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„Konnte nicht glauben, dass ich weiterleben darf“

27.06.2021 • 12:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Mama Rabiye stand ihrem Sohn immer zur Seite. <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Mama Rabiye stand ihrem Sohn immer zur Seite. Handout/Yalcin

Furkan Yalcin (19) sagte dem Krebs den Kampf an – und sollte tatsächlich gewinnen.

“Das Bewusstsein der Vergänglichkeit macht uns klar, dass wir jeden kostbaren Moment nutzen müssen“, sagte einst der Dalai Lama. Niemand kann diese Worte wohl besser nachempfinden als jene Menschen unter uns, denen die Vergänglichkeit des Lebens bereits schmerzhaft vor Augen geführt worden war. Jene Menschen, für die das Leben keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt, sondern ein Geschenk. Ein Geschenk, für das sie hart kämpfen mussten.

„Keiner wusste, was mir fehlt.“

Ein Kampf, dem sich auch Furkan Yalcin stellen musste, als er die schreckliche Diagnose – Krebs im Endstadium – erhielt. Die Chancen standen gegen den jungen Bludenzer, die Zeit lief ihm davon. Und doch bewies er, was für eine Kämpfernatur in ihm steckt. Yalcin hat das schier Unmögliche geschafft, er hat den Krebs besiegt und ist heute gesund und munter. Der NEUE am Sonntag erzählt der heute 19-Jährige von seinem Kampf zurück ins Leben.

Endlich hat Furkan Yalcin wieder Grund zu lachen. Die Bludenzer Frohnatur hat den Lymphdrüsenkrebs besiegt. <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Endlich hat Furkan Yalcin wieder Grund zu lachen. Die Bludenzer Frohnatur hat den Lymphdrüsenkrebs besiegt. Handout/Yalcin

Furkan Yalcin war ein unbeschwerter 17-jähriger Junge. Er hatte gerade seine erste eigene Wohnung bezogen, steckte sein ganzes Herzblut in seine Ausbildung als Friseur, und allem voran erfreute sich der Bludenzer bester Gesundheit. Jedenfalls dachte er das, bis sich sein Leben für immer verändern sollte.

Krebs im Endstadium

„Alles begann mit einem geschwollenen Lymphknoten. Dann begann ich körperlich stark abzubauen und suchte Rat im Krankenhaus. Aber keiner schien herauszufinden, was mir fehlt“, erinnert sich Yalcin zurück. Er wurde wieder nach Hause geschickt, in einem halben Jahr solle er zu einem Kontrolltermin ins Krankenhaus zurückkommen. Doch so lange konnte der junge Bludenzer nicht durchhalten. Binnen weniger Wochen verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide.

Als die Ärzte herausfanden, was dem Bludenzer fehlt, war es beinahe schon zu spät. <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Als die Ärzte herausfanden, was dem Bludenzer fehlt, war es beinahe schon zu spät. Handout/Yalcin

„Ich bekam starke Fieberschübe, mein Kreislauf sackte immer wieder zusammen, und dann fielen mir Verwachsungen an meinem Körper auf. An meinem Hals hatte ich eine riesige Beule, und auch mein Bauch wölbte sich so eigenartig nach außen.“ Tumormasse, wie sich bei einem weiteren Krankenhausbesuch herausstellen sollte. „Dutzende Fehldiagnosen und Vermutungen später folgte dann die Diagnose: Non-Hodgin-T-Zell Lymphom im vierten Stadium.“ Einfacher ausgedrückt: Lymphdrüsenkrebs im Endstadium.

„Jeder Tag zählt“

Und dann musste alles ganz schnell gehen. Der 17-Jährige fuhr nach Hause, packte seine Sachen, und dann war er auch schon auf dem Weg in die Uniklinik in Innsbruck. „Ab dem Zeitpunkt, als der Arzt das Wort ‚Krebs‘ ausgesprochen hatte, habe ich einfach nur noch funktioniert. Es war alles so surreal. Denn Krebs ist uns allen ein Begriff. Jeder kennt jemanden, der Krebs hatte. Doch keiner rechnet damit, tatsächlich selbst daran zu erkranken.“

Seinen immensen Schmerzen und der nie enden wollenden Angst zum Trotz, versuchte der heute 19-Jährige immerzu positiv zu bleiben.  <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Seinen immensen Schmerzen und der nie enden wollenden Angst zum Trotz, versuchte der heute 19-Jährige immerzu positiv zu bleiben. Handout/Yalcin

Eine erschreckende Diagnose, die keinesfalls auch nur einen Moment später hätte gestellt werden dürfen: „Als die Ärzte endlich wussten, was mir fehlt, war es beinahe schon zu spät.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Krebs in Yalcins Körper ausgebreitet. Sein Bauchraum war gefüllt mit Metastasen, ein Liter Tumormasse drückte auf seine Brust. Sein Herz drohte zu versagen, er wurde auf die Intensivstation verlegt.

Instagram als Ausflucht

„Am Beginn meiner Behandlung suchte ich verzweifelt nach Berichten von Menschen, die dasselbe durchmachten wie ich. Nach jemandem, zu dem ich aufblicken kann, bei dem ich Trost finde. Leider wurde ich kaum fündig. So beschloss ich, selbst diese Person für andere Betroffene sein zu wollen.“
Auf seinem Instagram-Kanal (@furkan.yalcin) teilte der damals 17-Jährige all seine Erfahrungen mit seinen Followern. An guten Tagen präsentierte er sich mit Perücke und elegantem Augen-Make-up. Eine echte Frohnatur durch und durch, egal welche Hürde ihm das Schicksal auch in den Weg stellen mag.

Auch schlechte Tage teilte Yalcin mit seinen Followern, wie Bilder, die ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht im Krankenhausbett zeigen, beweisen. <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Auch schlechte Tage teilte Yalcin mit seinen Followern, wie Bilder, die ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht im Krankenhausbett zeigen, beweisen. Handout/Yalcin

Doch auch schlechte Tage ließ er nicht aus, wie Bilder, die ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht im Krankenhausbett zeigen, beweisen. Doch auch an diesen qualvollsten aller Tagen verlor Yalcin niemals seine Freude am Leben, seine positive Einstellung, seinen Kampfgeist. Und dieser sollte sich letzten Endes auszahlen. Denn dann passierte das, was wohl niemand mehr für möglich gehalten hätte: Die Chemotherapie hatte angeschlagen.

Kampf zurück ins Leben

Im Juli vergangenen Jahres erklärten die Ärzte den Bludenzer für geheilt. „Die Gefühle, die in diesem Moment über mich hereinbrachen, lassen sich gar nicht in Worte fassen. Ich konnte es einfach nicht glauben. Es hat mehrere Monate gebraucht, bis ich realisiert habe, dass der Krebs besiegt ist. Dass ich weiterleben darf.“ Ein Satz, dessen Gewichtung nicht tiefer gehen könnte.

Dem heute 19-Jährigen muss eine neue Hüfte eingesetzt werden, weil seine eigene aufgrund einer Hüftnekrose abgestorben ist. Für die Bludenzer Frohnatur ein kleiner Preis: „Im Vergleich zu der Alternative sind diese Hürden ein echtes Geschenk.“ <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Dem heute 19-Jährigen muss eine neue Hüfte eingesetzt werden, weil seine eigene aufgrund einer Hüftnekrose abgestorben ist. Für die Bludenzer Frohnatur ein kleiner Preis: „Im Vergleich zu der Alternative sind diese Hürden ein echtes Geschenk.“ Handout/Yalcin

Und das, obwohl sein Weg zur vollständigen Genesung noch nicht vollkommen überstanden ist: Aufgrund seiner Chemotherapie muss Yalcin immer noch Medikamente einnehmen. Außerdem muss dem heute 19-Jährigen eine neue Hüfte eingesetzt werden, weil seine eigene aufgrund einer durch die Krebs­erkrankung entstandenen Hüft­nekrose abgestorben ist. Für die Bludenzer Frohnatur ein kleiner Preis: „Im Vergleich zu der Alternative sind diese Hürden ein echtes Geschenk.“

Mit seinem Schicksal im Reinen

Geschenk. Ein Wort, das Yalcin auch noch in einem weiteren, wesentlich unerwarteteren Zusammenhang verwendet. Nämlich in Bezug auf seine Krebserkrankung: „Das mag zwar total verrückt klingen, und natürlich hätte ich mir die Krankheit niemals gewünscht, hätte ich die Wahl gehabt. Aber ich gehöre zu der Art von Menschen, die nicht mit ihrem Schicksal hadern. Und so sehe ich auch in meiner Krankheit nur das Positive. Sie hat mich als Mensch wachsen lassen, wie es sonst wohl niemals der Fall gewesen wäre.“

Geschenk. Ein Wort, das Yalcin auch noch in einem weiteren, wesentlich unerwarteteren Zusammenhang verwendet. Nämlich im Bezug auf seine Krebserkrankung. <span class="copyright">Handout/Yalcin</span>
Geschenk. Ein Wort, das Yalcin auch noch in einem weiteren, wesentlich unerwarteteren Zusammenhang verwendet. Nämlich im Bezug auf seine Krebserkrankung. Handout/Yalcin

So hat der heute 19-Jährige seine Erkrankung und die Konfrontation mit dem Tod zum Anlass genommen, sich bewusster mit der Frage auseinanderzusetzen, wie er sein zurückgewonnenes Leben verbringen möchte: „Ich würde gerne meine Matura nachholen und dann im Sozial- oder Pflegebereich tätig werden, um anderen helfen zu können.“ Auf die Frage, mit welchem Gefühl er heutzutage auf die schwerste Zeit seines Lebens zurückblickt, antwortet Yalcin: „Ich bin überzeugt davon, dass alles im Leben aus einem Grund passiert. Mir selbst über meine eigene Sterblichkeit bewusst zu werden, war vielleicht keine schöne, aber dennoch eine sehr wertvolle Erfahrung.“