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“Hilfsangebote nehmen sehr stark ab”

22.01.2021 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Im ersten Lockdown war Nachbarschaftshilfe, etwa das Einkaufen für andere, in Vorarlberg noch ein großes Thema. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Im ersten Lockdown war Nachbarschaftshilfe, etwa das Einkaufen für andere, in Vorarlberg noch ein großes Thema. Philipp Steurer

Wie Vorarlberger den Wandel sozialen Engagements erleben.

Eine Welle an sozialem Engagement brach in Zeiten des ersten Lockdowns über die Vorarlberger herein. Dies wurde gerade in den sozialen Netzwerken deutlich. Egal, ob es das Erledigen von Einkäufen für Senioren und Hochrisikopatienten, Telefongespräche gegen die Einsamkeit oder auch das Gassiführen des Hundes einer infizierten Person war.

Wohin man auch sah, waren da Menschen, die anderen in diesen schweren Zeiten Hilfe anboten. Nachbarschaftshilfe stand an der Tagesordnung. Jeder unterstützte jeden. Es wurden sogar spezielle Gruppen oder eigene Telefon-Hotlines erstellt, um diese Mengen an Hilfsangeboten einigermaßen bündeln und besser vermitteln zu können.

Seither ist jedoch einige Zeit vergangen. Das Land erlebt mittlerweile den bereits dritten Lockdown. Hilfsangebote oder -anfragen sind nur mehr spärlich zu finden. Die Krise ist in gewisser Hinsicht zur Normalität geworden. Zum Alltag.

Erster Lockdown

Das merkt auch Fredi Wudler. Der Wolfurter war von Anfang an darum bemüht, seine Mitmenschen in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Wo auch immer eine helfende Hand benötigt wurde, Fredi war da.

Für ihn selbstverständlich: „Ich wurde so erzogen. Wenn jemand Hilfe braucht, bin ich zur Stelle.“ So holte der Wolfurter beispielsweise während des ers­ten Lockdowns immer wieder Obst und Gemüse beim Frastanzer „Fruchtexpress“ und lieferte es Menschen nach Hause.

Fredi Wudler aus Wolfurt stellt eine deutliche Veränderung des sozialen Engagements seit dem ersten Lockdown fest. <span class="copyright">Handout/Privat</span>
Fredi Wudler aus Wolfurt stellt eine deutliche Veränderung des sozialen Engagements seit dem ersten Lockdown fest. Handout/Privat

Aktueller Stand

Mittlerweile sieht die Situation jedoch anders aus. Fredi hilft zwar immer noch, wo er kann, wenn er um Hilfe gebeten wird, doch er ist einer der wenigen, die übrig geblieben sind.

„Das soziale Engagement und die Hilfsangebote etwa auf Social Media nehmen sehr stark ab.“ Er geht davon aus, dass ein Grund dafür sicherlich auch sei, dass einige Menschen aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft ausgenutzt wurden.

„Sollte das der Fall sein, ist es ja auch irgendwo verständlich, dass die Betroffenen nicht mehr so gerne helfen wollen.“ Doch nicht nur die Hilfsbereitschaft sei sichtlich weniger geworden. Auch immer weniger Menschen bitten andere um Unterstützung.

„Viele trauen sich, glaube ich, auch nicht mehr wirklich, um Hilfe zu bitten. Warum genau, kann ich aber auch nicht sagen.“

Hilfe missverstanden

Auch für Philipp Vetter wäre es selbstverständlich gewesen, anderen Menschen in diesen komplizierten Zeiten unter die Arme zu greifen. Für ihn sehr überraschend schien er aber mit seinem Angebot, seinen Nachbarn bei den Einkäufen zu helfen, so manchem auf die Füße zu treten.

Philipps Hilfsangebot wurde von manchen Nachbarn missverstanden.  <span class="copyright">Handout/Privat</span>
Philipps Hilfsangebot wurde von manchen Nachbarn missverstanden. Handout/Privat

„Einige vermittelten den Eindruck, ich würde sie damit in eine gewisse Opferrolle stecken oder sie bevormunden. Da spielt nun einmal auch ein bisschen der Stolz mit“, erklärt sich der 33-Jährige die Reaktion.

Gekränkt war er darüber jedenfalls nicht. Dennoch achtet er nun vermehrt darauf, anderen sein Hilfsangebot nicht aufzudrängen. „Ich denke meine Nachbarn wissen, dass ich da bin und sie jederzeit an meine Türe klopfen können, sollten sie bei irgendetwas Hilfe oder Unterstützung brauchen.“

Hilfe beim Umzug

In einer genau umgekehrten Lage fand sich Nadine Waibel aus Götzis wieder. Im Herbst stand für die 21-Jährige der Umzug in eine neue Wohnung an – schwanger und inmitten des Lockdowns. „Alle in unserem neuen Block waren so hilfsbereit und zuvorkommend. Dafür bin ich sehr dankbar!“

Eine solche Bereitschaft, andere zu unterstützen, hat Nadine Waibel vor Corona in dieser Form noch nie erlebt. <span class="copyright">Handout/Privat</span>
Eine solche Bereitschaft, andere zu unterstützen, hat Nadine Waibel vor Corona in dieser Form noch nie erlebt. Handout/Privat

Eine solche Bereitschaft, andere zu unterstützen, habe Waibel vor Corona in dieser Form noch nie erlebt, sagt sie. Dennoch ist sie der Auffassung, dass Nachbarschaftshilfe nicht nur während der Pandemie ein Thema sein sollte: „Ich weiß, dass ich immer bei meinen Nachbarn klingeln kann, sollte ich ihre Hilfe benötigen. Natürlich gilt dasselbe auch umgekehrt. Sowas ist heutzutage leider nicht selbstverständlich und daher umso mehr wert.“

Umfrage: Hilfsbereitschaft in Zeiten von Corona?

“Tatsächlich bin ich gerade erst nach Dornbirn in einen Mehrparteinhaushalt umgezogen. Nicht nur, dass ich dort sehr freundlich empfangen wurde, sondern auch das menschliche Miteinander und die Herzlichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen, geht unter die Haut. Gerade in Covid-19-Zeiten ist mir das sehr wichtig, musste ich auch feststellen, welche gesellschaftliche Veränderung mit den Maßnahmen einhergeht. Während sich im Internet die Fronten zunehmend verhärten, ist die Sehnsucht nach menschlicher, gegenwärtiger Kommunikation meiner Ansicht nach Größer denn je. Ein Lächeln kann ein Anfang sein, ein Danke ein Fortschritt und eine unverbindliche, helfende Hand das, was wir in Zukunft sehr schätzen werden.” – Lukas Wagner, Dornbirn

"Nicht nur, dass ich dort sehr freundlich empfangen wurde, sondern auch das menschliche Miteinander und die Herzlichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen, geht unter die Haut", freut sich Lukas Wagner über das gute Verhältnis zu seinen neuen Nachbarn. <span class="copyright">Handout/Privat</span>
"Nicht nur, dass ich dort sehr freundlich empfangen wurde, sondern auch das menschliche Miteinander und die Herzlichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen, geht unter die Haut", freut sich Lukas Wagner über das gute Verhältnis zu seinen neuen Nachbarn. Handout/Privat

“Meiner Meinung nach hat das soziale Engagement seit dem ersten Lockdown wieder stark nachgelassen. Vielleicht, weil die Situation damals unklarer war. Doch Corona sollte nicht der einzige Grund für Hilsbereitschaft sein. Es sind kleine Gesten, wie etwa das Erledigen von Einkäufen oder derzeit auch Hilfe beim Schnee schippen, die Großes bewirken können. Es ist doch immer schön zu wissen, sich im Notfall Hilfe beim Nachbar suchen zu können.” – Joanna Thoma, Dornbirn

Joanna Thoma ist der Meinung, dass das soziale Engagement seit dem ersten Lockdown wieder stark nachgelassen hat. <span class="copyright">Handout/Privat</span>
Joanna Thoma ist der Meinung, dass das soziale Engagement seit dem ersten Lockdown wieder stark nachgelassen hat. Handout/Privat

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