Lokal

„Digitale Medien verändern unser Gehirn“

18.10.2020 • 14:00 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Fortnite und Co. sind in den Jugendzimmern häufig anzutreffen. <span class="copyright"> Shutterstock</span>
Fortnite und Co. sind in den Jugendzimmern häufig anzutreffen. Shutterstock

Digitale Medien sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Wie stark sind digitale Medien wie soziale Netzwerke, Computerspiele wie Fortnite und WhatsApp und Co. in den Kinder- und Jugendzimmern präsent?
Andreas Prenn:
Sie sind präsenter als früher, weil die technischen Geräte wie Tablets oder Laptops zugänglich sind. Das Smartphone hat natürlich auch viele Möglichkeiten eröffnet. Auch während des Corona-Lockdowns wandten sich viele Jugendliche vermehrt den digitalen Medien zu. Deutlich spürbar ist, dass Kinder sie immer früher nutzen. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Warum?
Prenn:
Eine der wesentlichen Lebenskompetenzen, die ein Mensch erwerben muss, ist Empathiefähigkeit. Also die eigenen Gefühle und die anderer zu erkennen, auszudrücken und darauf richtig zu reagieren. Das kann man mit Bildschirmmedien nicht erlernen. Das hat mit Spiegelneuronen im Gehirn zu tun. Es ist sehr wichtig, dass Kinder und Babys möglichst lange und viel realen Kontakt zu Menschen haben. Wenn eine Mama in den Kinderwagen hineinlacht, lacht das Kind zurück. Würde man ihm ein Video der Mama vorspielen, würde nichts passieren. Wahrscheinlich wäre das Kind sogar konsterniert oder würde anfangen, zu weinen.

Weil es eine reale Person vor sich braucht?
Prenn:
Ja. Lernen Kinder Empathiefähigkeit nicht in ausreichendem Maße, bringen sie in Kinderbetreuung oder Schule die Kompetenzen, die sie zu einer vernünftigen sozialen Interaktion mit Gleichaltrigen oder Erwachsenen befähigen, nicht mit. Das stellen die Pädagoginnen in diesen Einrichtungen schon längere Zeit fest. Es gibt immer mehr Kinder, die nicht wissen, wie man mit anderen umgeht. Eine ganz wichtige Grunderfahrung, die jedes Baby machen muss, ist die Bindung an mindestens eine Person.

Schon Babys wird manchmal ein Handy in die Hand gedrückt. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Schon Babys wird manchmal ein Handy in die Hand gedrückt. Shutterstock

Wenn das Kind dauernd mit Handy, Tablet und Co. ruhiggestellt wird oder die Eltern ständig ins Handy starren, fehlt diese Bindung?
Prenn:
Ja. Darum empfehlen wir, bis zum Alter von drei, vier Jahren so wenig wie möglich Bildschirmmedien zur Verfügung zu stellen. Auch das Handy sollte Kindern in diesem Alter nicht gegeben werden. Babys scheinen heutzutage bereits schon Smartphones und Tablets zu nutzen, bevor sie überhaupt fähig sind, zu laufen.

Vieles ist ja auch so gemacht, dass es die Kinder anspricht.
Prenn:
Ja, es passiert dauernd etwas. Ein zweites Grundbedürfnis des Menschen ist Selbstwirksamkeit. Ich kann dadurch, dass ich etwas tue, etwas bewegen. Indem ich schreie, bewirke ich, dass Mama kommt. Oder etwas passiert, weil ich einen Knopf drücke. Die digitalen Medien bedienen dieses Bedürfnis perfekt.

Kindern den Umgang mit ihnen ab einem Alter von drei oder vier zu ermöglichen, scheint sehr früh.
Prenn:
Danach wird man es nicht wirklich verhindern können. Man muss realistisch bleiben. Aber es muss immer die Ausnahme sein.

Was darf das Kind auf Handy und Co. tun?
Prenn:
Dinge, die sich in dem Lernspektrum befinden, die das Kind in dem Alter sowieso lernen sollte. Auf dem Tablet Memory zu spielen, ist okay. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es Memory mit Kärtchen auf dem Tisch mit einer realen Person als Gegner spielen gelernt hat.

Kinder spielen gern Computerspiele. Tun sie das ab und zu, ist es kein Problem. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Kinder spielen gern Computerspiele. Tun sie das ab und zu, ist es kein Problem. Shutterstock

Es gibt bereits Lernprogramme für alle möglichen Altersstufen.
Prenn:
Der Hirnforscher Manfred Spitzer – und ich bin bei Gott kein Fan von ihm – hat in der Hinsicht völlig recht, dass ein Kind die wesentlichen Kompetenzen wie Lesen, Rechnen und Schreiben ohne Einsatz digitaler Medien erlernen muss. Wenn es darum geht, zu festigen, zu üben, ist ihr Einsatz kein Problem. Dann sind Computerprogramme vielleicht zusätzliche Motivation.

Wie viel digitale Medien sind okay, was ist zu viel?
Prenn:
Zwei Dinge sind essenziell: Erstens, die Motive, derentwegen ein Kind sie nützt. Tut es das zum Zeitvertreib oder weil es dort mit anderen etwas erleben kann, ist das okay. Nicht gut ist es, wenn digitale Medien die einzige Möglichkeit sind, Selbstbestätigung – etwa über Computerspiele oder das Sammeln von Likes in den sozialen Netzwerken – zu bekommen. Problematisch ist auch, wenn sie die einzige Möglichkeit darstellen, einen Freundeskreis aufzubauen und zu erhalten. Das sollte im realen Kontakt geschehen.

Was ist der zweite Punkt?
Prenn:
Die Frage, in welchem Verhältnis die digitale Freizeit der medienfreien Freizeit gegenübersteht. Wenn ein Jugendlicher den größeren Teil seiner Freizeit benutzt, sich mit Freunden zu treffen, Fußball zu spielen, muss man sich nicht sorgen, wenn er dann noch ein bis zwei Stunden über den Tag verteilt mit digitalen Medien verbringt. Ist es umgekehrt, ist es nicht gut. Wenn es auch noch bei den Mahlzeiten geschieht und es fast nicht mehr möglich ist, die Hausaufgaben zu erledigen, ist das nicht mehr normal.

Die Freizeit sollte überwiegend medienfrei sein. Dann ist ein kurzes zusätzliches Zocken erlaubt. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Die Freizeit sollte überwiegend medienfrei sein. Dann ist ein kurzes zusätzliches Zocken erlaubt. Shutterstock

Bei Smartphone-Verträgen für Kinder ist es möglich, neben den Inhalten die Zeit, die es im Internet verbringen darf, zu regulieren. Wie viel Zeit sollte das sein?
Prenn:
Es ist wichtig, dass die Eltern klar festlegen, zu welchen Zeiten und an welchen Orten das Handy benutzt werden darf. Ein Zehnjähriger kriegt es in dem Moment in die Hand, in dem er in die Schule geht. Wenn er aus der Schule kommt, gibt er es wieder ab. Dann wird Mittag gegessen, und die Aufgaben werden erledigt. Dann bekommt er es für eine gewisse Zeitspanne wieder. Er gibt es aber auf jeden Fall vor dem Abendessen wieder ab. Gleichzeitig kann ich technische Möglichkeiten, die die Nutzungszeit regulieren, installieren.

Und an welchen Orten?
Prenn:
Ein Tabu-Ort ist das eigene Schlafzimmer. Denn dann sehe ich nicht, was das Kind tut. Es ist richtig, immer wieder nachzusehen, was das Kind wann und wie lange getan hat.

Bedeutet das nicht, dem Kind nachzuspionieren?
Prenn:
Die Einstellung, dem Kind nicht nachspionieren zu wollen, denn es muss selbst wissen, was es tut, ist mir zu billig. Das Bauchgefühl sagt uns, dass ihm das nicht gut tut. Wir in der Supro sind sehr klar: Kein Smartphone bis Ende der Volksschulzeit, ab dann wird man nicht daran vorbeikommen. Hat es eines bekommen, ist es der Job der Eltern, das Kind dabei zu begleiten. Das ist ein täglicher Kampf. Unsere Eltern mussten ihn auch führen. Damals noch wegen des Fernsehers oder Telefons. Aber das ist Erziehung. Wir können sie nicht an ein technisches Gerät abgeben.

Manche Computerspiele haben recht gewalttätige Aspekte.  <span class="copyright">Shutterstock</span>
Manche Computerspiele haben recht gewalttätige Aspekte. Shutterstock

Wie heikel sind gewalttätige Aspekte bei Fortnite, Minecraft und Co.?
Prenn:
Es wird kein Kind zum Amokläufer, weil es Computerspiele gespielt hat. Da braucht es ganz andere Vorbelastungen. Und Fortnite hat auch positive Aspekte. Man lernt, im Team zu arbeiten, die Kinder erkennen, wer welche Kompetenzen hat. In den Händen von unter Zehnjährigen haben Fortnite und Co. aber nichts verloren.

Wäre es besser, dem Kind das Smartphone erst mit 14 zu geben?
Prenn:
Nein, weil Kinder damit kommunizieren. Es ist kein tauglicher Ansatz, sich die Erziehungsgeschichte zu ersparen, indem ich meinem Kind einfach kein Smartphone gebe.

Jugendliche kommunizieren über das Smartphone. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Jugendliche kommunizieren über das Smartphone. Shutterstock

WhatsApp und Co. werden praktisch von allen genutzt. Auch mit der Schule müssen sie ja über digitale Plattformen kommunizieren.
Prenn:
Ja. Schüler sind aufgerufen, am Morgen über die digitalen Medien nachzusehen, ob sich der Stundenplan verändert hat, und die richtigen Unterlagen einzupacken. Sie bekommen digital Arbeitsaufträge. Das ist nicht grundsätzlich schlecht.

Was sind noch wichtige Aspekte?
Prenn:
Ganz wichtig ist, was die Nutzung von digitalen Medien mit unserem Gehirn macht. Wir sind in unserem Tun sehr stark durch das Belohnungszentrum gesteuert. Computerspiele, aber auch soziale Netzwerke bedienen das Erwartungs- und Belohnungshirn perfekt. Wir tun eher Dinge, bei denen wir das Gefühl haben, dass wir belohnt werden, als solche, die in Frust enden.

Was Sinn macht.
Prenn:
Ja. Damit haben digitale Medien natürlich einen extremen Suchtfaktor. Das Zweite, was mir wichtig ist: Wir halten Langeweile nicht mehr aus. Aber Langeweile ist die Basis für Kreativität.

Es gilt, hin und wieder auch Verzicht zu üben und die digitalen Medien wegzulegen. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Es gilt, hin und wieder auch Verzicht zu üben und die digitalen Medien wegzulegen. Shutterstock

Das wird immer wieder betont, aber es ist schwer, es umzusetzen. Unsere Gesellschaft zeichnet sich durch stete Unterhaltung aus.
Prenn:
Wir sind nicht mehr gewöhnt, auf etwas zu warten. Als früher nach zwei Wochen endlich der Brief des Brieffreundes kam, hat das eine enorme Ausschüttung von Glückshormonen bewirkt. Jetzt wird man unrund, wenn die beste Freundin nicht innerhalb von zehn Minuten das WhatsApp beantwortet. Das erleben wir 30 Mal am Tag. Wir bekommen kleine, aber nicht wirklich intensive Belohnungen. Auch die Tiefe der Prozesse nimmt ab, wir sind oberflächlich und wissen viele Dinge nur ungefähr. Da wir im Internet nachsehen können. Digitale Medien verändern unser Gehirn. Da gilt es, in gewissen Dingen gegenzusteuern.

Wie?
Prenn:
Indem man Verzicht übt. Ich bin guter Dinge, weil es inzwischen viele Leute gibt, die sehr vernünftig mit digitalen Medien umgehen. Die sich Auszeiten nehmen und feststellen, dass sie sich nichts vergeben. Ich muss wieder der Herr über mich selbst werden. Mich fragen, ob die digitalen Medien bestimmen, was ich jetzt tue, oder ich.

Andreas Prenn ist der Leiter der SUPRO. <span class="copyright">Daniel Mauche<span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span></span>
Andreas Prenn ist der Leiter der SUPRO. Daniel Mauche

Supro

Supro – Gesundheitsförderung und Prävention

Die Supro ist das vom Land Vorarlberg beauftragte Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung und Prävention.

Kontakt:

Am Garnmarkt 1,

6840 Götzis

05523/549 41; info@supro.at

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.