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Das Ringen um eine faire Beurteilung

23.01.2021 • 19:58 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Besonders für Kinder, die in eine weiterführende Schule wechseln, ist die Schulnachricht wichtig. <span class="copyright">Hartinger</span>
Besonders für Kinder, die in eine weiterführende Schule wechseln, ist die Schulnachricht wichtig. Hartinger

Ist es legitim, nach Distance-Learning-Phasen Zeugnis auszustellen?

Ein äußerst herausforderndes Schulsemester neigt sich dem Ende zu. Nun steht für die sogenannte Schulnachricht die Frage nach der Benotung an. Und erfordert neben der Bewertung der erbrachten Leistungen während des kurzen Präsenzunterrichts auch eine Beurteilung dessen, was die Schüler während des Distance Learnings getan haben. Die Oberstufenschüler mussten ab Anfang November durchgehend im Homeschooling bleiben. Ihnen hat die Situation besonders viel abverlangt. Die Diskussionen darüber, was in dieser Situation richtig und gerecht ist, sind emotional. Die Empfindungen und Wünsche der Betroffenen variieren beträchtlich. Die Bandbreite der Forderungen reicht von komplettem Auslassen der Beurteilung für das gesamte Schuljahr bis hin bis zu normaler Benotung – allerdings unter Einberechnung der besonderen Umstände und einem Waltenlassen von Milde.

Zeugnis kommt

Argumente wie die Frage, wie gut Stoff im Distance Learning tatsächlich durchgemacht werden konnte, und die Problematik, dass nicht kontrolliert werden kann, ob statt der Schüler nicht etwa die Eltern die Arbeitsaufträge zu Hause erledigt haben, werden ins Treffen geführt. Dem wird entgegengehalten, dass dennoch genügend Daten zur Leistungsbeurteilung erhoben werden konnten. Manche fordern die Einführung eines speziellen Kriterienkataloges, an dem sich die Lehrer orientieren können und sollen. Den wird es nicht geben, heißt es aus der Bildungsdirektion. Zeugnisse mit Noten werden aber definitv verteilt. Allerdings erst nach den Semsterferien. „Würden sie jetzt ausgegeben, müssten die Schüler an die Schulen kommen. Das ist derzeit nicht wünschenswert“, erklärt Elisabeth Mettauer-Stubler von der Bildungsirektion den Grund.

Elternverband: Klare Kriterien vorgeben

Michael Tagger, Obmann des Landeselbernverbandes, würde die Benotung weglassen. <span class="copyright">Privat</span>
Michael Tagger, Obmann des Landeselbernverbandes, würde die Benotung weglassen. Privat

Der Elternverbandsobmann, Michael Tagger, hätte sich ein Weglassen der Noten für das gesamte Schuljahr, in jedem Fall aber für das Wintersemester, gewünscht. „Weil sie einfach nicht fair sein können.“ Kein Lehrer könne wirklich beurteilen, ob ein Kind die Aufgaben im Distance Learning selbst erledigt hat, oder nicht. Dadurch, dass nur eine einzige Schularbeit pro Fach geschrieben wurde und diese in manchen Fällen sehr schlecht ausgefallen sei, drohten manchen Kindern schlechte Noten. „Das ist unglaublich demotivierend.“ Besonders schlimm sei das für Schüler der vierten Klassen, die sich mit der Semesternachricht ja bei den weiterführenden Schulen bewerben müssen. „Der Bildungsminister hat davon gesprochen, bei der Benotung Milde walten zu lassen. Doch Milde sieht bei jedem Lehrer anders aus“, ist Tagger überzeugt. Er ist sich bewusst, dass trotz Protest benotet werden wird. Er fordert das Ministerium daher auf, klare Kriterien für diese Leistungsbeurteilung vorzugeben. Die Schularbeitennoten müssten weniger Gewicht bekommen.

Schulsprecher: Individuelle Aufträge

Schulsprecher Julian Kmenta wünscht sich, dass die Außerordentlichkeit der Situation miteinberechnet wird. <span class="copyright">privat</span>
Schulsprecher Julian Kmenta wünscht sich, dass die Außerordentlichkeit der Situation miteinberechnet wird. privat

Der Schulsprecher des PG Mehrerau, Julian Kmenta, ist der Meinung, dass Noten trotz des außerordentlichen Betriebs sinnvoll sind. „Wir brauchen sie, damit wir wissen, wo wir stehen“, sagt er. Aber es dürfe nicht benotet werden wie sonst, sondern die Außerordentlichkeit der Situation müsse miteinfließen. Der Gymnasiast weiß aus eigener Erfahrung, dass es sich seltsam anfühlt, Schularbeiten zu schreiben, wenn man nur dazu an die Schule kommt. Daher fände er es für eine faire Benotung sinnvoll, jedem Schüler zusätzlich individuelle Arbeitsaufträge zu geben, deren Erledigung stark in die Note miteinfließt. „Es wäre ein Mehraufwand für die Lehrer. Aber so könnte dem Problem gegengesteuert werden, dass ein einziger Schüler einen Online-Arbeitsauftrag erledigt und das Ergebnis dann an seine Mitschüler für deren Verwendeung schickt. Um den Übertritt in weitergehende Schulen fair zu gestalten, schlägt Kmenta vor, die Bewerber Arbeitsaufträge zu einem Allgemeinwissens-Thema erledigen zu lassen. Auf diese Weise zeige sich, wer wo stehe.

Bildungsdirektion: Notengebung ist möglich

Elisabeth Mettauer-Stubler von der Bildungsdirektion ist überzeugt, dass es möglich ist, Noten zu geben. <span class="copyright">Bildungsdirektion</span>
Elisabeth Mettauer-Stubler von der Bildungsdirektion ist überzeugt, dass es möglich ist, Noten zu geben. Bildungsdirektion

Elisabeth Mettauer-Stubler von der Bildungsdirektion erklärt: „Das Bildungsministerium hat – auch über die Medien – ausgerichtet, dass es keine eigenen Kriterien zur Beurteilung für dieses Semester geben wird. Grundsätzlich läuft sie so wie immer. Aber natürlich wissen die Lehrer aus dem Frühjahr, dass die besonderen Umstände miteinfließen müssen.“ Es sei zwar die Möglichkeit, schriftliche Leistungsüberprüfungen durchzuführen, begrenzt gewesen. Vor allem, weil nur eine einzige Schularbeit pro Fach geschrieben werden durfte. Aber auch während des Distance Learnings habe es die Möglichkeit gegeben, die Mitarbeit zu erheben, Arbeitsaufträge seien erledigt worden, die ebenfalls in die Beurteilung miteinfließen könnten. Die Schüler hätten ihre Kompetenzen zeigen können. Es gebe seit dieser Woche auch die Möglichkeit, Schüler für Schularbeiten oder Tests an die Schule zu holen. „Auch die Schüler dürfen sich solche Prüfungen wünschen. Auf diese Weise können sie sich auch verbessern.“ Von der Bildungsdirektion aus sei man daher der Meinung, dass eine Benotung möglich sei.

Volksschule: „Zum Haareraufen“

Gunnar Winkler, Direktor der VS Sulz-Röthis, würde die Noten lieber auslassen. <span class="copyright">Privat </span>
Gunnar Winkler, Direktor der VS Sulz-Röthis, würde die Noten lieber auslassen. Privat

Die Notengebung sei zum Haare­raufen und bereite ihm und seinem Team große Sorgen, sagt Gunnar Winkler, Direktor der Volksschule Sulz-Röthis. „Weil immer wieder mit Unterbrechungen gearbeitet werden musste und im Stoff auch nicht vorangeschritten werden konnte.“ Andererseits hätten sich die Lehrer intensiv mit den Kindern auseinandergesetzt und würden sie auch gut kennen. „Insofern können wir auch Noten geben. Aber wenn wir nicht müssten, würden wir es lieber nicht tun.“ Bildungsfachleute hätten ja auch emfpohlen, sie auszusetzen. Es würden nun teils die erprobten Lernzielkataloge abgewandelt. „Wir nehmen Rücksicht und können das mit der Benotung kombinieren.“

Mittelschule: „Noten werden gewünscht“

Christoph Hämmerle, der Direktor der MS Dornbirn-Markt, ist überzeugt, dass es möglich ist, Noten zu geben. <span class="copyright">Privat </span>
Christoph Hämmerle, der Direktor der MS Dornbirn-Markt, ist überzeugt, dass es möglich ist, Noten zu geben. Privat

Das Thema Noten ist schwierig“, gesteht Christoph Hämmerle von der Mittelschule Dornbirn Markt. „An der Mittelschule ist es wahrscheinlich noch einfacher als an der Oberstufe, weil wir die Schüler doch einige Zeit im Präsenzunterricht vor Ort hatten“, sagt er. Aus dieser Phase gebe es Leistungserhebungen. „Wir haben nicht so viele Aufzeichnungen wie in anderen Jahren“, gibt er zu. Doch er ist dennoch davon überzeugt, dass eine objektive Beurteilung möglich ist. Da nur eine einzige Schularbeit pro Fach geschrieben wurde, werden die dabei erreichten Noten nur bis maximal 50 Prozent gewertet. „Wir haben nun außerdem die Möglichkeit erhalten, Schüler für Tests und Prüfungen an die Schule zu holen.“ Das sei ein großer Vorteil. „Im Zweifelsfall entscheiden wir im Sinne der Kinder. Dazu hätte es die Empfehlung von Minister Faßmann, milde zu sein, gar nicht gebraucht.“ Eine Leistungsbeurteilung sei wichtig und werde von den Kindern auch gewünscht, das sehe er bei denjenigen, die er derzeit an die Schule holt.

Gymnasium: Schwierig, aber möglich

Christoph Prugger, Direktor des Gymnasium Feldkirch, ist ebenfalls der Meinung, dass genügend Basis zur Notengebung da ist. <span class="copyright">Privat</span>
Christoph Prugger, Direktor des Gymnasium Feldkirch, ist ebenfalls der Meinung, dass genügend Basis zur Notengebung da ist. Privat

Die Situation ist weder für Schüler, Lehrer noch Eltern einfach, aber es ist möglich, Noten zu geben“, sagt Christoph Prugger vom Gymnasium Feldkirch (Rebberggasse). „Bei uns wurde in der Unterstufe in jedem Fach eine Schularbeit geschrieben, es gab Leistungsfeststellungen während des Präsenzunterrichts oder Arbeitsaufträge während des Distance Learnings.“ All das könne herangezogen werden. Bei den Oberstufenschülern gestaltet sich die Situation heikler. Diese waren ja seit Anfang November durchgehend im Distance Learning. „Trotz allem ist eine Basis da.“ Auch sie hätten pro Fach eine Schularbeit geschrieben. Die neue Möglichkeit, Schüler zur Notenklärung in die Schule zu holen, sei hilfreich. Die Bitte des Bildungsministers, Milde walten zu lassen, werde gehört werden. Zur Problematik, dass Eltern Distance-Learning-Arbeitsaufträge erledigt haben könnten, sagt er: „Es ist uns bewusst, dass es das gibt. Das ist bei Hausaufgaben aber nicht anders.“ Es sei okay, wenn Eltern ihr Kind unterstützen. Nähmen sie ihm aber die Arbeit ab, täten sie ihm nichts Gutes.

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