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„Wir brauchen keine Radikalisierung“

27.01.2021 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig in ganz Europa – darunter auch in Hohenems – markieren den letzten freiwillig gewählten Wohnort von im Holocaust ermordeten Juden.<br><span class="copyright">Symbolfoto/Karin Richert</span>
Die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig in ganz Europa – darunter auch in Hohenems – markieren den letzten freiwillig gewählten Wohnort von im Holocaust ermordeten Juden.
Symbolfoto/Karin Richert

VLP-Vorsitzender zum Holocaust-Gedenktag über Parallelen zu Heute.

Heutzutage gibt es wohl niemanden, der offen von sich behaupten würde, er hätte sich in Zeiten des Holocaust an der Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden beteiligt. Und doch ist genau dies vor 80 Jahren geschehen. Warum Menschen sich zu solchen Untaten verleiten lassen, erklärt Michael Kögler, Psychotherapeut, Erziehungswissenschafter sowie Vorsitzender des Vorarlberger Landesverbands für Psychotherapie (VLP).

„Es beginnt schon in der Kindererziehung“, erklärt Kögler. „Kleine Kinder sind fantasievolle Wesen und glauben neben der positiven Autorität der Eltern an alles, was man sie glauben macht.“
Dem studierten Psychotherapeuten und Erziehungswissenschafter zufolge brauche es zur Entwicklung eines freien, selbstbestimmten Menschen eine Befähigung zur Selbsterziehung.

Suche nach Schuldigen

Für Kögler steckt hinter dem Antisemitismus die Suche nach Schuldigen, einem Feind. „Gerade das Judentum musste als eine Art Sündenbock für andere herhalten. Schon im Mittelalter wurde ihnen die Schuld an der Pest zugeschoben.“

Zweck dieser Suche nach einem Schuldigen, auf den man alles Böse, das in einem selbst wohnt, schieben kann, sei es, sich selbst frei von Schuld darzustellen. „Durch das Schaffen einer negativen Identität anderer wird versucht, sich selbst eine positive zu verschaffen.“ Und dieser Mechanismus sei auch in unserem alltäglichen Leben immer wieder festzustellen, wie der Psychotherapeut erklärt.

Für Kögler steckt hinter dem Antisemitismus die Suche nach Schuldigen, einem Feind. <span class="copyright">Hartinger</span>
Für Kögler steckt hinter dem Antisemitismus die Suche nach Schuldigen, einem Feind. Hartinger

Den Grund dieses Verhaltens führt Kögler auf die Freiheitsfähigkeit des Menschen zurück – oder viel mehr auf die Schattenseite jener. Denn kein anderes Lebewesen auf dieser Erde sei dazu fähig, Abgründe aufzutun und zu vernichten, wie es die Menschheit unter ihresgleichens während der beiden Weltkriege getan hat und auch in Zukunft tun könnte.
„Schon in der Bibel steht: Wer frei von Schuld sei, der werfe den ersten Stein. Es gilt aber das Böse in uns selbst zu suchen, nicht in anderen.“

Entdemokratisierung

Doch dies ist nicht die einzige beunruhigende Beobachtung des VLP-Vorsitzenden: „Seit geraumer Zeit beobachte ich nun schon eine zunehmende Entdemokratisierung und einen schleichenden Rückschritt in Richtung autoritärer Strukturen. Das spüren die Menschen vermutlich in ihrer derzeitigen Ohnmacht in Zeiten der Corona-Krise besonders deutlich, wodurch diese alten Tendenzen gerade jetzt immer mehr an die Oberfläche treten.“

Für Kögler bedenklich seien nicht immer offene, sondern „subtilere“ autoritäre Ideen und Maßnahmen, etwa was die Covid-19-Maßnahmen angeht. „Man spricht von einer freiwilligen Impfung. Sollte man sich jedoch nicht impfen lassen, drohen mögliche Einschränkungen, obwohl es noch keinen empirischen Nachweis dafür gibt, dass eine Impfung die Weiteransteckung verhindert. Konsequenzen sind etwa Jobverlust oder das Verbot zu reisen.“

Für Kögler bedenklich seien nicht immer offene, sondern „subtilere“ autoritäre Ideen und Maßnahmen, etwa was die Covid-19-Maßnahmen angeht. <span class="copyright">Hartinger</span>
Für Kögler bedenklich seien nicht immer offene, sondern „subtilere“ autoritäre Ideen und Maßnahmen, etwa was die Covid-19-Maßnahmen angeht. Hartinger

Dem Psychotherapeuten zufolge eine sehr heikle Diskussion: „Mir fehlt hierbei ein offener, kritischer Diskurs.“ Dieser solle jedoch nicht nur zwischen Politikern und Ärzten stattfinden, sondern innerhalb der Gesellschaft mit Philosophen, Soziologen, Psychologen, aber auch mit den Bürgern und Laien geführt werden. „Es braucht Aufklärung! Wie Immanuel Kant schon sagte, ist ‚Aufklärung die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit‘.“

“Angst ist kein guter Ratgeber”

Auch das Gipfeln von irrationaler Autorität bereite Kögler große Sorgen. Hierbei verweist er etwa auf das bekannte Zitat des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz: „Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist.“ Dem Psychotherapeuten zufolge schüren derartige Aussage irrationale Ängste innerhalb der Bevölkerung. Ein Gefühl von Ohnmacht und Zukunftsängste seien die Folge. „Angst stellt jedoch hier keinen guten Ratgeber dar.“
So zöge es die Menschen in Form von Protesten auf die Straße oder in die sozialen Netzwerke, auf der Suche nach Erklärungen, Gleichgesinnten und einem Zugehörigkeitsgefühl.

Rattenfänger-Prinzip

Problematisch werde dies, wenn die Betroffenen dabei mit Menschen in Berührung kommen, die üble oder manipulative Absichten hegen. Jene, die als eine Art „Rattenfänger“ fungieren und die Angst der Menschen für ihre eigenen Zwecke missbrauchen wollen.
„Und was wir derzeit gar nicht brauchen können, ist eine Polarisierung oder Radikalisierung – wie wir es auch in den Niederlanden beobachten können –, in welche Richtung auch immer. Viel mehr brauchen wir öffentliche Diskurse im Sinne einer offenen, demokratischen Gesellschaft.“

"Was wir derzeit gar nicht brauchen können, ist eine Polarisierung oder Radikalisierung", erklärt der Psychotherapeut. <span class="copyright">Hartinger</span>
"Was wir derzeit gar nicht brauchen können, ist eine Polarisierung oder Radikalisierung", erklärt der Psychotherapeut. Hartinger

Auf die Frage, ob er eine weitere Holocaust-ähnliche Situation in Österreich befürchte, entgegnet der Psychotherapeut: „Ich gehe nicht davon aus, dass uns eine derartige Form von Nationalsozialismus und Faschismus, wie sie im Zweiten Weltkrieg wütete, bevorsteht. Doch in einer viel subtileren Form halte ich eine schleichende Entmündigung der Menschen sowie wütende Weltwirtschaftskriege durchaus für möglich.“

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