der gesamten Wertschöpfungskette sehr viele Innovationsprojekte. Ein konkretes Beispiel sind die heimkompostierbaren Kaffeekapseln, die auch in Vorarlberg am Markt sind. Das Material baut sich im Gartenkompost ohne Rückstände ab.

Sind solche Produkte tatsächlich unterm Strich besser? Bezüglich der Funktion und im Hinblick auf die Ökobilanz?
Lehner:
Wichtig ist die genaue Prüfung, für welches Produkt, für welchen Markt, in welchem Land eine Verpackung zum Einsatz kommt. Es gibt nicht ein Material oder eine Lösung, die per se gut ist.

Was halten Sie von den Plänen von Ministerin Gewessler, konkret der Einführung eines Pfandsys­tems?
Lehner:
Ein Pfandsystem kann unter Umständen dazu beitragen, die Sammelquoten zu erhöhen. Wir als kunststoffverarbeitendes Unternehmen stehen dem neutral gegenüber. Wir wären ja nicht diejenigen, die ein solches System errichten und betreiben müssten. Als Recyclingspezialist befürworten wir natürlich alle Maßnahmen, die die Menge und Qualität der Recyclingströme über den gelben Sack erhöhen. Jedenfalls muss der jeweilige Markt genau analysiert werden, bevor man weitreichende Entscheidungen trifft, die dann nicht die erhofften Ergebnisse erzielen.

Was halten Sie von den Mehrwegquoten?
Lehner:
Zu den vorgeschlagenen Mehrwegquoten möchte ich noch einmal betonen, dass Mehrwegflaschen aus Kunststoff eine bessere Ökobilanz als Glasflaschen haben. Ganz besonders dann, wenn sie mit Recyclingmaterial hergestellt werden. Da werden zum Teil leider völlig veraltete Zahlen als Basis für Entscheidungen herangezogen. Hier wünsche ich mir einen besseren Dialog zwischen Industrie und Politik, damit die richtigen Maßnahmen gesetzt werden.

Wie beurteilen Sie die Abgabe auf Kunststoffverpackungen?
Lehner:
Eine Abgabe nur auf Kunststoffverpackungen lehnen wir ab. Wir fordern eine CO2-Abgabe unabhängig vom Material oder der Branche. So entsteht ein fairer Wettbewerb um die besten Lösungen, jenseits von ideologischen Grabenkämpfen. In jedem Fall sollte eine solche Abgabe zweckgebunden sein, um die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Daher müssen recycelte Materialien ausgenommen werden.

Kampf gegen Plastikmüll

Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) sagt dem Plastikmüll den Kampf an. Drei Maßnahmen kann sie sich vorstellen, um Plastikmüll zu minimieren: eine Mindestquote für Mehrwegflaschen im Handel, ein Pfand auf Einmalflaschen sowie Steuern auf den Import und die Herstellung von Plastik. Demnach soll der Handel verpflichtet werden, bei Getränkeverpackungen ab 2023 mindestens 25 Prozent Mehrwegflaschen zu verkaufen. Der Anteil soll 2025 auf mindestens 40 Prozent, 2030 auf mindestens 55 Prozent steigen. Auf Einwegflaschen soll es künftig ein Pfand geben. Über die Höhe wird laut Gewessler noch diskutiert. Als Drittes will die Ministerin von Importeuren und Produzenten von Plastikverpackungen 80 Cent Abgabe je Kilogramm verlangen. Allerdings soll diese Abgabe nach ökologischen Kriterien gestaffelt werden und bei hohen Sammelquoten sinken. Trotz erneuter Kritik vonseiten des Regierungspartners ÖVP hält Gewessler an ihrem „3-Punkte-Plan“ gegen Plastikmüll fest.

In Österreich fallen derzeit jährlich 900.000 Tonnen Plas­tikmüll an, davon 300.000 ­Tonnen Verpackungsmaterial, davon wiederum 45.000 Tonnen Getränkeverpackungen. Wobei für Tetrapack-Verpackungen derzeit kein Pfand angedacht ist.