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Vier Gesichter, vier Modelle, eine Sparte

16.05.2021 • 18:00 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
V. l.: Ulrike Österle (KG St. Gebhard), Fritz Ritschel (KG St. Gebhard), Jaqueline Sternik (KG Braike) und Natalie Sahin (Kleinkindbetreuung Schöllersteig). <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
V. l.: Ulrike Österle (KG St. Gebhard), Fritz Ritschel (KG St. Gebhard), Jaqueline Sternik (KG Braike) und Natalie Sahin (Kleinkindbetreuung Schöllersteig). Klaus Hartinger

Vier Kindergartenpädagogen über verschiedene Erziehungsmodelle.

Immer wieder sehen sich Elementar- und Kindergartenpädagogen gezwungen, für ihr Recht auf ein angemessenes Gehalt auf die Straße gehen zu müssen – und stoßen damit oft nur auf taube Ohren. Dabei wird die Arbeit der Pädagogen klar unterschätzt. Die NEUE sprach mit vier Vertretern der Branche über ihren Beruf und diverse Erziehungsmodelle.

„Ich sehe mich quasi als Familienvater Plus“

Fritz Ritschel hat schon so manchen Beruf hinter sich. Einzig, dass er gerne im Sozialbereich tätig wäre, war ihm von Anfang an klar. „Ich war in der Lebenshilfe tätig, in der Altenpflege, bevor ich mich zwei Jahre lang als Hausmann vollkommen der Erziehung meiner beiden Söhne widmete. Darin schien ich so richtig aufzublühen“, erinnert sich Ritschel zurück. Nach zwei Jahren in einer berufsvorbereitenden Klasse beschloss er, sich jedoch mit einer „jüngeren Zielgruppe“ noch ein bisschen wohler zu fühlen.

So begann der 46-Jährige vor eineinhalb Jahren seine Ausbildung zum Kindergartenpädagogen am Abendkolleg der BAfEP, arbeitet nebenbei als Assistent im Kindergarten St. Gebhard in Bregenz. Bereut hat er seinen Berufswechsel nie: „Natürlich dürfte jedem klar sein, dass es nicht gerade zu den Berufen gehört, die man aufgrund eines hohen Gehaltes wählt. Doch am Ende des Tages das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles geleistet zu haben, den Kindern etwas Neues beigebracht oder auch etwas von ihnen gelernt zu haben, ist meiner Ansicht nach viel mehr wert“, erklärt Ritschel.

„Eigentlich versuche ich meine Arbeit genauso anzugehen, wie ich sie auch selbst als Familienvater angehen würde. Nur, dass es eben nicht meine Kinder sind", erklärt Fritz Ritschel. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
„Eigentlich versuche ich meine Arbeit genauso anzugehen, wie ich sie auch selbst als Familienvater angehen würde. Nur, dass es eben nicht meine Kinder sind", erklärt Fritz Ritschel. Klaus Hartinger

„Eigentlich versuche ich, meine Arbeit genauso anzugehen, wie ich sie auch selbst als Familienvater angehen würde. Nur, dass es eben nicht meine Kinder sind.“ Die Leidenschaft für seinen Beruf ist ihm anzumerken. Und damit scheint der Familienvater nicht allein dazustehen, auch die Kinder wirken ganz vernarrt in ihn. Kaum eine Minute vergeht, in der seine Schützlinge nicht versuchen, Ritschels Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen und ihn zum Spielen zu überreden. Verständlich, immerhin versucht der 46-Jährige vor allem eines für die Kinder zu sein: eine weitere Bezugsperson. „Ein gro­ßer Bruder und Lehrer zugleich. Eine Art Fami­lienvater Plus“, wie er es selbst ausführt.

So kann der 46-Jährige den Beruf des Kindergartenpädagogen ganz klar nur jedem ans Herz legen: „Denn den Kindern ist es völlig egal, ob du nun ein Mann, eine Frau oder auch ein Außerirdischer bist. Es ist ihnen egal, was du vorher gemacht hast. Worauf es ankommt, ist, eine Arbeit zu verrichten, die einem sinnvoll erscheint und mit der man sich wohl fühlt. Und das würde ich jedem wünschen.“

„Unser Job besteht aus mehr als nur mit Klötzchen zu spielen“

Vor zwei Jahren übernahm Ulrike Österle mit der Planung des Neubaus des Kindergartens St. Gebhard außerdem dessen Leitung. „Der Neubau eröffnete mit einem völlig neuem modernen Konzept, das mit dem ganzen Team ausgearbeitet wurde. Wir bieten den Kindern Lernwerkstätten an, die sie selber an bestimmten Zeiten des Tages aufsuchen können. Partizipation wird hier groß geschrieben“, erklärt die Leiterin.

Doch bei der Übernahme ihrer neuen Position war Österle längst kein Neuling mehr in ihrem Beruf. Seit 33 Jahren widmet sich die Mutter erwachsener Kinder bereits den Jüngsten unter uns. 20 Jahre davon als Leiterin eines anderen Kindergartens. Eine lange Zeit, in der sich in der Sparte viel getan hat: „Besonders, was das Berufsbild angeht. Denn unser Job besteht aus so viel mehr, als nur mit Klötzchen zu spielen.“

Ulrike Österle hat es sich zur Aufgabe gemacht, das oftmals unterschätzte Bild des Berufs der Kindergartenpädagogen richtig zu stellen. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Ulrike Österle hat es sich zur Aufgabe gemacht, das oftmals unterschätzte Bild des Berufs der Kindergartenpädagogen richtig zu stellen. Klaus Hartinger

Das weiß auch die Leiterin selbst nur zu gut, immerhin zählt auch die Koordination zwischen der Stadt Bregenz, diversen Trägern, dem Fachbereich des Landes und vor allem den Eltern und dem Kindergartenteam zu ihren Aufgaben.
„Gerade wegen dieser Vielzahl an Herausforderungen setze ich mich seit Jahren dafür ein, das oft unterschätzte Bild unseres Berufs richtigzustellen.“ Das Hauptaugenmerk der pädagogischen Arbeit erkennt Österle darin, sowohl für die Kinder als auch für die Familien einen guten, kompetenten Wegbegleiter darzustellen.

Eine echte Herzensangelegenheit der Kindergartenleiterin hierbei ist das integrative Konzept der Einrichtung: „Dabei handelt es sich um speziell für Kinder mit besonderen Bedürfnissen zusammengestellte Kleingruppen, die mit der Unterstützung ausgebildeter Pädagogen behutsam an den Kindergartenalltag herangeführt werden.“

„Das gesamte Haus wird eingebunden“

Jacqueline Sternik, Kindergarten Braike, Leitung:

Für Leiterin Jacqueline Sternik hat der Kindergarten Braike einen besonders emotionalen Wert – und das liegt nicht nur an ihrer bereits 20-jährigen Berufserfahrung. „Ich selbst habe damals als Kind bereits die Braike besucht – genau wie auch später dann meine eigenen Kinder.“ Bereits in jungen Jahren spürte sie eine starke Verbindung zu der Einrichtung.

„So kam ich auch als Volksschülerin immer wieder zurück, um die Pädagoginnen zu besuchen und war schon damals davon überzeugt, eines Tages ebenfalls diesen Beruf ausüben zu wollen“, erinnert sich Sternik. Gesagt, getan – und das auch noch sehr erfolgreich, immerhin steht ihre Alma Mater heute sogar unter ihrer Leitung.
Eine Arbeit, in die sie bis heute ihr ganzes Herzblut steckt – das wird auch durch ihre Bereitschaft deutlich, neue Wege zu gehen.

Mit dem offenen Konzept geht Jaqueline Sternik im Kindergarten Braike neue Wege. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Mit dem offenen Konzept geht Jaqueline Sternik im Kindergarten Braike neue Wege. Klaus Hartinger

Während einer Fortbildung hörte Sternik erstmals von dem sogenannten offenen Konzept. „Normalerweise ist jeder Gruppenraum in verschiedene Bereiche eingeteilt. Von der Bau-Ecke bis hin zur Mal-Ecke findet der gesamte Kindergartenalltag in ein und demselben Zimmer statt. Das neue Konzept bietet das komplette Gegenteil“, erklärt die Leiterin. „Dabei wird aus jedem einzelnen Raum ein Erlebnisbereich. Es gibt also einen Raum für Rollenspiele, einen zum Bauen, ein Buchstaben- und Zahlenzimmer, ein Musikzimmer, ein Atelier, eine Turnhalle, einen Garten und auch ein Bistro. Das gesamte Haus wird in den Kindergartenalltag eingebunden.“

Sinn des Konzeptes ist es, die Kinder bewusst selbst entscheiden zu lassen, wie sie ihre Zeit nutzen wollen. Das Modell orientiert sich also an den Bedürfnissen, Interessen, Stärken und dem jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder, an all ihren Stärken und den Dingen, die ihnen Freude bereiten. „Durch das individuelle Eingehen auf jedes einzelne Kind, lernen diese bereits in jungen Jahren, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, was sich langfristig auch sehr positiv auf ihr Selbstbewusstsein auswirkt“, ist die Leiterin der Braike überzeugt.

„Förderung auf Basis der Persönlichkeit des Kindes“

Eines Tages mit Kindern zu arbeiten war seit jeher Nathalie Sahins Berufswunsch. Als sie vor drei Jahren dann nach ihrer dementsprechenden Ausbildung an der Verwaltungsakademie Schloss Hofen zur pädagogischen Fachkraft mit der Leitung der Kleinkindbetreuung Schöllersteig in Bregenz – einer pädagogischen Einrichtung für Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren – beauftragt worden war, ging für die vorherige Assistentin ein Traum in Erfüllung. „Seither bin ich allzeit bemüht darum, das Projekt Kleinkindbetreuung am Laufen zu halten und sowohl unseren Erziehern als auch den Kindern optimale Voraussetzungen zu schaffen“, erklärt sie.

So begleitet sie ihr Team sowohl in pädagogischen Fragen, kümmert sich um die Konzeptgestaltungen, erarbeitet die Dienstpläne und konzeptuelle Jahresplanung, bindet Eltern in die pädagogische Entwicklung der Kinder mit ein und treibt die Weiterentwicklung innerhalb des Teams voran.

Doch neben all den Führungsaufgaben darf für die Vollblutpädagogin natürlich eines nicht zu kurz kommen: Die Betreuung und Begleitung der Kleinkinder. „Hierbei orientieren wir uns an der sogenannten Pikler-Pädagogik, bei der die Betreuung und Förderung des Kindes auf Basis der jeweils eigenen Persönlichkeit und des eigenen Lern- und Entwicklungstempos im Vordergrund steht.“

Diese wertschätzende Haltung ließe sich vor allem an drei Schwerpunkten festmachen, wie Sahin weiter erklärt: Nämlich an dem des freien Spiels, der autonomen Bewegungsentwicklung und der beziehungsvollen Pflege. „Die Bedürfnisse und Entwicklungen des Kindes stehen im Vordergrund und wir passen unsere Entwicklungsangebote individuell an.“ Ein Konzept, dass sich optimal auf ihre Schützlinge auszuwirken scheint, wie die Leiterin der Kleinkindbetreuung abschließend erklärt.

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