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Unbekannte Krankheit mit 100 Gesichtern

12.02.2022 • 15:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Unbekannte Krankheit mit 100 Gesichtern
Man weiß nicht, wohin die Reise für schwer betroffene Long Covid-Patienten geht. Shutterstock

Long Covid findet kaum Beachtung, beinhaltet einige Aspekte und vieles ist noch unklar. NEUE-Serie Teil 1.

Long Covid ist eine neuartige Erkrankung, über die noch viel Unklarheit herrscht und zu der es in Vorarlberg noch wenig Expertisen gibt.

Daher hat die NEUE am Sonntag außerhalb des Landes nach Spezialisten gesucht und ist dabei auf die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) gestoßen. Vertreter dieser Gesellschaft waren mitbeteiligt bei der Erarbeitung der österreichischen und deutschen Leitlinien zu Diagnose und Therapie von Long Covid.
Long Covid ist allerdings ein unscharfer Begriff, der in erster Linie beschreibt, dass Symp­tome nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung länger als vier Wochen anhalten oder neu hinzukommen und nicht anders erklärt werden können. Anhaltende Beschwerden treten sowohl nach schwerem als auch nach moderatem und mildem Krankheitsverlauf auf. Kinder können ebenfalls von Long Covid betroffen sein. Schätzungen zufolge erkranken zwischen zehn und 15 Prozent aller Infizierten. Die Impfung senkt das Risiko dafür aber erheblich.

Long- und Post Covid

Long Covid ist nicht zu verwechseln mit Post Akut Covid. Letzteres bezeichnet Beschwerden wie z.B. Lungenschäden, die nach schwerer Covid-Erkrankung oder nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation auftreten können.

Hundert Symptome

Der Krankheitsverlauf und die Ausprägung von Long Covid können sehr unterschiedlich sein. Mittlerweile sind 100 Symptome publiziert, die mit Long Covid in Zusammenhang gebracht werden. Zu den häufigsten zählen eingeschränkte Leistungsfähigkeit, Schwäche, Müdigkeit bis hin zu Fatigue, einem Zustand größter Erschöpfung. Oft treten auch Atemnot bei Belastung, Herzrasen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen und anhaltender Verlust des Riech- und/oder Schmeckvermögens auf. Etwas seltener werden Brustschmerzen, Husten, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Nervenschmerzen und Sensibilitätsstörungen wie Missempfindungen und Taubheitsgefühl von den Betroffenen genannt. Weitere Merkmale von Long Covid können Kopfschmerzen sein sowie verminderter Appetit, vermehrtes Schwitzen, Schwindel, Durchfall, Haarausfall und Hautausschläge.

Nur Symptombehandlung

Aufgrund der vielfältigen Symp­tome müssen Erkrankte oft verschiedene Spezialisten aufsuchen, da ein Lungenfacharzt etwa bei Atemnot der richtige Ansprechpartner ist, aber nicht bei Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Bei Long Covid können nach Ausschluss organischer Ursaschen nur die Symptome behandelt werden und nicht die Ursache der sogenannten postinfektiösen Beschwerden.
Die Interntistin und Pneumologin Judith Löffler-Ragg, die an der medizinischen Universität Innsbruck tätig und auch Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie ist, sagt über die Symptome von schwerbetroffenen Patienten: „Sie weisen oft eine Kombination aus geistiger und körperlicher Erschöpfung, Belastungsintoleranz, Konzentrations-, Gedächtnis- und Schlafstörungen auf. Begleitet wird das von depressiver ängstlicher Stimmung.“ Die Betroffenen leiden unter Ängsten, etwa dass die Erkrankung nicht endet und sie dadurch in die Arbeitslosigkeit schlittern. Da die Basisbefunde dieser Patienten oft in Ordnung sind, würden ihnen viele Ärzte – basierend auf herkömmlicher Trainingstherapie – sagen, sie sollen sich mehr anstrengen. Das helfe jedoch nicht oder führe sogar zu einer schlechteren Verfassung.herkömmlicher Trainingstherapie – sagen, sie sollen sich mehr anstrengen. Das hilft jedoch nicht oder führt sogar zu einer schlechteren Verfassung.

Judith Löffler-Ragg, Internistin, Pneumologin und Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie. <span class="copyright"> mui d bullock </span>
Judith Löffler-Ragg, Internistin, Pneumologin und Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie. mui d bullock

Dauer unterschiedlich

Die Symp­tome von Long Covid können unterschiedlich lange andauern. Bei Menschen, die symptomlos coronainfiziert waren oder einen milden Covid-Verlauf hatten, verschwinden die Long-Covid-Symptome üblicherweise recht bald wieder. Manche haben längere Zeit mit den postinfektiösen Beschwerden zu kämpfen, doch bessert sich ihr Zustand meist nach Monaten.

Einige leiden schon seit zwei Jahren

Es gibt jedoch Patienten, bei denen man nicht weiß, wie lange Long Covid anhält. Einige von ihnen leiden seit Beginn der Pandemie – also seit zwei Jahren – daran.
Betroffen von langanhaltendem Long Covid sind meist 35- bis 45-Jährige, die mitten im Arbeitsleben stehen. Bei ihnen ist das erste Ziel die Wiedereingliederung. Da es sich gezeigt hat, dass eine klassische Trainingstherapie nicht hilft bzw. den Zustand verschlechtert, wird mittlerweile auf das sogenannte „Pacing“ gesetzt. Diese Methode vermittelt den Patienten, wie sie mit den spärlich vorhandenen Energien haushalten können, damit sie gut durch den Tag kommen.

Auslöser nicht geklärt

Die Auslöser von Long Covid sind nicht restlos geklärt. Eine führende These ist, dass Teile des Coronavirus im Körper überdauern und deshalb eine chronische Infektion entsteht. Aber auch das Erbgut könnte eine Rolle spielen, so etwa eine genetische Anfälligkeit für das Entwickeln einer überschießenden Immunreaktion, die einen schweren Entzündungssturm auslöst. Dies könnte auch das gehäufte Auftreten von Long Covid bei jungen, gesunden Frauen erklären.

Eine herkömmliche Trainingstherapie hilft nicht und kann sogar zu einer schlechteren Verfassung führen.

Judith Löffler-Ragg, Internistin und Pneumologin

„Wir kennen diese Bilder.“

Dass nach einer Infektion post-infektiöse Beschwerden auftreten können, ist nicht neu: „Wir kennen diese Bilder von anderen Infektionen“, sagt Löffler-Ragg. Die Ursachen und Behandlung seien auch früher nicht geklärt worden. „Mit Long Covid besteht die Chance, diese postinfektiösen Krankheitsbilder besser verstehen zu lernen.“ Dasselbe erhofft sich die Ärztin vom Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS), unter dem einige Long-Covid-Patienten leiden. „Wir kennen die molekulare Ursache des CFS nicht und können nur eine adaptierte, aber keine ursächliche Therapie anbieten.“ Es gibt auch kein etabliertes Medikament für CFS. Da durch Long Covid nun mehr Menschen an diesem Syndrom erkranken und sich international mehr Spezialisten damit beschäftigen, sind die Chancen höher, endlich Ursache und Behandlung zu klären.

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