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Gegen Hanf ist kein Unkraut gewachsen

11.10.2020 • 18:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Die älteste Kulturpflanze der Welt nur auf ihre berauschende Wirkung zu beschränken, wäre nicht fair. Hanf hat so einiges in petto - vor allem im Lebensmittelbereich.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die älteste Kulturpflanze der Welt nur auf ihre berauschende Wirkung zu beschränken, wäre nicht fair. Hanf hat so einiges in petto - vor allem im Lebensmittelbereich.Klaus Hartinger

Ein Hanffeld im Bregenzerwald mag irritieren – ist aber legal.

Bei einem schnellen Blick wird es so manchem Laien gar nicht auffallen, ein anderer schaut zwei Mal hin und stutzt. Was ist das, was da auf der grünen Wiese am Wegesrand im Bregenzerwald gen Himmel wächst? Und vor allem, ist das denn erlaubt?

Ein bedrucktes Alu-Schild weist unmissverständlich darauf hin, dass Neugierige auf Abstand bleiben sollen. „Videoüberwacht, betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder“, steht da in schwarzen Lettern samt Ausrufezeichen. Das Schild klärt aber auch auf: „Auf dieser Plantage befinden sich Hanfpflanzen aus dem EU-Sortenkatalog. Diebstahl bzw. Rauchen zwecklos, da es zu keinem berauschenden Effekt kommt, weil sie kein THC enthalten!“

Neugierige sollen auf Abstand gehalten werden.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Neugierige sollen auf Abstand gehalten werden. Klaus Hartinger

Und für alle, die sich nun auf die Suche begeben wollen: Mittlerweile dürfte das Feld als eines der letzten für dies Saison abgeerntet sein.

Offiziell angemeldet

Es ist keine Neuheit, dass in Vorarlberg Hanf angebaut wird. Ein ungewöhnlicher Anblick ist es trotzdem. Denn das Gewächs wird meist automatisch mit illegalem Drogenkonsum verbunden. Besagtes Feld sowie alle anderen zu kommerziellen Zwecken angelegte Plantagen im Land sind bei der Landwirtschaftskammer angemeldet und völlig legal.

„Die meisten kennen sich nicht aus. Schon gar nicht, wann geerntet werden darf. Deswegen gab es bisher keine Probleme mit Diebstahl. Da alle Flächen angemeldet sind, gab es auch bisher keine überflüssigen Polizeieinsätze“, weiß Fabian Braitsch. Der 28-jährige Wolfurter ist Mitbegründer des Start-ups Hempions. Die Firma vertreibt Hanf-Lebensmittel, und dafür bedarf es auch des Anbaus.

Für die Hempionns-Lebensmittel kommen Samen zum Einsatz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Für die Hempionns-Lebensmittel kommen Samen zum Einsatz. Klaus Hartinger

Besagte Plantage befindet sich nicht im Eigentum des Start-ups, wohl aber eines Kollegen, der sich auf die gesetzeskonforme CBD-Produktion spezialisiert hat. Während für die aus Hanfextrakt gewonnenen CBD-Öle oder Rauchwaren die Blüten der weiblichen Pflanze verwendet werden dürfen, kommen für die Hempions-Lebensmittel Samen zum Einsatz. Weswegen diese Plantagen schon vor einiger Zeit geerntet worden sind.

Legal oder illegal?

Es gibt Tausende verschiedene Sorten von Hanf. Arten gibt es grundsätzlich drei. Bei den in Vorarlberg angebauten handelt es sich um speziell gezüchtete Sativa, welche verschwindend geringe Mengen an THC enthalten. Nämlich gerade so viel, wie erlaubt ist. Der EU-Sortenkatalog erlaubt einen maximalen THC-Wert von 0,2 Prozent. Daher ist der Nutzhanf nicht als Rauschmittel geeignet. In der Hanfpflanze selbst kommen über 100 bisher entdeckte sogenannte Cannabinoide vor. Darunter THC und CBD. THC ist illegal CBD nicht. THC wirkt psychoaktiv, CBD nicht und ist deshalb beliebt bei der Behandlung von körperlichen und psychischen Beschwerden.

Nutzhanf ist nicht als Rauschmittel geeignet, da der THC-Anteil verschwindend gering ist. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Nutzhanf ist nicht als Rauschmittel geeignet, da der THC-Anteil verschwindend gering ist. Klaus Hartinger

Wunderpflanze

Die älteste Kulturpflanze der Welt nur auf ihre berauschende Wirkung zu beschränken, wäre nicht fair. Blüten und Blätter werden für medizinische Produkte und Tee verwendet. Aus den Stängeln werden Textilien sowie Verbundstoffe und Baumaterialien gemacht. Hanf gilt als robusteste Naturphaser der Welt, die industriell verwendet wird – nur Spinnweben wären noch robuster. Und schließlich gelten die Samen als wertvolles Lebensmittel.

„Hanfsamen gehörten zu den komplettesten Lebensmitteln überhaupt“, meint Braitsch. Die Samen, so der Experte, enthalten hochwertige Eiweiße, Mineralstoffe, Vitamine sowie Omega-3- und Omega-6-Fette – und das in einem optimalen Verhältnis für den Menschen. Gleichzeitig sei das Lebensmittel sehr verträglich, aktuell sind keine Allergien bekannt.

Im Lebensmittelbericht gibt es keine Restriktionen bezüglich Hanf. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Im Lebensmittelbericht gibt es keine Restriktionen bezüglich Hanf. Klaus Hartinger

Der Vorteil bei der Verarbeitung im Lebensmittelbereich, liegt für Braitsch auf der Hand. „In diesem Bereich gibt es keine Restriktionen vonseiten der EU. Der Anbau ist unkompliziert“, sagt er. Und zwar nicht nur rechtlich.
Hanf ist robust und lässt sich quasi überall anbauen. Gegen Hanf ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Unkraut gewachsen. Es braucht weder Dünge- noch Spritzmittel. Das Wurzelwerk ist so dicht und wächst so tief, dass die Pflanze auch dort überlebt, wo andere längst aufgeben. „Der regionale Anbau, die Erhaltung der Biodiversität und die Schonung der Böden ist mit Hanf leicht möglich“, ist Braitsch überzeugt.

Hanf kann mehrere Jahren hintereinander angebaut werden. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Hanf kann mehrere Jahren hintereinander angebaut werden. Klaus Hartinger

Hanf sei auch gut mit sich selbst verträglich. Zum Vergleich: Leinsamen kann im biologischen Anbau nur alle sieben Jahre an gleicher Stelle angebaut werden. Hanf hingegen mehrere Jahre lang hintereinander. Doch das ist nicht unbedingt sinnvoll, da das dichte Wurzelwerk die Böden lockert, wodurch andere Pflanzen besser gedeihen. „Genau deshalb passt Hanf in die Fruchtfolge beim Bioanbau“, bekräftigt der Wolfurter. Das Team von Hampions arbeitet aktuell daran, Kooperationen mit heimischen Bauern aufzubauen.

Der Hanf würde dann den Anbau von Klee ersetzen. Es würden somit nicht mehr Flächen verbraucht sondern die vorhandenen effizienter genutzt. „Das ergibt ein besseres Einkommen, und der Boden wird verbessert“, meint Braitsch.

Der Ski-Europa­cup-Sieger Fabian Braitsch ist bei Hempions für Vertrieb und Marketing ­zuständig.<br><span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Ski-Europa­cup-Sieger Fabian Braitsch ist bei Hempions für Vertrieb und Marketing ­zuständig.
Klaus Hartinger

Einen Nachteil gibt es dann aber doch: Die Ernte ist aufwändig und die nötige Technik für einen effizienten Anbau aktuell nicht vorhanden. Viele Maschinen sind für Nutzhanf nicht geeignet, weil die Fasern der bis zu vier Meter hohen Pflanzen schlicht zu stark sind.

Sportler im Vertrieb

Hempions ist ein Start-up, das vor zwei Jahren auf die Beine gestellt wurde. Mit einem Hektar für den Hanfanbau haben die vier Gründer vergangenes Jahr testweise angefangen. Dabei haben sie mit dem Lisilis Biohof in Meiningen zusammengearbeitet. „Unser Ziel ist es, zehn Hektar im Land anzubauen, was einen Ertrag von zehn Tonnen ergibt“, verrät Braitsch über die Pläne. Gerade hat das Start-up ein Ticket für die Postgarage in Dornbirn ergattert. Das heißt, das junge Unternehmen wird nun auch von bestehenden Firmen und Institutionen mit deren Know-how beim Wachstum unterstützt.

Produktpalette von Hempions. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Produktpalette von Hempions. Klaus Hartinger

Das Hempions-Team besteht aus vier Spitzen-Sportlern. Doch wie passt das zusammen? Braitsch selbst ist Ski-Freestyle-Europacup-Sieger und für Vertrieb und Marketing zuständig. Den Ski-Profi und Firmenmitbegründer Daniel Meier kennt er aus der Schule. „Daniel hatte chronische Rückenprobleme und ist immer wieder bei Recherchen auf die Hanfpflanze gestoßen. Daraufhin hat er entsprechende Lebensmittel in seine Ernährung eingebaut und Verbesserung erfahren“, erzählt Braitsch.

Das war der Auslöser zur Firmengründung und erklärt wohl, wie Sport und Hanf dann doch zusammenpassen können

Verbot von CBD-Produkten

Die Europäische Kommission hat im Juli Anträge für die Aufnahme von Cannabidiol (CBD) in ihren Katalog für neuartige Lebensmittel ausgesetzt und erklärt, dass CBD und andere Extrakte aus Hanfblüten besser als Betäubungsmittel im Rahmen des Einheitsübereinkommens der Vereinten Nationen über Betäubungsmittel von 1961 geregelt würden. Sprich, CBD könnte bald als Suchtmittel klassifiziert werden. Das Urteil könnte die Existenz des europäischen CBD-Marktes in seiner jetzigen Form unmöglich machen und auch die Cannabinoid-Forschung und -Innovation auf dem ganzen Kontinent einschränken.

Die Plattform „Zukunft Hanf Österreich“ will sich gegen das drohende Verbot von CBD-Produkten wehren und sammelt ab sofort Unterschriften. 2019 wurden in Österreich auf rund 2000 Hektar Nutz-Hanf aus dem EU-Sortenkatalog angebaut. Im vergangenen Jahr wurde damit demnach ein Umsatz von 68,77 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Plattform will bis Mitte November Unterschriften sammeln. Bis Anfang Dezember ist eine Entscheidung des EU-Rates zu erwarten.

Da der Fokus von Hempions auf Lebensmittel liegt, ist das Unternehmen nicht wirklich von der Neubewertung betroffen. CBD kommt vor allem in Blütenständen, Blättern und Stängeln der Hanfpflanze vor. Im Gegensatz dazu enthalten Hanfsamen eine nennenswerten Menge an CBD. Somit betreffen die Regelungen keine Lebensmittel.