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Happy End für die Schüler des LZH

16.01.2021 • 11:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Corona-Situation für Gerhörlose. Direktorin Andrea Janoch über die Situation der LZH-Schüler. <span class="copyright">LZH </span>
Corona-Situation für Gerhörlose. Direktorin Andrea Janoch über die Situation der LZH-Schüler. LZH

Direktorin Andrea Jonach über Corona-Situation für Schüler des LZH.

Die Corona-Situation hat uns wie auch alle anderen Schulen natürlich völlig überfahren“, erinnert sich Andrea Jonach, Direktorin der Schule für Hör- und Sprachbildung des Landeszentrums für Hörgeschädigte (LZH) in Dornbirn an den Beginn der Corona-Krise und den ersten Lockdown zurück.
Damals, als die Situation noch wesentlich unsicherer war. Als alle Bildungseinrichtungen geschlossen wurden. Als die Maske erstmals als täglicher Begleiter präsentiert wurde. Schon damals war klar, dass Letzteres jedoch keine Alternative für die Schüler des LZH darstellen kann. „Das Problem an regulären Masken ist, dass das Mundbild und die Mimik durch den Stoff vor dem Gesprächspartner verborgen werden. Für hörbeeinträchtigte Menschen sind jedoch genau diese Merkmale während der Kommunikation ausschlaggebend“, erklärt die Direktorin.

Die NEUE berichtete damals über die selbst hergestellten Gesichtsschilder des LZH.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Die NEUE berichtete damals über die selbst hergestellten Gesichtsschilder des LZH. Hartinger

Schilder statt Masken

Für Jonach und ihr Team stand bereits zu diesem Zeitpunkt fest, dass es an ihnen sein würde, eine Lösung für ihre Schüler zu finden. Eine spezielle Art des Gesichtsvisiers wurde entwickelt (die NEUE berichtete), ähnlich jenem, das auch in der Gastronomie benutzt worden ist. Durch die Plastikscheiben gab es keinerlei Einschränkungen mehr, was das Mundbild betrifft. Im November 2020 wurden die Gesichtsschilder jedoch offiziell verboten. Wie sieht die Situation in der Schule für Hör- und Sprachbildung heute aus?
„Alle unsere Lehrpersonen und Therapeuten tragen nun in der Regel eine FFP2-Maske. Wenn es die Kommunikation erfordert, ersetzen sie diese jedoch kurzzeitig mit einem unserer Gesichtsvisiere“, erklärt Jonach die aktuelle Sachlage. Und dieser kurze Wechsel stellt auch kein Problem dar. Auf das Schilder-Verbot folgte nämlich eine Novellierung der Covid-19-Notmaßnahmenverordnung.

Den Schülern und Lehrpersonen des LZH ist auch weiterhin das Tragen von Gesichts-Visieren erlaubt. <span class="copyright">LZH</span>
Den Schülern und Lehrpersonen des LZH ist auch weiterhin das Tragen von Gesichts-Visieren erlaubt. LZH

In dem Ausnahmesachverhalt heiße es wie folgt: „Die Pflicht des Tragens einer den Mund und Nasenbereich abdeckenden und enganliegenden mechanischen Schutzvorrichtung gilt nicht für Gehörlose und schwer hörbehinderte Menschen sowie deren Kommunikationspartner während der Kommunikation.“ Die Gesichtsvisiere, welche jeden Abend zusammen mit den Klassenzimmern und Arbeitsplätzen gereinigt und desinfiziert werden, sollen den Schülern des LZH daher auch weiterhin zur Verfügung stehen. Ein kleines Happy End, das ihnen so schnell auch keiner mehr nehmen wird, davon ist die Direktorin überzeugt: „Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass die Einführung der FFP2-Masken-Pflicht diesen Ausnahmesachverhalt wieder außer Kraft setzt.“

Präsenz-Unterricht

Doch die Handhabung der Masken ist nicht der einzige Unterschied zwischen dem Landeszentrum für Hörgeschädigte und anderen Bildungseinrichtungen.
Seit dem zweiten Lockdown ist die Schule für Hör- und Sprachbildung nämlich aufgrund der Regelung für Sonderschulen außerdem von den Schulschließungen ausgenommen. Der Unterricht wird weiterhin in den Klassen durchgeführt, und auch die Therapien finden ganz normal statt.

An der Schule für Hör- und Sprachbildung wird auch im Lockdown Präsenz-Unterricht praktiziert. <span class="copyright">Hartinger</span>
An der Schule für Hör- und Sprachbildung wird auch im Lockdown Präsenz-Unterricht praktiziert. Hartinger

Eine enorme Erleichterung sowohl für die Lehrkräfte als auch Schüler und ihre Eltern, wie Jonach feststellt: „Wir haben keinen bestimmten Sprengel, unsere Schüler kommen aus dem ganzen Land und darüber hinaus. Das stellt gerade beim Thema ‚Materialpakete‘ natürlich eine gewisse Hürde dar. Diese abzuholen, gestaltet sich für jene, die im näheren Umkreis leben, natürlich wesentlich leichter, als etwa solche, die beispielsweise von Riefensberg anfahren müssen.“ Der Präsenz-Unterricht sollte jedoch auch seine Schattenseiten haben. Gerade für jene Schüler, die auf ihrem Weg ins LZH eine Bundesgrenze überschreiten mussten.
Die Betroffenen brauchten spezielle Sondergenehmigungen, um überhaupt nach Vorarlberg zu kommen. Manchmal gestaltete sich der Schultransport sogar noch ein wenig komplizierter: „Im schlimmsten Fall mussten die Eltern ihr Kind an der Grenze abliefern, und dort haben wir es dann eingesammelt.“ Dennoch ist Jonach vor allem stolz auf das Modell des LZH und die scharfe Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen während des Präsenz-Unterrichts. „Ich bin sehr dankbar für unser tolles und kreatives Team. Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir so gut durch die Krise kommen!“

Fünf Fragen an eine Betroffene Person

Bianca Tischler, Gehörlosenpädagogin an der Schule für Hör- und Sprachbildung des LZH Dornbirn, ist selbst von Geburt an gehörlos. <span class="copyright">LZH</span>
Bianca Tischler, Gehörlosenpädagogin an der Schule für Hör- und Sprachbildung des LZH Dornbirn, ist selbst von Geburt an gehörlos. LZH

1 Wie lange leiden Sie bereits an einer Hörbeeinträchtigung?
Bianca Tischler: Als ich eineinhalb Jahre alt war, stellte meine Mutter fest, dass ich nicht hören konnte. Woran dies genau lag, konnte man weder damals noch heute genau sagen. Jedenfalls habe ich diese Beeinträchtigung nun schon so lange, ich denken kann, und habe sie auch akzeptiert. Es ist nun mal einfach so. Wirklich eingeschränkt fühle ich mich dadurch im Großen und Ganzen nicht. Wirkliche Barrieren stellte ich nur fest, was Weiterbildungen anging. Es gab einige Dinge, die ich gerne getan hätte, es dann jedoch hieß: „Nein, das kannst du nicht“.

2 Wie hat sich Ihr Alltag in Zeiten von Corona verändert?
Tischler:
Große Änderungen gab es für mich nicht, außer vielleicht die Einführung der Maskenpflicht. Diese macht es mir schwer, andere Menschen etwa beim Einkaufen zu ver­stehen. Ich bitte sie dann darum, die Maske kurz abzunehmen, damit ich ihr Mundbild beim Sprechen erkennen kann. Zum Anfang der Corona-Zeit war dies jedoch viel schwieriger, manche Leute nehmen den Mund-Nasenschutz verständlicherweise nur ungern herunter. Auch beim Hausarzt gab es deswegen einmal große Verständnisprobleme. Als ich dann das nächste Mal die Praxis aufsuchte, hatte er sich ­extra für mich ein Visier zugelegt.

3 Was würde Ihnen gerade in Zeiten von Corona helfen, um Ihren Alltag leichter bewältigen zu können?
Tischler: Schön wäre, wenn ein korrektes Kommunikationsverhalten gegenüber einer gehörlosen Person in Zeiten von Corona publik gemacht werden würde. Der Gesprächspartner sollte zuerst ein paar Schritte auf Abstand gehen, damit wir anschließend beide risikofrei für die Unterhaltung unsere Masken abnehmen können. Andernfalls kann ich die Person ja nicht verstehen. Es wäre schön, wenn Menschen sich mit diesem Ablauf vertraut machen könnten.

4 Gerade in Zeiten wie diesen ist medizinische Versorgung natürlich mehr denn je ein großes Thema. Erleben Sie diesbezüglich Defizite für Menschen mit Hörbeeinträchtigung?
Tischler:
Glücklicherweise war ich selbst noch nie in der Situation, einen Notruf absetzen zu müssen. Meine Mutter lebt außerdem genau neben mir, so könnte ich im Notfall zu ihr gehen und mir ihre Unterstützung holen, etwa um einen Dolmetscher zu organisieren. Zum Glück musste ich mir darüber aber bislang noch keine allzu großen Gedanken machen. Sollte der Fall jedoch irgendwann einmal wirklich eintreten, wäre es für mich natürlich eher kompliziert und liefe über drei Ecken, bis ich Hilfe bekommen würde.

5 Wie erleben Sie die Informationsvermittlung (etwa über neue Regierungsmaßnahmen) für Menschen mit Hörbeeinträchtigung?
Tischler:
Über den Fernseher bekomme ich schon einiges an Informationen mit, meiner Ansicht nach allerdings leider viel zu wenig. Meine Mutter beispielsweise wird über das Radio immer sehr schnell und regelmäßig mit allen wichtigen Infos versorgt, diese verpasse ich natürlich. Deswegen benutze ich hauptsächlich das Internet, um mehr zu erfahren. Auf diesem Weg komme auch ich an alle nötigen Informationen heran, es dauert nun einmal nur immer ein bisschen länger als etwa bei hörenden Menschen.

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