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Impfung unter 12: Nutzen und Risiko abwägen

03.11.2021 • 20:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
"Wir kennen diese Krankheit nicht genug", sagt jene Ärztin, die Kinder unter zwölf "off-label" impft. <span class="copyright">Shutterstock</span>
"Wir kennen diese Krankheit nicht genug", sagt jene Ärztin, die Kinder unter zwölf "off-label" impft. Shutterstock

Ärztin impft Kinder unter zwölf “off-label”: Doch wie gestaltet sich das Risiko von Kindern bei Covid-19?

Die Impfung wird kommen, aber Covid-19 rauscht schon jetzt durch die Schulen“, sagt eine Grazer Hausärztin. Das ist ein Grund, wieso sie sich entschieden hat, Kinder auch unter zwölf Jahren zu impfen, obwohl es noch keine Zulassung der EMA gibt. In den USA wurde die Notfallzulassung für die Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen für das Vakzin von Biontech/Pfizer in der vergangenen Woche erteilt. Die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde wird im November erwartet.

Aber ich habe mich entscheiden, nur Kinder aus Risikofamilien bzw. von Ärztinnen und Ärzten in dieser Altersgruppe zu impfen.

Ärztin aus Graz

Doch einige Eltern wollten nicht mehr warten. Seit Schulbeginn würden die Anfragen zunehmen, so die Allgemeinmedizinerin. Eben auch für die Altersgruppe der unter Zwölfjährigen. „Aber ich habe mich entschieden, nur Kinder aus Risikofamilien bzw. von Ärztinnen und Ärzten in dieser Altersgruppe zu impfen.“ Aus diesem Grund möchte sie in diesem Artikel anonym bleiben.

Nicht viele Impfungen

Die Zahl der bislang geimpften Kinder unter Zwölf in ihrer Ordination ist an zwei Händen abzuzählen. Der Grund, wieso sie so streng entscheidet, ist ein rechtlicher. Denn beim sogenannten „off-label-use“ trägt die Ärztin das Risiko im Falle von Nebenwirkungen, die Herstellerfirma übernimmt keine Haftung. Aufgrund der fehlenden Empfehlung des Nationalen Impfgremiums kommt auch das staatliche Impfschadengesetz nicht zum Tragen.

„Off-label“ bezeichnet die Verwendung eines Präparats abseits der Zulassung. Das bedeutet: Es wird für etwas eingesetzt, für das dieses Produkt formal keine Zulassung hat. Eine „off-label“-Verwendung ist weder illegal noch unüblich – vor allem in der Kinder- und Jugendheilkunde –, es kommen jedoch andere rechtliche Parameter zum Tragen als bei einer Anwendung innerhalb der Zulassung. Es ist aber eine vertiefte Aufklärung der Eltern vorgeschrieben, der Arzt muss darstellen, welche Risiken es gibt. Laut E-Impfpass haben bislang 1495 Kinder unter elf Jahren ein Impfzertifikat.

Risiko der Impfung geringer als Risiko einer Infektion

Die Entscheidung, ob ein Kind „off-label“ geimpft wird, liegt beim Arzt – und bei den Erziehungsberechtigten. Die Grazer Ärztin schätzt das Risiko der Impfung geringer ein als das Risiko einer Infektion. „Kinder haben meist leichtere Verläufe als Erwachsene. Aber es ist zu bedenken, dass infizierte Kinder die Erkrankung in die Familien tragen können. Auch sind die Langzeitfolgen einer Infektion noch nicht abschätzbar.“ Hingegen zeige die milliardenfache Verabreichung, dass die Impfung sicher sei.

Blickt man auf die Inzidenz, so liegt diese bei den unter Fünfjährigen bei 130,5. Vergleicht man alle Altersgruppen, sind die Fünf- bis 14-Jährigen mit 599,1 am stärksten betroffen, danach folgen die 15- bis 24-Jährigen mit 560,2 (Stand 1. November 2021). Wobei hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche in den Schulen regelmäßig getestet werden, „demnach dürfte die Dunkelziffer hier recht klein sein“, sagt Volker Strenger, Kinder- und Jugendfacharzt (Med Uni Graz).

Risikobewertung

Wie ist das Risiko für Kinder und Jugendliche zu bewerten? „Long Covid ist ein Thema“, sagt Strenger. Es werde sich aber erst zeigen, in welchem Ausmaß, es brauche mehr Daten. Hingegen bekannt ist das Risiko, dass Kinder einige Wochen nach durchgemachter oder unerkannter Infektion an PIMS (Paediatric imflammatory multisystem syndrome) erkranken können. Hier kommt es zu einer überschießenden Immunreaktion, eine Hospitalisierung ist notwendig, oft sogar eine Intensivbehandlung. „Das ist eine ernsthafte Erkrankung“, sagt der Kinderinfektiologe. Etwa eines von 1000 bis 5000 infizierten Kindern erkrankt an PIMS. Zum Vergleich, bei Sinusvenenthrombosen nach AstraZeneca-Impfung lag die Ratio bei 1:100.000.

„Generell ist die Lage bei uns, und das höre ich auch von anderen Abteilungen in Österreich, sehr ruhig in Bezug auf akute Covid-Fälle – auch Fälle von PIMS sehen wir derzeit wesentlich weniger als bei den aktuell hohen Infektionszahlen zu erwarten wäre“, sagt Strenger. Im Gegensatz dazu müssen vermehrt Kinder mit einer RSV-Infektion stationär behandelt werden.

1328 Kinder und Jugendliche stationär behandelt

Insgesamt wurden bislang (Erhebungszeitraum 1. März 2020 – 31. August 2021) 1328 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre mit Covid-19 stationär behandelt. Bei 826 handelte es sich um die Hauptdiagnose, bei 502 um die Nebendiagnose. Intensivmedizinisch betreut wurden 131 Kinder und Jugendliche.

Jene Altersgruppe, die von Hospitalisierung am meisten betroffen war, war die der unter Vierjährigen mit insgesamt 520 hospitalisierten Kindern. „Das liegt daran, dass man bei Kleinkindern sehr vorsichtig ist, da sich sehr rasch – auch bei anderen Erkrankungen – eine Verschlechterung einstellen kann.“

Was sagen all diese Daten nun? „Auch wenn Kinder seltener erkranken als Erwachsene, können ungeimpfte Kinder das Virus weitergeben, sie können selbst erkranken“, sagt Strenger und führt auch jene Folgen ins Feld, welche die Infektion nach sich ziehen könnte. Bei Covid-19 müsse man diese noch weiter erforschen. Dementsprechend hält er eine Zulassung der Impfung auch für Kinder zwischen fünf und elf Jahren für wünschenswert. Ebenso wie jene Grazer Hausärztin, die Kinder aktuell schon unter zwölf Jahren impft. Sie hofft, dass die Zulassungserweiterung der EMA auch für diese Altersgruppe bald kommt: „Wir kennen diese Krankheit einfach noch nicht gut genug.“

Martina Marx