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Winzig klein und schon ein Kämpfer

15.03.2021 • 06:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Während des Notkaiserschnitts musste Perrine Polin-Akhan gleich zwei Masken übereinander tragen. <span class="copyright">Handout/Polin-Akhan</span>
Während des Notkaiserschnitts musste Perrine Polin-Akhan gleich zwei Masken übereinander tragen. Handout/Polin-Akhan

Perrine Polin-Akhan über Geburt ihres Sohnes in Zeiten von Corona.

Der Gedanke, inmitten einer weltweiten Krise ein Kind auf die Welt zu bringen, löst bei vielen wohl schon ein mulmiges Gefühl aus. Doch für Perrine Polin-Akhan sollte die ohnehin schwierige Situation noch zunehmend zum Albtraum werden. Doch zunächst zurück an den Anfang.
„Die Nachricht, dass wir erneut ein Baby erwarten, traf mich und meinen Mann Nihat völlig unerwartet“, erinnert sich die zum damaligen Zeitpunkt bereits vierfache Mutter. „Es hatte keinerlei Anzeichen für eine Schwangerschaft gegeben. Als ich davon erfuhr, befand ich mich bereits in der 25. Woche.“
Ein ziemlicher Schock für die 29-Jährige, der sich jedoch augenblicklich in Freude verwandeln sollte. Doch diese sollte nicht lange anhalten. Nur fünf Wochen später machte Polin-Akhan eine erschreckende Entdeckung – sie verlor Fruchtwasser.
In der 30. Schwangerschaftswoche und nur eine Woche nach dem ersten Covid-19-Fall in Vorarlberg musste die Dornbirnerin zum ersten Mal ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Lockdown im Krankenhaus

Zwei Wochen versuchten die Ärzte mit aller Kraft, eine Geburt in einem so frühen Stadium zu verhindern. Die 29-Jährige erlebte dabei den ersten Lockdown im Krankenhaus. Besuche waren nicht gestattet, nur kleine Abstecher an die frische Luft – natürlich mit Maske – boten zumindest einen kleinen Lichtblick.
Keine leichte Situation, doch die Unannehmlichkeiten sollten sich auszahlen. „Am 24. März wurde festgestellt, dass ich nicht länger an Fruchtwasser verliere. Ich durfte zurück nach Hause und endlich wieder meine Kinder und meinen Mann in den Arm nehmen“, erinnert sich Polin-Akhan an den ersten Hoffnungsschimmer.
Doch wieder sollte die Freude nur kurz andauern. „Eine Woche später folgte die Nachkontrolle. Dort wurde festgestellt, dass kaum noch Fruchtwasser übrig war. Außerdem wurde eine Schwangerschaftsvergiftung festgestellt“, erinnert sich die Dornbirnerin an die kritische Situation. Von da an musste alles sehr schnell gehen.

covid-19

„Sie wollten meinen Mann nicht reinlassen“

Fast wäre Biljana Jovanovics Ehemann nicht zu der Geburt von Sohn Mihajlo in das Krankenhaus hineingekommen.

Auch Biljana Jovanovic kennt die Herausforderungen einer Geburt in Zeiten von Covid-19 nur zu gut. Ihr Sohn Mihajlo erblickte am 26. März 2020 das Licht der Welt. „Damals standen wir noch am Anfang der Krise. Die Situation im Krankenhaus war zu diesem Zeitpunkt also noch sehr schwer einzuschätzen. Niemand wusste genau, was nun erlaubt war und was nicht“, erinnert sich die 27-Jährige.

So kam es auch, dass es direkt vor dem unmittelbaren Geburtstermin sehr hektisch werden sollte. „Unsere Hebamme hatte uns zugesichert, dass mein Mann bei der Geburt dabei sein dürfte. Als es dann jedoch so weit war, wurde er zunächst nicht ins Krankenhaus hineingelassen. Unter Tränen mussten wir die Situation aufklären“, erzählt Jovanovic. Schlussendlich schafften die beiden es jedoch, das Krankenhauspersonal zu überzeugen. Für wenige Stunden durfte Nenad seine Frau vor und nach der Geburt unterstützen. Beim Kaiserschnitt selbst konnte er jedoch nicht dabei sein. „Und das war die einzige Besuchszeit, die wir bekamen. Selbst bei meiner Entlassung musste er draußen warten, während mir die Hebamme beim Tragen meiner Taschen half“, erinnert sich die zweifache Mutter.

Doch auch nach der Geburt sollte die Corona-Situation für die vierköpfige Familie nicht leichter werden. „Natürlich war es in Zeiten von Corona auch wesentlich schwerer, Arzttermine für Mihajlo zu bekommen. Was mir jedoch am meisten im Magen liegt, ist die schulische Leistung unserer neunjährigen Tochter Klara, die sehr unter dem Home-Schooling leidet“, erklärt die 27-Jährige.

Kaum drei Stunden später fand sich die 29-Jährige bereits im Kreißsaal wieder – mit gleich zwei verschiedenen Masken im Gesicht, weinend und allein. „Mein Mann wurde verständigt, jedoch hatte er nur 20 Minuten Zeit, um ins Krankenhaus zu kommen. Er konnte es nicht schaffen. Unter Tränen sagte ich ihm, er solle bei den Kindern bleiben“, erzählt die Dornbirnerin. Es sollte die erste Geburt eines gemeinsamen Kinder werden, bei der ihr Nihat nicht den Rücken stärken konnte.

Fünf Wochen ohne Besuch

Am 2. April des vergangenen Jahres erblickte der kleine Emir in der erst 32. Schwangerschaftswoche per Notkaiserschnitt das Licht der Welt. Er wog zum Zeitpunkt seiner Geburt nur 1933 Gramm, war so winzig klein und doch schon so ein Kämpfer“, erzählt Polin-Akhan liebevoll. Und das musste er auch gleich unter Beweis stellen: Eine Woche lang kämpfte Emir auf der Intensivstation um sein Leben – und sollte den Kampf gewinnen.
Doch auch für die 29-jährige Mutter war die Situation alles andere als leicht. „Fünf Wochen mussten wir im Krankenhaus bleiben. Aufgrund des Besuchsverbots durften weder meine anderen Kinder noch mein Mann zu uns. Ich musste völlig allein mit dem Erlebten klarkommen“, schildert sie die schlimmste Zeit ihres Lebens.
Und dann durfte die fünffache Mutter endlich mit Söhnchen Emir zu ihren Liebsten nach Hause. Die Großfamilie war endlich wieder vereint.

Finanzielle Sorgen

Und doch sollte die Situation aufgrund der Corona-Krise schwierig bleiben. „Mein Mann befand sich aufgrund der Pandemie wie viele andere auch in Kurzarbeit. Für eine siebenköpfige Familie bedeutet dies natürlich eine finanzielle Herausforderung“, erklärt die 29-Jährige.
Doch auch diese Hürde sollte die Großfamilie – bestehend aus Perrine und Nihat Polin-Akhan sowie den Kindern Chantal (10), Savas (7), Baris (5), Aliya (2) und Emir (11 Monate) – überstehen. Und eines ist für die Dornbirnerin sicher: „Wenn wir all das überstehen konnten, dann können wir als Familie wirklich alles schaffen.“

Blickwinkel : Neues Leben in Zeiten der Krise

Jens Kaffenberger, Dornbirn: „Unser Sohn Elias kam wenige Monate vor dem Beginn der Pandemie zur Welt. Seit einem Jahr befinde ich mich nun im Homeoffice und darf so viel von seiner Entwicklung miterleben, etwa seine ersten Krabbelversuche und Schritte, die ich sonst vermutlich verpasst hätte. Auf der anderen Seite ist es allerdings dafür nicht so leicht, in der Gegenwart eines Kleinkindes zu arbeiten (lacht).“

Martina Bui, Bregenz: „Darian Bowie kam am 1. Februar dieses Jahres auf die Welt. Im Krankenhaus musste ich trotz meiner Wehen, die bereits im Drei-Minuten-Abstand kamen, eine Stunde lang eine Maske tragen, bis mir die Ärztin dann erlaubte, sie abzunehmen, um besser atmen zu können. Mein Freund durfte erst eineinhalb Stunden später dazukommen, dadurch quälte mich die ganze Zeit über die Angst, er könnte die Geburt verpassen. Glücklicherweise schaffte er es jedoch rechzeitig, und alles verlief gut. Anschließend wurde mein Partner jedoch wieder nach Hause geschickt und durfte erst am nächsten Tag wieder nach uns sehen. Im Vergleich zu meiner ersten Schwangerschaft empfand ich jene in Zeiten von Corona wesentlich stressiger und beängs­tigender. Ich konnte die Erfahrung daher gar nicht richtig genießen.“

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