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Qualitätsmangel führt zu Engpass bei Tests

27.02.2021 • 20:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Apotheken befürchten einen regen Ansturm. <span class="copyright">Hartinger</span>
Apotheken befürchten einen regen Ansturm. Hartinger

Ab Montag pro Person fünf Gratistest: Apotheken klagen über zu wenig Tests.

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.“ Dieser Refrain der deutschen Band Tocotronic schwingt mit, wenn man sich die gratis Selbsttestabgabe der Regierung genauer ansieht. Wobei die Welt in dem Fall nur das kleine Österreich ist. Das Parlament hat am vergangenen Mittwoch die von Kanzler und Gesundheitsminister versprochene Versorgung der Bevölkerung mit kos­tenlosen Selbsttests ab 1. März beschlossen. Ab Montag kann jeder, der eine E-Card besitzt und älter als 15 ist, in einer der 52 Apotheken ein Fünfer-Set beziehen. Die „Nasenbohrertests“ sind leicht anwendbar und sollten im privaten Bereich verwendet werden.

„Wer nicht unbedingt Tests braucht, sollte nicht gleich am Montag kommen, sondern ein paar Tage warten.“

Jürgen Rehak, Präsident der Apothekerkammer

Es gibt aber ein Problem: Viele Leute, die nächste Woche die Apotheken aufsuchen wollen, werden durch die Finger schauen. Etwa 7,5 Millionen Menschen haben in Österreich Anspruch auf ein monatliches Fünfer-Testkit. Aber die Regierung liefert den Apotheken in der ersten Woche nur drei Millionen Tests, also für weniger als ein Zehntel der Leute.

Geduld ist gefragt

Der Präsident der Apothekerkammer Vorarlberg Jürgen Rehak dämpft die Erwartungen und bittet um Geduld. Die 52 Apotheken des Landes bekommen kommende Woche zu wenig Tests. Das steht außer Frage.
„Meines Wissens sind im Moment für jede Apotheke maximal 2000 Tests verfügbar. Und wenn man die in Fünfergebinde verpackt, sind es genau 400.“ Rehak betont, dass die Apotheken diese Information bewusst zurückgehalten haben. Denn es sei absehbar, dass der Aufschrei laut werde. „Für die Apotheker wird es ganz schwierig. Und die können als Letztes was dafür.“ Der Bund hat im Zuge von Überprüfungen viele angebotene Tests wieder zurückschicken müssen, weil sie einfach mangelhaft waren.

Hintergrund

Über die Sinnhaftigkeit der „Wohnzimmertests“

Laut Robert Spiegel von der Ärztekammer sind die Tests von der medizinischen Seite nicht unumstritten. „Eigentlich können alle drei Tests das Gleiche. Wenn man die Produktbeschreibung liest, dann werben die alle mit ähnlich guter Sensibilität wie der normale Rachenabschnittstest. Das wage ich aber zu bezweifeln. Zudem gibt es da noch zu wenig Studien dazu.“ Die Treffsicherheit ist relativ hoch, aber die falsche Positiv-Rate auch, so Spiegel. „Wenn man die drei Tests vergleicht, dann ist der Nasenbohrertest mit Abstand der Beste. Der ist von der Firma Roche. Und er ist relativ sauber. Das mit dem Gurgeln ist so eine Geschichte und das Spucken ist überhaupt das grausigste. Da muss man in einen Beutel reinspucken und dann mit einem Stäbchen da reinfahren und in dieser Spucke herumrühren.“ Generell zweifelt Spiegel nicht an der Sinnhaftigkeit. „Man hat dann einen guten Einblick in das Infektionsgeschehen. Aber die Leute müssen dann auch im Falle eines positiven Tests dem nachgehen und eine PCR-Test machen lassen.“ Da brauche es ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Zudem fehlt Information von der Regierung. „Das sollte schon lange besser kommuniziert und im Fernsehen ausgerollt werden. In den Medien lese ich da noch wenig über die genaue Handhabung. Man findet es zwar im Internet. Aber es wird viele Leute überfordern.“ Generell macht diese Maßnahme vor allem in Kombination mit allen anderen durchaus Sinn, betont Spiegel.

Rehak appelliert an die Bevölkerung, den Apotheken nicht die Türen einzurennen. Die Nachlieferung gehe einfach nicht so schnell vonseiten der Erzeuger. „Wer nicht unbedingt Tests braucht, sollte nicht gleich am Montag kommen, sondern ein paar Tage warten. Wir haben das ja beim Impfen gesehen. Ab dem Moment wo etwas knapp ist, wollen es alle haben.“
Generell bekommen alle Menschen, die sie wollen und brauchen, ihre Tests. Aber es wird ein wenig dauern. Da ist sich Rehak sicher. „Insgesamt werden über 40 Millionen Tests kommen. Aber erst nach und nach.“ In der kommenden Woche soll angeblich schon eine zweite Tranche kommen. Und laut Rehak wird es Woche für Woche mehr werden. „Spätestens Mitte März müsste das Werk dann sauber laufen und funktionieren. Und dann sollte sich die gesamte Situation langsam entspannen.“

Ein Selbsttest aus der Apotheke. <span class="copyright">Hartinger (2)</span>
Ein Selbsttest aus der Apotheke. Hartinger (2)

Zudem könnte das ganze Vorhaben noch vom Höchstgericht aufgehoben werden. Die Koppelung mit der Gesundheitsakte Elga schließt rund 300.000 E-Card-Besitzer von der Gratisaktion aus. Denn so viele haben sich dort abgemeldet. Ohne Elga-Anknüpfung der E-Card weiß der Apotheker nicht, ob die Person nicht schon bei anderen Apotheken ein Set abgeholt hat. Für die Abwicklung bekommen die Apotheken ein pauschales Honorar in der Höhe von jeweils zehn Euro.

Zu wenig Tests

Die Bundesbeschaffung hat die Tests bestellt. Und da gibt es derzeit zu wenige. „Wenn die zehn Mal mehr hätten und liefern würden, dann wäre alles gut. Die Apotheken schaffen das schon von der Logistik her.“ Wobei der Aufwand für die Apotheken nicht zu unterschätzen ist. Denn die Fünferpacks stellen die Apotheker selbst zusammen. „Vorläufig kommen die in großen Gebinden und wir müssen die dann vor Ort konfektionieren für die Kunden. Später soll das dann umgestellt werden. Sodass wir dann die Ware schon in Fünfereinheiten geliefert bekommen.“

Testvarianten: „Nasenbohrer“ hat sich durchgesetzt

„Für die Kinder ist das schon wesentlich einfacher. Doch die Viren sitzen primär im hinteren Rachenraum. Das heißt, ein Test von hinten ist sicherer und aussagekräftiger“, erklärt Kinderärztin Alexandra Rümmele-Waibel. Aber gerade für kleine Kinder ist der hinterer Nasalabstrich recht unangenehm. Zudem verwenden die Schüler den vorderen schon länger. Und die Erfahrungen damit sind gut. Spuck- und Gurgeltest sind bei Kindern unter zehn Jahren keine Option. „Einerseits scheitert es an der Menge der Spucke. Zudem können die kleinen Kinder noch nicht gurgeln“, ergänzt Rümmele-Waibel. Somit bleibt nur der Nasenputzer-Test. Auch Werner Braun von der Stadtapotheke Bregenz bestätigt das. „Gurgel- und Spucktests werden überhaupt nicht mehr nachgefragt.“ Der Nasenbohrertest hat sich durchgesetzt. Die anderen beiden sind einfach zu kompliziert. „Bevor es den Nasenbohrertest gegeben hat, war der Gurgeltest da, dann der Spucktest. Und jetzt ist eigentlich nur noch der Nasenbohrertest gefragt, seit die neue Produkte am Markt haben“, ergänzt Braun.

Mit diesen Antigen-Schnelltests kann eine akute Infektion bestätigt werden. Der Test wird je nach Hersteller mit unterschiedlichem Probenmaterial durchgeführt.

Der Kern des Problems liegt wie bereits erwähnt bei der Qualität der Produkte. Denn bevor die einzelnen Produkte verteilt werden können, müssen sie getestet werden. Die Angebote für die Tests seien ausreichend gewesen. „Bei der Qualitätsprüfung sind viele Produkte durchgefallen. Sodass man diese nicht gekauft hat. Und was man kaufen konnte, war dann eben nicht genug.“ Somit müsse man jetzt warten, bis entsprechende Mengen nachproduziert werden. Die Qualitätsprüfung hat das Bundesheer durchgeführt. Die haben Produkte von über 30 verschiedenen Anbietern geprüft. Nur acht davon sind übrig geblieben. „Die anderen waren leider schlecht.“ Man müsse wissen, dass das Militär diverse Krankenhäuser und Labors betreibt. Und die haben laut Rehak Kapazitäten frei. Und da in Zeiten einer Pandemie alle zusammenarbeiten, hat die Prüfung der Tests das Bundesheer übernommen.

Nicht nur für Kinder ist der „Nasenbohrertest“ am einfachsten. <span class="copyright">Symbolbild/APA/ANJA OBERKOFLER</span>
Nicht nur für Kinder ist der „Nasenbohrertest“ am einfachsten. Symbolbild/APA/ANJA OBERKOFLER

„Wir kommen, um uns zu beschweren“ nennt sich ein Album der eingangs erwähnten Band Tocotronic. Das wird den Apothekern und dem Bund nicht erspart bleiben ab kommendem Montag. Obwohl Erstere dafür nichts können.