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Baustelle hinterlässt tiefe Risse in Bludenz

08.01.2022 • 19:26 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Der Bauplatz in Bludenz entzweit die Geister. Bürgermeis­ter Simon Tschann sieht sich Kritik ausgesetzt.<span class="copyright">NEUE</span>
Der Bauplatz in Bludenz entzweit die Geister. Bürgermeis­ter Simon Tschann sieht sich Kritik ausgesetzt.NEUE

Bauprojekt in der Alpenstadt lässt Zweifel aufkommen.

Jede Baustelle bringt Einschränkungen für die Umgebung mit sich. Die Nachbarn müssen mit dem Lärm leben, und überall staubt es. Wenn das Bauwerk dann fertig ist, bleibt vielleicht eine geliebte Aussicht versperrt, oder das eigene Gemüsebeet liegt plötzlich im Schatten.

Wenn gebaut wird, fliegen daher oft die Fetzen. Für Vorarlberg, wo Gründe immer knapper und teurer werden, gilt das wohl besonders. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass ein neues Wohnprojekt in Bludenz für Unmut bei den Nachbarn sorgt. Ungewöhnlich ist allerdings das Engagement der Politik und die Interpretation von Bauvorschriften durch die Stadt.

Gut vernetzt

Dass sich die Baufirma Jäger in Bludenz niederlässt, ist ein Erfolg, den sich 2019 sowohl der damalige ÖVP-Bürgermeister Josef Katzenmayer als auch SPÖ-Vizebürgermeis­ter Mario Leiter gerne auf die Fahnen heften. Die Betriebs­ansiedlung wurde, wie in solchen Fällen nicht unüblich, mit ­Förderungen versüßt. Jäger ist ein Gewinn für die Stadt und vor allem für die Kommunalsteuer.
Das mag ein Grund sein, warum man im Bludenzer Rathaus jenes Projekt unterstützt, das Jäger in der Fohrenburgstraße verwirklichen will. Darüber hinaus ist Adolf Concin, langjähriger Bludenzer ÖVP-Bezirksparteiobmann und Rechtsanwalt, ein Jugendfreund von Guntram Jäger, dem Chef der Baufirma. Unter Beratung der Kanzlei Concin & Partner will Jäger im Villenviertel drei Wohnblöcke errichten, wie die NEUE am Sonntag bereits im Juli 2021 berichtete. Guntram Jäger hatte damals über seine Anwälte ein Interview angeboten, das aber nie zustande kam.

Max Eckert, der in der Nachbarschaft wohnt, kritisiert die Unterstützung der Bludenzer Politk für das Projekt: „Dass die zuständigen Gremien der Stadt dieses Projekt gutheißen und noch unterstützen, ist nicht nur ärgerlich, sondern untragbar.“ Der Bauträger hat das Grundstück bereits 2020 erworben. Dass man sich bei Jäger über den Wert der Lage im Klaren ist, zeigt die Bewerbung auf der Webseite des Unternehmens: Dort wird die Anlage mit der St. Annastraße beworben, auch wenn von den drei Wohnblöcken nur einer dort angrenzt. Der Straßenname verspricht in Bludenz eine noble Adresse.

Kritik im Beirat

Als Jäger die Baupläne erstmals dem Gestaltungsbeirat der Stadt vorlegt, sind noch zwei Gebäude mit drei Stockwerken geplant. Der Fachbeirat, ein Beratungsgremium in Bausachen, der im August und September 2020 unter dem Vorsitz des damaligen Bürgermeis­ters Katzenmayer tagt, äußert sich kritisch:
„Beim Bauplatz handelt es sich um ein wunderschönes Grundstück im Villenviertel von Bludenz. Ziel einer Bebauung muss es sein, den Charakter des stark durchgrünten Villenviertels zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das vorliegende Projekt liefert dazu keinen geeigneten Beitrag.“ Die geplanten Wohnblöcke würden die „städtebauliche Körnung des Quartiers“ sprengen, heißt es in der Niederschrift weiter. Auch die Höhe der Baukörper entspreche nicht dem dort üblichen Maß. „Der Umgang mit dem Außenraum ist höchst unbefriedigend.“ Auch die geplanten Flachdächer werden kritisiert. Eine andere, jüngst in der St. Annastraße errichtete Anlage sei mit drei Stockwerken und einer Baunutzungszahl von 55 „gerade noch verträglich“.

Dichte vergleichen

Die Baunutzungszahl dient dazu, die Dichte geplanter Gebäude mit der bestehenden Umgebung zu vergleichen. Sie gibt, grob gesprochen, das Verhältnis der Wohnfläche zum Grundstück wieder. Eine hohe Baunutzungszahl zeigt an, dass rund um einen Wohnbau nur noch wenig Grünfläche bleibt. Der Gestaltungsbeirat emp­fiehlt für das von Jäger erworbene Grundstück eine Baunutzungszahl von 50 bei maximal drei Stockwerken.
Außerdem plädiert man für drei Baukörper und höchstens zwei Wohnungen pro Etage. Sollte Jäger einen Architekturwettbewerb ausschreiben, könne man über eine Baunutzungszahl von 60 und eine „teilweise Viergeschoßigkeit“ nachdenken.

Das Problem des Gestaltungsbeirates: seine Empfehlungen sind nicht bindend. Der Bürgermeister als Baubehörde kann zwar auf deren Umsetzung pochen, muss es aber nicht.

Neue Pläne

Jäger will daraufhin das Projekt überarbeiten. Als der Beirat am 27. Jänner 2021 unter dem neuen Bürgermeister Simon Tschann (ÖVP) tagt, liegen geänderte Pläne vor: Nun sind drei anstatt zwei Wohnblocks vorgesehen, außerdem sind Walm- anstatt Flachdächer geplant. Allerdings sind nun auch alle drei Blocks viergeschoßig. Der Beirat hält dennoch fest, dass die Pläne eine „wesentliche Verbesserung“ darstellen. Das vierte Stockwerk sei, da es als Dachgeschoß geplant wird, „auf ein noch nachvollziehbares Maß gebracht“ worden.

Alles anders

Doch Jäger plant erneut um. Im Juni 2021, als der Beirat wieder zusammenkommt, haben die Wohnblocks plötzlich Flachdächer. Das Gremium kritisiert die Höhe und Baudichte, die Baunutzungszahl beträgt nun 77,34. Das Gebäude weise eine „ortsunübliche Massivität“ auf, heißt es in der Beurteilung des Beirates. Das Urteil ist teilweise vernichtend: „In der jetzigen Form wird die banale Architektur weder der Umgebung noch dem Anspruch des Bauherrn gerecht, ein hochwertiges Projekt anzubieten.“ Auch in der Stellungnahme des Amtssachverständigen für Orts- und Landschaftsbild im Rathaus wird die „untypische Dichte“ der geplanten Bauten kritisiert. Umso mehr verwundert es, dass Bürgermeister Tschann, der auch diesmal dem Gestaltungsbeirat vorsitzt, nach außen hin anderes berichtet.

Am 30. August erklärt Tschann, der in der Sendung „Vorarlberg Live“ auf das Bauprojekt angesprochen wird: „Wir haben den Gestaltungsbeirat damit beauftragt, viele Profis damit beauftragt, auch bei uns in der Stadt, und die haben das für gut befunden.“

Beirat am Abstellgleis

Tatsächlich wird der Gestaltungsbeirat in der Bausache Fohrenburgstraße danach kaltgestellt. „Die finale Planüberarbeitung wurde nicht mehr im Gestaltungsbeirat besprochen“, heißt es dazu aus dem Rathaus.
Der Beirat sei eben ein Beratungsgremium, Baubehörde sei der Bürgermeister. Die letzte Version der Baupläne wird in der Folge auch nicht mehr entschärft. Die Gebäude sollen nun so nahe an der Straße stehen, dass die Stadt eine Abstandsnachsicht bis auf 90 Zentimeter erteilen muss. Jäger muss auch kein Verkehrskonzept erstellen, das übernimmt die Stadt. Dafür erhält sie einen Streifen des Grundes für einen Gehsteig. Damit steigt aber auch die Baunutzungszahl auf über 80. Die Anrainer bekommen davon jedoch zunächst nichts mit. Bei der Bauverhandlung werden Pläne mit der alten Baunutzungszahl verwendet.

Zudem werden die negativen Beurteilungen des Beirates nicht zum Bauakt genommen. Von der Stadt heißt es dazu: „Das ist kein Versäumnis. Der Gestaltungsbeirat ist eben kein Amtssachverständiger, und deshalb sind die Protokolle auch nicht Teil des Behördenaktes.“

Allerdings, so erklärt der Anrainer Martin Graß, findet sich auch die Stellungnahme des Amtssachverständigen nicht in den Bauunterlagen, die ihm bei der Akteneinsicht vorgelegt werden. Die Stadt legt dieses erst im Verfahren beim Landesverwaltungsgericht vor. Unter anderem schreibt der städtische Gutachter darin: „Aus stadtplanerischer Sicht kann die Umgebung durch das Bauvorhaben wesentlich negativ beeinträchtig werden.“ Weiters hält er fest: „Zumindest die gesetzlichen Mindestabstände zur öffentlichen Verkehrsfläche sind von den Baukörpern einzuhalten. Diesbezüglich ist das Projekt zu überarbeiten.“

Einer der Projektgegner vor dem Grundstück. <span class="copyright">NEUE</span>
Einer der Projektgegner vor dem Grundstück. NEUE

Bescheid erlassen

Eine solche Überarbeitung findet jedoch nicht mehr statt. Bürgermeister Tschann lässt den Bau genehmigen. Die Initiative „Bludenz 2030“, die sich gegen das Projekt ausspricht, ist darüber empört. Sie kritisiert die Handhabung des Baugesetzes, das eigentlich ortsübliche Maßstäbe für Neubauten vorschreibt. Allerdings können Anrainer wegen der Verletzung der ästhetischen Grundsätze des Gesetzes nicht vor Gericht ziehen. Graß hat daher nur wegen des zu erwartenden Lärms Beschwerde erhoben. Er fürchtet, die Wohnanlage werde den Straßenlärm auf sein Grundstück reflektieren. Das Verfahren ist beim Landesverwaltungsgericht anhängig. Die Prüfung einer bei der Bezirkshauptmannschaft eingebrachten Aufsichtsbeschwerde gegen den Bürgermeister ruht bis zur gerichtlichen Entscheidung.

Vorbildwirkung befürchtet

Sein Sohn Florian Graß, der als Sprecher der genannten Initiative fungiert, fürchtet eine Vorbildwirkung für künftige Projekte. Vielleicht dürfe bald jeder Bauwerber auf 0,90 Meter an die öffentliche Verkehrsfläche bauen.

Im Rathaus rechtfertigt man sich: „Der Bürgermeister hat gesetzlich einen Baubescheid – wenn keine Versagungsgründe wie öffentliche Sicherheit, Nichteinhaltung von Abstandsflächen oder bautechnische Gründe vorliegen – zu erteilen. Der Bauwerber hat ein Recht auf einen Baubescheid. Behörde ist der Bürgermeister und nicht der Gestaltungsbeirat.“

Allerdings war die Stadt Bludenz zu keiner Zeit verpflichtet, dem Bauwerber eine Abstandsnachsicht zu erteilen, ebensowenig musste sie sich bereiterklären, ein Verkehrsgutachten auf eigene Kosten zu erstellen. „Wir sind enttäuscht, dass sich der junge Bürgermeister nicht für eine nachhaltige und ortsbildgerechte Bebauung einsetzt und ihm das Ortsbild offensichtlich völlig egal ist“, erklärt Florian Graß.