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Kritische Infrastruktur für Ausfälle gerüstet

17.01.2022 • 20:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Kritische Infrastruktur für Ausfälle gerüstet
Beim Roten Kreuz gibt es einen Eskalationsstufenplan. Träte eine hohe Stufe ein, gilt: “Notfall- und Rettungseinsätze kommen nicht zum Erliegen”, sagt Geschäftsleiterin Janine Gozzi. Hartinger

Viele Schutzmaßnahmen bei Polizei, ÖBB oder den illwerke VKW.

Gestern waren rund 9000 Menschen in Vorarlberg in Quarantäne. Eine beachtliche Zahl. Wie viele Omikroninfizierte und Menschen in Quarantäne noch zu erwarten sind, weiß niemand. Schon vor mehreren Wochen wurden Warnungen ausgesprochen, dass die kritische Infrastruktur bei einer zu hohen Zahl an ausgefallenen Menschen gefährdet sein könnte. Deshalb haben die betroffenen Betriebe und Organisatoren Präventions- und Notfall-Pläne ausgearbeitet.

Eine Zahl bzw. einen Wert, der festmacht, ab wann ein kritischer Punkt erreicht ist, gibt es laut Florian Themessl-Huber, Leiter der Landespressestelle, nicht. „Das hängt von den unterschiedlichen Einrichtungen bzw. deren Aufgaben ab. Wie viel Personal für die Versorgung gebraucht wird, ist von Bereich zu Bereich unterschiedlich. Wir haben bereits vor Weihnachten informiert und vergangene Woche die Einrichtungen der kritischen Infrastruktur zu einem Austausch geladen und sie auf die Wichtigkeit von entsprechenden Konzepten – und vor allem der Booster-Impfung – hingewiesen.“

Im Notfall werden im Gesundheitsbereich karenzierte und pensionierte Personen kontaktiert.

Florian Themessl-Huber, Pressesprecher Land Vorarlberg

Im Gesundheitsbereich, insbesondere in den Spitälern, seien die Konzepte für die Aufrechterhaltung der Versorgung schon seit Längerem ausgearbeitet. „Im Notfall werden karenzierte und pensionierte Personen kontaktiert. Ein öffentlicher Aufruf mit einer digitalen Registrierungsmöglichkeit für Personen im Pflegebereich ist in Vorbereitung“, so Themessl-Huber. Wenn es die Infektionslage erforderlich machen würde, würden im Gesundheitsbereich geimpfte Kontaktpersonen arbeiten dürfen – natürlich unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen wie Anzug, Maske, Brille etc.

Kritische Infrastruktur für Ausfälle gerüstet
Janine Gozzi, Geschäftsleiterin Rotes Kreuz Vorarlberg. Rotes Kreuz

Beim Roten Kreuz Vorarlberg sind momentan vier Mitarbeitende aktiv positiv. Bei 300 Menschen, die angestellt, als Zivildiener oder im freiwilligen sozialen Jahr zurzeit für die Blaulichtorganisation arbeiten, ist das sehr wenig. „Wir haben das Glück, dass sehr viel Personal geboostert ist und von den Zivildienern die meisten zweifach geimpft sind“, sagt Janine Gozzi, Geschäftsleiterin des Roten Kreuzes.

Sieben Stufen

Mehrmals wöchentlich findet eine Lagebeurteilung hinsichtlich der Gefahr einer Systemüberlastung statt. Es gibt einen sogenannten Eskalationsstufenplan mit den Stufen null bis sieben. Seit drei Wochen sei man auf Stufe eins, berichtet Gozzi. „Bei Stufe vier müssten wir Leistungen zurückfahren“, erklärt sie. Zum Beispiel würden dann Fahrten zu Reha-Aufenthalten für Personen, die im Sitzen transportiert werden, abgesagt. Oder auch Fahrten zur Dialyse für Menschen, die im Auto sitzen können. Für den Fall, dass wirklich Stufe sieben erreicht werden würde, kann die Geschäftsleiterin beruhigen: „Notfall- und Rettungseinsätze kommen nicht zum Erliegen. So stark sind wir immer besetzt.“ Mit den Ehrenamtlichen und weiteren Unterstützern kommt das Rote Kreuz schließlich auf eine Mannschaft von 2000 Personen.

Auch wenn die Lage momentan – bei Stufe eins – noch recht gut ist, so merke man dennoch, dass viele Mitarbeitende angespannt sind. „Wir schreiten angespannt von Woche zu Woche, weil wir nicht wissen, was uns blüht, und weil diese Situation nicht wirklich greifbar ist.“

„Sind gut vorbereitet“

Von den Illwerke vkw heißt es von Pressesprecher Andreas Neuhauser: „Auf die Omikron-Welle sind wir gut vorbereitet.“ In der kritischen Infrastruktur der VKW – also dem Bereich, der direkt notwendig ist, um eine störungsfreie Energieversorgung zu gewährleisten – wurden Teams gebildet, die keinen physischen Kontakt zueinander haben. Der Schichtwechsel in den Warten, etwa der Hauptschaltleitung in Bregenz, von wo aus das Netz überwacht wird, findet virtuell statt. Zudem wurde alles für einen Isolationsbetrieb in Containern und geeigneten Räumlichkeiten vorbereitet, der innerhalb von 24 Stunden starten könnte.

Kritische Infrastruktur für Ausfälle gerüstet
Ein Bild aus dem Illwerke Control Center. Hier werden Kraftwerke überwacht. VKW

Zurzeit sei nur eine geringe Zahl an Mitarbeitenden infiziert. Aber auch bei einer hohen Anzahl an Infektionsfällen „sind wir zuversichtlich, die Energieversorgung zu gewährleisten“, sagt Neuhauser.

Als Grundlage für die organisatorischen Maßnahmen dient übrigens ein Szenario mit einem Ausfall von einem Drittel der Arbeitskräfte in der kritischen Infrastruktur und einem gleichzeitigen Schlechtwetterereignis. „Auch so eine Extremsituation wäre beherrschbar“, berichtet Neuhauser.

Viele Präventionsmaßnahmen

Bei der Vorarlberger Polizei wurden ebenfalls viele Präventionsmaßnahmen ergriffen, damit sich möglichst wenige Mitarbeitende im Dienst anstecken. Auch hier wird mit Teams gearbeitet, die gegenseitig keinen Kontakt haben. Die interne Maskenpflicht wurde ausgeweitet. „Dort, wo zwei Mitarbeiter in einem Büro sitzen, wird die Maske nun auch getragen. Ebenso bei Besprechungen“, konkretisiert Pressesprecher Horst Spitzhofer. Interne Veranstaltungen sind komplett ausgesetzt worden, Dienstreisen ohne zwingende Notwendigkeiten wurden abgesagt. Menschen, die extern in eine Polizeidienstinspektion kommen – zum Beispiel Handwerker – müssen einen 2G-Nachweis erbringen.

Sollte es dennoch zu vielen Ausfällen kommen, gibt es einen Notfallplan. Dann würden Nebensächlichkeiten reduziert. Zum Beispiel Behördenaufträge wie Lenkerakte oder die Rsb-Brief-Zustellung. Das Wichtigste, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit, „ist gewährleistet“, sagt Spitzhofer.

Kritische Infrastruktur für Ausfälle gerüstet
Bei der Polizei gelten wie bei anderen Einrichtungen der kritischen Infrastruktur viele Schutzmaßnahmen, damit es erst gar nicht zu vielen Ausfällen kommt. Steurer

„Niemand weiß genau, was Omikron bringt, aber wir sind nicht zuletzt aufgrund der bisherigen Erfahrungen zuversichtlich, dass wir gut vorbereitet sind und den öffentlichen Verkehr auch weiterhin weitgehend aufrechterhalten können“, sagt ÖBB-Sprecher Christoph Gasser-Mair.

Für alle Strecken wurden sogenannte Betriebsstörungskonzepte ausgearbeitet. Sie regeln, wie der Zug- und Busverkehr im Fall von Einschränkungen abgewickelt werden würden. Dabei gibt es verschiedene Abstufungen, je nachdem wie viele Personen ausgefallen und welche Strecken betroffen wären. Ein Szenario in diesem Betriebsstörungskonzept ist zum Beispiel: Für eine Strecke, die wegen zu vieler Lokführer in Quarantäne nicht mehr bedient werden könnte, könnte ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet werden.

Kritische Infrastruktur für Ausfälle gerüstet
Für Lokführer gilt ein besonders hohes Schutzniveau. ÖBB

Auch bei den ÖBB setzt man sehr auf Prävention. Eine interne Corona-Taskforce hat ein umfassendes Präventionskonzept erarbeitet. Ein besonders hohes Schutzniveau gilt dabei für Mitarbeitende in betriebskritischen Bereichen. Das sind zum Beispiel Lokführer und Fahrdienstleiter.

Fast alles kritische Infrastruktur

Bei der Stadt Bregenz zählen beinahe alle Abteilungen und Dienstleistungsbereiche zur kritischen Infrastruktur: die Stadtpolizei, die Feuerwehr, der Bauhof, die Abwasserreinigungsanlage, aber zum Beispiel auch die Kinderbetreuung. Das Präventionskonzept der Stadt ist umfassend. Zu den Maßnahmen gehören zum Beispiel: Umstellung auf Homeoffice, wo es möglich und sinnvoll ist. Wo dies nicht der Fall ist – weil etwa regelmäßiger Parteienverkehr stattfindet – wird in festen Teams oder Schichtdiensten gearbeitet, wobei sich die Personen aus diesen Teams oder Schichten nicht begegnen. Zudem sind Maskentragen, Hände-Desinfektion und Abstandhalten selbstverständliche Vorgaben.

„Im Ernstfall würde auf externe Dienstleister zurückgegriffen werden. Das gab es schon mehrmals bei extremen Schneefällen.“

Thomas Baumann, Pressesprecher Stadt Bregenz

Pressesprecher Thomas Baumann sagt: „Unter Berücksichtigung des Präventionskonzeptes ist nicht davon auszugehen, dass die Belegschaften derart reduziert werden, dass nicht einmal mehr ein Notbetrieb aufrechterhalten werden könnte.“ Im Ernstfall könnte auch auf externe Dienstleister zurückgegriffen werden, wie das schon mehrfach beim Schneeräumen bei extremem Schneefall war.