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„Es ist spät, aber nicht zu spät!“

03.09.2021 • 20:38 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Aaron Wölfling und Mitstreiterin Nele Tschaikner auf einer Protestaktion der Fridays for Future-Bewegung in Dornbirn. <span class="copyright">Sams</span>
Aaron Wölfling und Mitstreiterin Nele Tschaikner auf einer Protestaktion der Fridays for Future-Bewegung in Dornbirn. Sams

Es besteht Hoffnung für die Erde. Davon ist Aktivist Aaron Wölfling überzeugt.

Von Hitzewellen bis Hochwasser – ein Sommer der Extrema liegt hinter uns. Wie tief stecken wir bereits in der Klimakrise?
Aaron Wölfling: Die großen Naturkatastrophen und extremen Wettererscheinungen sind ein klares Indiz dafür, dass wir bereits tief in der Klimakrise stecken. Davon zeugt auch der kürzlich veröffentlichte IPCC-Bericht, der zeigt, dass wir schnell handeln müssen – und das auf einem globalen Level. Österreich ist auf einem guten Weg, doch es muss noch viel passieren.

Was muss genau passieren?
Wölfling: Blockierer des Klimaschutzes müssen sich dem Wandel endlich anschließen. Akteure wie die Wirtschaftskammer, die Landwirtschaftskammer, aber auch Konzerne wie die OMV müssen erkennen, dass wir keinen Platz und keine Zeit mehr für weiteres Zögern haben. Wir haben keine Zeit und keinen Platz mehr für riesige Straßenbauprojekte – Stichwort S 18. Wir haben keine Zeit und keinen Platz mehr für eine OMV, die sich nicht in eine wirtschaftlich klimaneutrale Richtung wandeln möchte, obwohl dies sehr wohl möglich wäre. Wir haben keine Zeit und keinen Platz mehr für Subventionen in den fossilen Sektor. Wir können nicht mehr warten!

Wie steht Österreich im weltweiten Vergleich da?
Wölfling: Im weltweiten Vergleich sind wir einige Schritte voraus. Man muss allerdings dazu sagen, dass wir in Österreich um einiges bessere Ausgangsvoraussetzungen vorfinden als in anderen Ländern. Durch die grüne Regierungsbeteiligung hat sich viel in die richtige Richtung bewegt. Das heißt nicht, dass wir am Ziel sind. Denn auch innerhalb Österreichs gibt es regionale Unterschiede.

Mitglieder der Fridays for Future-Bewegung bei einem Flashmob vor dem Landhaus. <span class="copyright">Steurer</span>
Mitglieder der Fridays for Future-Bewegung bei einem Flashmob vor dem Landhaus. Steurer

Wie schlägt sich denn das Ländle im Bundesvergleich?
Wölfling: Vorarlberg steht mit seiner starken Wasserkraft, der Regierungsbeteiligung der Grünen und den Fortschritten im Bereich der öffentlichen Mobilität sehr gut da. Allerdings macht das Land oft für einen Schritt, das es nach vorne macht, auch wieder einen zurück, wie etwa die S-18-Pläne und die daraus resultierende Verkehrsbelastung. Ein Projekt der Vergangenheit. Was wir jedoch dringend brauchen, sind zeitgemäße Projekte. Hier muss die Regierung noch weiter in die Zukunft denken.

Der Earth Overshoot Day musste dieses Jahr in Österreich einen Tag nach vorne verlegt werden. Was bedeutet das für uns?
Wölfling: Es bedeutet, dass wir erst ganz am Anfang des Transformationsprozesses stehen, den wir in unserer Gesellschaft und in unserer Wirtschaft einläuten müssen, um die Klimakrise in den Griff bekommen zu können. Eine absolut realistische Vorstellung, auch wenn die katastrophalen IPCC-Berichte ein anderes Bild ergeben. Umso wichtiger ist es nun zu handeln und nicht in Hoffnungslosigkeit zu verfallen und einfach aufzugeben. Pessimismus bringt uns nicht weiter. Es ist zwar spät, aber es ist noch nicht zu spät.

Und dennoch ist es in Zeiten der Pandemie stiller um die Fridays-for-Future-Bewegung geworden. Gerät die Klimakrise durch Corona zunehmend in Vergessenheit?
Wölfling: Nein, ganz im Gegenteil sogar. Denn natürlich war das Klima zu Beginn der Pandemie nicht mehr so stark in den Medien vertreten als zuvor. Immerhin war da plötzlich diese neue, viel akutere Krisensituation. Mittlerweile wurde den Menschen der Zusammenhang der Pandemie mit der Klimakrise bewusst. Aus diesem Grund müssen wir beide Problemlagen gemeinsam bekämpfen und nicht gegeneinander ausspielen. Wir müssen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abfangen, ohne dabei in alte Muster – gemeint ist der Rückgang zu fossilen Subventionen – zu verfallen.

Aaron Wölfling im Gespräch mit der NEUE. <span class="copyright">Stiplovsek Dietmar</span>
Aaron Wölfling im Gespräch mit der NEUE. Stiplovsek Dietmar

„Wir müssen die Rettung der Erde alle gemeinsam angehen – als die große Gemeinschaft ihrer Bewohner.“

Aaron Wölfling, Klimaaktivist

Doch leichter gesagt als getan. Hand auf’s Herz: Glaubst Du noch an die Rettung der Erde?
Wölfling: Ja, ich glaube, dass wir die Erde noch retten können. Natürlich braucht es dafür riesige Schritte auf internationaler Ebene. Wir müssen gemeinsam agieren und gewaltig umdenken: sei es in der Agrarförderung, im internationalen Verkehr oder auch in der Ernährung. All diese Punkte können aber nur auf internationaler Ebene behandelt werden. Wir müssen die Rettung der Erde alle gemeinsam angehen – als die große Gemeinschaft ihrer Bewohner.

Als Gesicht der Vorarlberger Fridays-for-Future-Bewegung bist Du mittlerweile nur noch beratend in der Bewegung tätig. Eine Flucht von dem sinkenden Schiff?
Wölfling: Natürlich nicht (lacht). So sehr ich auch hinter Fridays for Future stehe, eröffneten sich mit der Grünen-Regierungsbeteiligung neue Potenziale für mich. Nachdem ich lange mit auf den Straßen war und Forderungen ausgesprochen habe, möchte ich nun bei der tatsächlichen Umsetzung mithelfen. Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, mich mehr auf der politischen Ebene der Grünen zu engagieren.

Am 15. März 2019 wurde erstmals weltweit im Zeichen des Klimas demonstriert – auch in Vorarlberg. Was hat sich seither getan?
Wölfling: Die weltweite Klimabewegung hat nicht nur einen massiven Beitrag in der Meinungsbildung der breiten Masse zum Thema Klima- und Umweltschutz geleistet, sondern es auch geschafft, Änderungen auf politischer Ebene zu bewirken. So kam es bei uns in Österreich auch erstmals zu einer Regierungsbeteiligung der Grünen, wodurch in Sachen Klima einiges vorangeht. Etwa durch das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzespaket oder das 1-2-3-Klimaticket. Es gab einige Erfolge zu verbuchen, wenn auch noch einiges zu tun bleibt, um die 1,5-Grad-Marke zu erreichen.

Jeden Freitag gingen Anhänger der Bewegung auf der ganzen Welt auf die Straßen, um für das Klima zu demonstrieren. <span class="copyright">Steurer</span>
Jeden Freitag gingen Anhänger der Bewegung auf der ganzen Welt auf die Straßen, um für das Klima zu demonstrieren. Steurer