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„Leben nur im Hier und Jetzt“

16.05.2021 • 12:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im Zuge seiner Arbeit für Hospiz Vorarlberg begleitet Jürgen Golmejer Menschen durch ihren Lebensabend. <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Im Zuge seiner Arbeit für Hospiz Vorarlberg begleitet Jürgen Golmejer Menschen durch ihren Lebensabend. Caritas Vorarlberg

NEUE-Serie “Gute Nachricht”: Jürgen Golmejer (46) begleitet Menschen durch ihren Lebensabend.

In einer Welt, in der die Menschen immer narzisstischer und auch egoistischer zu werden scheinen, wollte Jürgen Golmejer einen Unterschied machen. Einen Schritt in die richtige Richtung. „Ich hatte mir schon lange vorgenommen, etwas für meine Mitmenschen zu tun. Doch lange fehlte mir neben der Erziehung meiner Kinder und meinem Beruf die Zeit dafür.“

Arbeit mit sterbenskranken Menschen

„Kurz bevor dann auch noch die Pandemie über uns hereinbrach, habe ich dann jedoch beschlossen, mir endlich einfach die Zeit zu nehmen“, erinnert sich der 46-Jährige zurück. Und gesagt, getan. Er begann sich zu informieren, was es denn alles für Möglichkeiten gibt, sich ehrenamtlich einzubringen – und so stieß er auf die freiwillige Arbeit für Hospiz Vorarlberg.

„Auch ich musste bereits im Kindesalter den Verlust geliebter Menschen erfahren. Derartige Themen wurden damals jedoch praktisch totgeschwiegen, keiner sprach darüber.”

Jürgen Golmejer, Hospiz Vorarlberg

Was für viele auf den ersten Blick vermutlich eher abschreckend wirken würde, bewirkte bei Golmejer das komplette Gegenteil – sein Interesse war sofort geweckt. „Auch ich musste bereits im Kindesalter den Verlust geliebter Menschen erfahren. Derartige Themen wurden damals jedoch praktisch totgeschwiegen, keiner sprach darüber. Umso faszinierender war für mich der Gedanke, dem wohl größten aller Tabu-Themen, der Vergänglichkeit des Lebens, ein wenig seines Schreckens zu nehmen.“

Hündchen Flocki begleitet sein Herrchen oft auf seinen Hospiz-Besuchen.<span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Hündchen Flocki begleitet sein Herrchen oft auf seinen Hospiz-Besuchen.Caritas Vorarlberg

Mit seinen eigenen Erfahrungen anderen Menschen diesen schweren Weg ein kleines bisschen zu erleichtern, das ist sein Ziel. Und auch für ihn selbst stelle die ständige Konfrontation mit dem Tod eine Art Bewältigung seiner eigenen Vergangenheit dar.

Ausbildung

Die Arbeit mit sterbenskranken Menschen ist jedoch verständlicherweise keine leichte. So liegt es auch in der Natur der Sache, dass die freiwilligen Helfer – knapp 230 sind es in Vorarlberg an der Zahl – nicht unvorbereitet auf die Patienten losgelassen werden. Auch Golmejer musste sich zunächst einer Ausbildung und verschiedenen Praktika unterziehen.

“Am wichtigsten ist für die Menschen zu spüren, dass wir für sie da sind. Da sind es oft auch schon Kleinigkeiten, die Großes bewirken.“

Jürgen Golmejer, Hospiz Vorarlberg

Zehn Monate ist das erst her, und doch ist er mittlerweile schon total in den Arbeitsablauf integriert. „Wie alle anderen auch, werde ich von unseren Koordinatoren einer Person zugeteilt, die unsere Dienste benötigt. Das kann in einem Heim, in einer Palliativstation oder auch in einem Privathaushalt der Fall sein. Ungefähr 15 Arbeitsstunden bringen die freiwilligen Helfer pro Monat ein“, erklärt der 46-Jährige.

Bei der Arbeit ginge es weniger um den Tod, als darum, „den verbleibenden Tagen mehr Leben zu geben."<span class="copyright"> Caritas Vorarlberg</span>
Bei der Arbeit ginge es weniger um den Tod, als darum, „den verbleibenden Tagen mehr Leben zu geben." Caritas Vorarlberg

Dabei geht es darum, den Betroffenen und deren Familien in der schlimmsten aller Zeiten beizustehen – etwa durch einfache Gespräche. „Natürlich gibt es leider aber auch Fälle, in denen dies gar nicht mehr möglich ist. In solchen Fällen geschieht die Kommunikation eben auf einer anderen Ebene, unterschwelliger, etwa durch die Gestik. Am wichtigsten ist für die Menschen zu spüren, dass wir für sie da sind. Da sind es oft auch schon Kleinigkeiten, die Großes bewirken.“

„Tod als Erlösung“

Die Gründe, warum Menschen auf ein Hospiz angewiesen sind, sind verschieden. Bei manchen ist es das Alter, bei anderen eine unheilbare Krankheit oder ein Unfall. Viele sind bereits fortgeschrittenen Alters, andere haben ihr Leben erst begonnen. Nur eines haben sie alle gemeinsam: die Gewissheit, dass sich ihr Leben dem Ende zuneigt.

“Es ist unserer Aufgabe, in einer solchen Leidenssituation einen kühlen Kopf zu bewahren und sowohl den Betroffenen als auch den Angehörigen eine Stütze zu sein.”

Jürgen Golmejer, Hospiz Vorarlberg

Eine belastende Situation, die auch die freiwilligen Helfer nicht kalt lässt. „Auch wenn wir im Zuge unserer Arbeit natürlich eine Menge Empathie benötigen, dürfen wir die Schicksale nicht zu nah an uns heranlassen. Ansonsten wären wir handlungsunfähig. Dabei ist es ja unsere Aufgabe, in einer solchen Leidenssituation einen kühlen Kopf zu bewahren und sowohl den Betroffenen als auch den Angehörigen eine Stütze zu sein.“

Die Gründe, warum Menschen auf ein Hospiz angewiesen sind, sind verschieden. Bei manchen ist es das Alter, bei anderen eine unheilbare Krankheit oder ein Unfall. <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Die Gründe, warum Menschen auf ein Hospiz angewiesen sind, sind verschieden. Bei manchen ist es das Alter, bei anderen eine unheilbare Krankheit oder ein Unfall. Caritas Vorarlberg

So verändere die Begleitung von Menschen auf ihrem letzten Weg auch die Sichtweise der Mitarbeiter in Sachen Tod: „Viele der Patienten haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Denn das friedliche Entschlafen, wie wir uns das alle gerne wünschen würden, wird leider nur den wenigsten zuteil. So kommt der Tod immer als eine Art Erlösung, es gibt keine Qual mehr, keinen Schmerz.“ So seien es vielmehr die Angehörigen, mit denen Golmejer mitleidet, als die Sterbenden selbst.

Verbleibenden Tagen Leben geben

Und auch auf seine eigene Einstellung zum Leben habe die ständige Konfrontation mit der Endlichkeit des eigenen Daseins enormen Einfluss genommen: „Ich sehe es immer wieder als Weckruf, dass das Leben nun einmal begrenzt ist. So nehme ich auch mein eigenes viel bewusster wahr.“

Jene, die glauben, dass es nach dem Tod weitergeht, kommen wesentlich besser mit der Situation zurecht als jene, die an nichts glauben.

Jürgen Golmejer, Hospiz Vorarlberg

Denn auch, wenn die Arbeit im Hospiz immer mit einem gewissen Maß an Leid und Trauer verbunden ist, so erkennt der aus Klaus stammende Familienvater als Hauptaugenmerk seiner Arbeit nicht wie vielleicht von vielen angenommen den Tod, sondern vielmehr das Leben:

Auch, wenn die Arbeit im Hospiz immer mit einem gewissen Maß an Leid und Trauer verbunden ist, so erkennt Golmejer als Hauptaugenmerk seiner Arbeit nicht im Tod, sondern viel mehr im Leben. <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Auch, wenn die Arbeit im Hospiz immer mit einem gewissen Maß an Leid und Trauer verbunden ist, so erkennt Golmejer als Hauptaugenmerk seiner Arbeit nicht im Tod, sondern viel mehr im Leben. Caritas Vorarlberg

„Wir versuchen, den verbleibenden Tagen unserer Patienten mehr Leben zu geben. Und gerade auch weil der Tod im Raum steht, wird das Leben umso wichtiger und kostbarer. Sie leben nicht in der Vergangenheit oder Zukunft, sondern nur im Moment, im Hier und Jetzt. Eine Einstellung, von der wir alle noch lernen könnten.“

Glaube als Stütze

In Sachen Angst vor dem Lebensende ließe sich dem ehrenamtlichen Helfer im Hospiz zufolge ein klares Muster erkennen: „Dabei handelt es sich oft um eine Glaubensfrage. Jene, die glauben, dass es nach dem Tod weitergeht, kommen wesentlich besser mit der Situation zurecht als jene, die an nichts glauben. Letztere sind es, die eher unsere Begleitung brauchen. Und in Zeiten, in denen Religion kein allzu großes Thema mehr ist, werden es wohl immer mehr werden.“

Golmejer selbst hat keine Angst vor dem Tod: "Für uns ist der Tod allgegenwärtig, wir haben die Tatsache angenommen, dass das Leben nun einmal endlich ist." <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Golmejer selbst hat keine Angst vor dem Tod: "Für uns ist der Tod allgegenwärtig, wir haben die Tatsache angenommen, dass das Leben nun einmal endlich ist." Caritas Vorarlberg

So lautet auch Golmejers Antwort auf die Frage aller Fragen ganz klar: „Ich selbst habe keine Angst vor dem Tod. Entweder es geht weiter oder eben nicht, aber dann bekomme ich das ja auch nicht mehr mit. Wie es kommt, ist es für mich okay.“ Auch die ständige Konfrontation mit dem Thema nehme diesem seinen Schrecken. „Für uns ist der Tod allgegenwärtig, wir haben die Tatsache angenommen, dass das Leben nun einmal endlich ist. Ich glaube, es sind eher jene, die versuchen, diese Tatsache krampfhaft auszublenden, die sich am meisten davor fürchten.“