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Michael Ritsch am Ziel seiner Träume

27.09.2020 • 18:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Michael Ritsch konnte bei der Bürgermeisterwahl in Bregenz überzeugen.<span class="copyright"> Roland paulitsch </span>
Michael Ritsch konnte bei der Bürgermeisterwahl in Bregenz überzeugen. Roland paulitsch

Der erste sozialdemokratische Bürgermeister von Bregenz seit 30 Jahren.

An der Spitze der Vorarlberger Sozialdemokraten waren Michael Ritsch keine wirklichen Erfolge beschieden. Auf Landesebene reihten sich drei enttäuschende Landtagswahlen aneinander, und auch auf Kommunalebene konnte Ritsch nach 2005 nicht mehr reüssieren. Am Sonntag aber wendete sich das politische Schicksal des 52-Jährigen zum Guten. Er setzte sich in der Bürgermeister-Stichwahl mit 51,67 Prozent der Stimmen gegen den 60-jährigen amtierenden ÖVP-Bürgermeister Markus Linhart durch. Ritsch wird damit der erste sozialdemokratische Bürgermeister von Bregenz seit 30 Jahren.

Überraschendes Wahlergebnis

SPÖ-Bundesparteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner und SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch gratulieren Michael Ritsch zu den sensationellen Ergebnissen bei den heutigen BürgermeisterInnen-Stichwahlen in Vorarlberg: “Das ist ein Tag der Freude für die Sozialdemokratie – auch über Vorarlberg hinaus. Nach 30 Jahren wieder den Bürgermeister in der Landeshauptstadt zu stellen, ist eine Sensation.”

Mit seiner Wahl zum Bürgermeister von Bregenz ging ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Ritsch habe mit dem Ergebnis nicht gerechnet, so der sichtbar glückliche Wahlsieger, aber gehofft und es sich gewünscht. In den nächsten Jahren wolle er in Bregenz zeigen, was möglich sei – ohne Koalition in der Stadtvertretung: Er wolle mit allen auf Augenhöhe verhandeln, die jeweils beste Idee solle sich durchsetzen.

Wallner bedauert Verlust von Bregenz

Landeshauptmann und ÖVP-Landesparteichef Markus Wallner bezeichnete den Wechsel des Bürgermeisteramts in Bregenz von der ÖVP zur SPÖ als “schmerzhaft, da muss man nichts beschönigen”. Der Ansporn müsse sein, “das in fünf Jahren wieder zu ändern”, und die Arbeit dafür müsse morgen beginnen. Einen durchgängigen Trend gegen die ÖVP konnte Wallner bei der nun geschlagenen Vorarlberger Gemeindevertretungs- und Bürgermeisterwahl dennoch nicht erkennen. “Mein Eindruck ist, dass es keinen bestimmenden Trend gab. Es ging um lokale Themen und lokale Kandidaten”, stellte der Landeshauptmann fest.

Die Wahlen auf Lokalebene seien offenbar völlig entkoppelt gewesen von Wahlgängen auf Landes- oder Bundesebene. “Es sind ganz stark Persönlichkeitswahlen”, so Wallner. Dass die Wahl für Bürgermeister Markus Linhart (ÖVP) verloren gegangen sei, sei insofern überraschend, als es sich ja schon um das vierte Duell Linhart-Ritsch gehandelt habe. “Das war kein neuer Kandidat, den man nicht auf der Rechnung hatte”, so Wallner. Dem Mitbewerber gelte es aber natürlich Respekt zu zollen.

Linhart: “Es war eine tolle Zeit”

Der scheidende Bürgermeister Linhart bedankte sich “für 22 Jahre – Bregenz ist eine tolle Stadt, es war eine tolle Zeit und eine Freude, für die Bregenzer da sein zu dürfen”. Das Ergebnis sei “so, wie es ist, zur Kenntnis zu nehmen”, ob er weiter in der Gemeindepolitik tätig sein werde, habe er sich noch nicht überlegt, so der 60-Jährige.

Markus Linhart (ÖVP) scheiterte an Michael Ritsch (SPÖ).<span class="copyright"> Roland Paulitsch </span>
Markus Linhart (ÖVP) scheiterte an Michael Ritsch (SPÖ). Roland Paulitsch

Knapp 50 Prozent Wahlbeteiligung

Herausforderer Ritsch konnte in der Stichwahl am Sonntag 5.460 Stimmen für sich beanspruchen, der seit 1998 amtierende Bürgermeister Linhart 5.108 (48,33 Prozent) – ein Vorsprung von 352 Stimmen für Ritsch. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,85 Prozent – nach 50 Prozent im ersten Wahlgang. Ritsch und Linhart traten bei diesen Gemeindewahlen bereits zum vierten Mal in der Bürgermeister-Direktwahl gegeneinander an, nach 2005 standen sie sich heuer zum zweiten Mal in einer Stichwahl gegenüber.

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Roland Paulitsch

Stadtvertreter mit 22 Jahren

Als ausgebildeter Gendarm hatte Ritsch schon früh bei der Gewerkschaft angeheuert, mit nur 22 Jahren wurde er Stadtvertreter in seiner Heimatstadt. Fünf Jahre später stieg Ritsch in den Bregenzer Stadtrat auf, 2004 wurde er in den Landtag gewählt. Seine erste politische Sternstunde schlug 2005 bei den Vorarlberger Gemeindevertretungswahlen. Zwar unterlag er in der Bürgermeisterdirektwahl letztlich nur hauchdünn Amtshinhaber Markus Linhart (ÖVP). Doch hatten die Ländle-Sozialdemokraten nach vielen Jahren des Darbens endlich wieder einen Top-Kandidaten in ihren Reihen gefunden. 2007 übernahm er das Ruder.

Politischer Ehrgeiz

Ritsch entpuppte sich über die Jahre hinweg als brillanter Rhetoriker und unerschrockener Kämpfer gegen die vermutete Allmacht der Vorarlberger ÖVP. Der nicht uneitle, aber sehr umgängliche Ritsch beharrte auf seinen Themen, Soziales und Wohnbau standen im Mittelpunkt – und eilte von Misserfolg zu Misserfolg. Manche Beobachter stuften seine Politik als “zu links” ein, um damit in Vorarlberg reüssieren zu können. Andere merkten an, Ritsch sei einfach nur im falschen Bundesland geboren worden – und hätten ihm in anderen Bundesländern (mit größerer SPÖ-Tradition) Riesenerfolge zugetraut.

Trotz aller politischen Schwierigkeiten ließ Ritsch sich gute Laune und Humor aber nicht verderben – wie sich auch anhand seiner Zwergenkampagne zur Landtagswahl 2014 zeigte. Vielmehr schärfte er seine Positionen und befreite sich von innerparteilichen Zwängen. So kümmerte er sich nicht um das Wohlbefinden der Großen Koalition auf Bundesebene und sagte stattdessen seine Meinung. Letztlich trug er sehr zum Abgang von SPÖ-Chef Werner Faymann bei, mit dem er gar nicht konnte.

 Michael Ritsch (l.) und NEOS-Politiker Alexander Moosbrugger.<span class="copyright">roland Paulitsch </span>
Michael Ritsch (l.) und NEOS-Politiker Alexander Moosbrugger.roland Paulitsch

Aktiver Wahlkampf

War Ritsch nach der Landtagswahl 2009 noch bereit gewesen, seinen Hut zu nehmen – wozu es mangels eines Nachfolgers nicht kam – hielt er später an seiner Position als Parteichef fest. Nach internen Querelen und infolge einer schwierigen Bandscheibenoperation fehlte Ritsch 2016 jedoch über Monate hinweg die Fitness, die ein Parteichef braucht. Vor fast genau vier Jahren, am 30. September 2016, trat er als Landesparteivorsitzender ab, blieb aber bis zur Landtagswahl 2019 Klubobmann im Landtag. Nach der Landtagswahl – und der unfreiwilligen Abgabe der Klubleitung an den neuen Parteichef Martin Staudinger – konnte sich Ritsch ganz auf die Gemeindevertretungs- und Bürgermeisterwahlen 2020 konzentrieren.

Dass dem Vater zweier Töchter der große Coup gelang, war am Ende aber doch überraschend. Zwar überzeugte er mit einem äußerst engagierten und persönlichen Wahlkampf, doch war er nach dem ersten Wahlgang deutlich hinter Linhart zurückgelegen. In der Stichwahl gaben ihm aber offenbar viele Grün-Wähler ihre Stimme, die Linhart mit der versprochenen Fortführung der schwarz-grünen Koalition bei Laune halten wollte. So konnte Ritsch nach 15 Jahren Revanche für die Niederlage im Jahr 2005 nehmen.

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Dritter SPÖ-Bürgermeister

Ritsch wird nun das dritte sozialdemokratische Stadtoberhaupt von Bregenz, wo von 1970 bis 1990 Bürgermeister der Sozialdemokraten regierten (Fritz Mayer von 1970 bis 1988, Norbert Neururer von 1988 bis 1990) und die Partei zeitweise die absolute Mehrheit innehatte.

Ritsch war diesmal mit 893 Stimmen Rückstand in die Stichwahl gegangen (3.532 zu 4.425 Stimmen; 8,72 Prozentpunkte Unterschied) – weit mehr als vor 15 Jahren, als Ritschs Rückstand im ersten Wahlgang lediglich 317 Stimmen betrug. Linhart behielt damals mit einem Stimmenanteil von 52,56 Prozent die Oberhand.

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