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Immer mehr Hilferufe bei Telefonseelsorge

27.03.2021 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Viele Anrufer holen sich Rat bei der Telefonseelsorge.                                                                           Hartinger
Viele Anrufer holen sich Rat bei der Telefonseelsorge. Hartinger

Fast 16.000 Anrufe sind 2020 bei der Telefonseelsorge eingelangt.

Genau 15.915 Mal hat die Telefonseelsorge Vorarlberg im vergangenen Jahr ein Anruf erreicht. Das sind rund zehn Prozent mehr Telefonate als im Jahr davor und so viele wie noch nie, seit es die Einrichtung – die im November ihr 40-Jahr-Jubiläum feiert – gibt. Diese Rekordzahl hat einen Grund und der heißt Corona, bestätigt Leiter Sepp Gröfler.
Anfang des heurigen Jahres sei die Zahl der Anrufe dann wieder gesunken. Mit März sei es dann aber wieder losgegangen, schildert Gröfler die aktuelle Entwicklung. Er führt das unter anderem auf eine weiterhin vorhandene Unsicherheit und den mittlerweile langen Lockdown zurück, der auch die Einsamkeit fördere: „Die Leute halten es nicht mehr aus.“

„Durch den langen Lockdown hat die Einsamkeit zugenommen. Die Leute halten es nicht mehr aus.”

Sepp Gröfler,
Leiter Telefonseelsorge

Zunehmende Einsamkeit

Einsamkeit war aber schon eines der großen Themen im vergangenen Jahr. Rund 20 Prozent der Gespräche hatten dieses Thema zur Grundlage. „Das war schon noch stärker präsent als in den Jahren davor“, sagt Gröfler. Die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen haben diese Problematik noch verstärkt – besonders bei Menschen, die schon vorher davon betroffen waren.
Auffallend war im vergangenen Jahr aber auch die Steigerung bei den Anrufen von Männern, erzählt der langjährige Leiter der Telefonseelsorge. 42 Prozent der Ratsuchenden waren männlich, um sieben Prozent mehr als im Jahr davor. „Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sie mehr Zeit hatten in sich zu gehen und auch auf die Angebote aufmerksam geworden sind“, laut ein Erklärungsversuch von Gröfler.
Themen, die dabei ­besprochen wurden, waren unter ­anderem Finanz- und Arbeitsplatzpro­ble­me. „Aber es ist grundsätzlich eine undefinierbare Krisenstimmung spürbar“, so Gröflers Eindruck. „Die Leute scheinen wie durch einen Nebel zu tappen.“

Sepp Gröfler und sein Team hatten viel zu tun im vergangenen Jahr.                                          Hartinger
Sepp Gröfler und sein Team hatten viel zu tun im vergangenen Jahr. Hartinger

Familienkrisendienst

Weniger häufig als sonst musste im Vorjahr der Familienkrisendienst aktiviert werden. 31 Mal war es 2020 der Fall. Der kommt dann zum Einsatz, wenn Kinder und Jugendliche außerhalb der Geschäftszeiten der Kinder- und Jugendhilfe von Krisen betroffen sind. Konflikte in Familien habe es zwar schon auch gegeben, sagt Gröfler, aber es wurden nicht so häufig Jugendliche vor die Tür gesetzt.
Gleichgeblieben ist indes das Alter der Anrufer bzw. die meis­ten Anrufe kamen wie auch schon in den Jahren zuvor von 40- bis 60-Jährigen. Ein bisschen höher als sonst waren mit 775 Anrufen die Zahl der akut krisenhaften Situationen. Dabei handelt es sich um jene Anrufe, die für die Mitarbeiter der Telefonseelsorge eine besondere Herausforderung darstellen.

„Enger geworden.“

„Am Anfang war die Bereitschaft da, mitzugehen“, beschreibt Gröfler die Stimmung unter den Anrufern im vergangenen Corona-Jahr. Über den Sommer sei dann aufgrund der Lockerungen ein Aufatmen gekommen, im Herbst gab es dann einen Dämpfer und da „ist es enger geworden“.
Immer mehr Anrufer hätten geschimpft, seien zornig gewesen und hätten bei den Maßnahmen nicht mehr mitmachen wollen, so die Erfahrungen bei der Telefonseelsorge. Gründe dafür waren auch Jobverlust oder lange andauernde Kurzarbeit. „Es gab aber auch immer die, die sich durchbeißen wollten“, erzählt Gröfler. Vonseiten der Mitarbeiter der Telefonseelsorge wurde da mit Durchhalteparolen oder beruhigenden Worten reagiert, berichtet der Leiter: „Vielen hat es einfach gut getan, einmal Dampf abzulassen.“

Motivierte Mitarbeiter

Die Rekordzahl an Anrufen im vergangenen Jahr wurde von den üblichen 85 bis 95 Mitarbeitern der Telefonseelsorge gestemmt, informiert Gröfler: „Aber die Mitarbeiter waren in dieser Krise unglaublich motiviert. Sie haben gemerkt, dass der Bedarf da ist und verstärkt Dienst gemacht.“ Das sei wie selbstverständlich gewesen.
Was die kommenden Monate betrifft glaubt Gröfler, dass sich die Zahl der Anrufe wieder auf ein übliches Niveau begeben werde – wenn die derzeitigen Lockerungen in Vorarlberg gehalten werden können. In Hinblick auf die Größe des Landes sei man aber prinzipiell auf einem hohen Niveau – was auch für die Akzeptanz des Angebots spreche.

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