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Wenige Frauen, viele Männer

07.03.2022 • 20:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Wenige Frauen, viele Männer
Hartnäckig, aber nicht schüchtern sein und viel arbeiten: So haben sich Frauen in männerdominierten Berufen behauptet. Shutterstock

Wie sich Frauen in männerdominierten Arbeitswelten durchsetzen.

Die einzige in der Runde

Jessica Lutz, 35 Jahre alt und aus Höchst, arbeitet als Einkäuferin und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Blum Österreich. Daneben hat sie vielerlei Funktionen: Sie ist GPA Landesfrauenvorsitzende in Vorarlberg, hat einen Sitz im Bundesvorstand und im Bundesfrauenvorstand der GPA, sie ist seit 2020 Vizepräsidentin der AK Vorarlberg und Vorarlberger Frauenbeauftragte im Wirtschaftsbereich zwei, das ist die Metallindustrie.
Als solche ist sie seit 2009 bei den Verhandlungen des Kollektivvertrages dabei. Vorgesehen ist, dass jedes Bundesland eine Frau zu den Verhandlungen entsendet, doch in der Realität war das nicht immer der Fall: „Das ist eine Männerdomäne, in der sich manche Frauen nicht wohl­fühlen. Ich war auch schon die einzige Frau in der Runde“, so Lutz.

„Darf mich durchsetzen“

Dass ihre Arbeit männerdominiert ist, ist sie gewohnt: Seit 20 Jahren arbeitet sie bei Blum, und dort liegt der Frauenanteil bei circa zehn Prozent. „Wenn Besprechungen und Abstimmungen sind, sitze ich mit vielen Männern am Tisch und darf mich durchsetzen.“ Sie traue sich, etwas zu sagen. Anderen Frauen, denen das schwerfällt, rät sie: „Sie sollen es einfach ausprobieren. Sie würden gestärkt aus einer Sitzung herausgehen, wenn sie Dinge ansprechen.“
Die engagierte Höchsterin setzt sich bei Blum und in ihren anderen Funktionen für eine bessere Vereinbarung von Beruf und Familie samt guter Work-Life-Balance ein. Weitere Anliegen von ihr sind unter anderem die Verringerung des Gender-Pay-Gaps und eine Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen. „Männer in Führungspositionen erleben das Problem, Beruf und Familie zu vereinbaren, meist nicht. Frauen hingegen schon. Deshalb wäre es so wichtig, dass Frauen vermehrt in leitenden Positionen arbeiten. Dann würde sich in dieser Hinsicht viel mehr bewegen“, ist Lutz überzeugt.

Jessica Lutz, u.a. stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Blum Österreich, GPA Landesfrauenvorsitzende in Vorarlberg und Vizepräsidentin AK Vorarlberg. <span class="copyright">AK Vorarlberg</span>
Jessica Lutz, u.a. stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Blum Österreich, GPA Landesfrauenvorsitzende in Vorarlberg und Vizepräsidentin AK Vorarlberg. AK Vorarlberg

Alte Rollenbilder aufbrechen

Serpil Dogan, 41, ist in Feldkirch geboren und aufgewachsen und führt dort als selbstständige Rechtsanwältin eine Kanzlei. Abgesehen von ihr gibt es im Land noch ein, zwei weitere Anwältinnen mit türkischen Wurzeln. Sie berichtet, dass die Anwaltschaft noch immer eine Männerdomäne ist. Viele Rechtsanwaltsanwärterinnen würden abspringen, da der Beruf mit einer Familie schwer vereinbar ist. „Hier ist der Staat gefragt, Maßnahmen zu ergreifen, damit Familie und Beruf besser unter einen Hut gebracht werden können“, sagt Dogan.

Doch auch wenn eine Frau als Anwältin beginnt, fängt sie nicht immer auf demselben Level an wie ein Mann, sondern fünf Schritte dahinter. „Man muss sich bewähren, und der Mandantschaft zeigen, dass man nicht inkompetent ist, nur weil man eine Frau ist“, sagt Dogan. Ihrem Eindruck nach wählen Menschen als juristischen Beistand eher einen Anwalt als eine Anwältin. Eine Ausnahme gibt es jedoch, und zwar beim Familienrecht. Hier würde man eher zu einer Frau tendieren, weil vom weiblichen Geschlecht angenommen wird, dass es empathischer und mitfühlender ist. Dass Frauen als Anwältinnen oft unterschätzt werden, hänge auch mit Rollenbildern zusammen, die bereits Kinder eingeprägt bekommen: „Die Frau gilt als schwaches Geschlecht. Als Rechtsvertretung will man aber ein starkes Geschlecht.“ Dabei habe dieses einstudierte Rollenbild überhaupt nichts damit zu tun, ob jemand eine gute Anwältin oder ein guter Anwalt ist. Sondern: „Man kennzeichnet sich in Wahrheit nicht durch das Geschlecht, sondern durch Kompetenzen, Fähigkeiten und Stärken.“

Rechtsanwältin Serpil Dogan.<span class="copyright"> Carola Eugster</span>
Rechtsanwältin Serpil Dogan. Carola Eugster

„Man muss Dinge ansprechen“

Michaela Wagner-Braito, 56, hat sieben Jahre die Pressestelle von Hilti in Liechtenstein geleitet, war elf Jahre Geschäftsführerin der Industriellenvereinigung Vorarlberg und ist nun seit zehn Jahren Geschäftsführerin der Lebenshilfe Vorarlberg.
Während ihrer Zeit beim männerdominierten Unternehmen Hilti hatte sie nie das Gefühl, ungleich behandelt zu werden. Hilti habe auch Gleichstellungsprojekte gehabt, so die Dornbirnerin. Als sie dort aufhörte, wurde sie die erste Geschäftsführerin einer Industriellenvereinigung in Österreich. Sie erlebte im Lauf der Jahre dann aber mehrere Geschäftsführerinnen, und es gab eine Zeit, als mehr Frauen als Männer österreichweit diesen Posten innehatten. Bei ihren ersten Sitzungen in Wien konnte es jedoch schon noch vorkommen, dass die Runde begrüßt wurde mit „Sehr geehrte Herren“. „Das war ein No-Go“, so Wagner-Braito. Sie formulierte in solchen Fällen klar, dass sie sich ausgeschlossen fühle. „Man muss generell Dinge, die einem nicht passen, ansprechen. Das ist das Allerwichtigste“, ist Wagner-Braito überzeugt.

„Man muss sehr viel leisten“

Als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten, bedeute, sehr viel leisten zu müssen, um akzeptiert zu werden. Viel zu arbeiten, liege aber in ihrem Naturell, und sie sei auch nicht der schüchterne Typ. „Ich hatte deshalb nie Probleme in der Männerwelt.“
Bei der Lebenshilfe seien die Führungsgremien männlich und weiblich mittlerweile gut durchmischt, was Wagner-Braito sehr gut findet. Doch zu Beginn ihrer Tätigkeit war sie auch dort die erste Geschäftsführerin österreichweit.
Wagner-Braito berichtet, dass sich in puncto Frauen seit den Jahren, als sie begonnen hat, bis heute einiges zum Positiven gewendet habe. Sie habe aber immer noch den Eindruck, dass manche Frauen sich zu wenig zutrauen. Außerdem bräuchte es verstärkt gute Rahmenbedingungen in den Betrieben, damit Beruf und Familie vereinbar sind.

Michaela Wagner-Braito, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Vorarlberg. <span class="copyright">Lisa Mathis</span>
Michaela Wagner-Braito, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Vorarlberg. Lisa Mathis

„Dann muss ich hartnäckig sein“

Vor beinahe elf Jahren hat Veronika Fehle (43) die Leitung der Kommunikation und des Pressebüros der Katho­lischen Kirche Vorarlberg übernommen. Ihre Position ist auf der zweiten Führungsebene angesiedelt. Sie hat in ihrer Arbeit aber sehr viel mit der höchsten Führungsebene zu tun, in der u.a. der Bischof, der Generalvikar oder der Pastoralamtsleiter sind. Auf die Frage, ob es manchmal schwierig sei, sich als Frau in der Diözese durchzusetzen, sagt sie: „Ja, sicher. Das kann gar nicht anders sein in einer Institution, in der seit Jahrhunderten ein männliches Machtgefüge besteht.“ Manchmal werde sie nicht gehört, und dann müsse sie dafür sorgen, dass sich das ändert. „Ich muss hartnäckig sein und darf nicht lockerlassen.“

Im Laufe der elf Jahre habe sich innerhalb der Katholischen Kirche Vorarlberg aber doch einiges getan: Waren etwa zu Beginn von Fehles Arbeit inklusive ihr nur zwei Frauen in der zweiten Führungsebene, so seien es jetzt viel mehr. Mit Annamaria Ferch-Blum als Schulamtsleiterin ist seit zwei Jahren zudem die erste Frau in der obersten Führungsebene vertreten. Gesamtkirchlich gesehen gebe es aber noch viel Luft nach oben.
Die Götznerin ist Mutter von zwei Kindern (fünf und zwei Jahre alt) und arbeitet 100 Prozent. Wie funktioniert das? „Manchmal besser, manchmal schlechter“, so Fehle. Als sie nach ihrer Karenz zur Arbeit zurückkehrte, sei es ein Versuch für sie gewesen. „Wenn es nicht klappt, reduziere ich beim Job“, sagte ich mir immer und auch heute noch. Dieses Wissen, nicht 100 Prozent arbeiten zu müssen, hilft mir.“ Sehr wichtig sei auch, dass ihr Mann mitziehe. Ihre Mutter und ihre Tanten unterstützen die Familie ebenfalls sehr. „Ohne sie würde es nicht gehen.“

Veronika Fehle arbeitet als Leiterin der Kommunikation der Katholischen Kirche Vorarlberg. <span class="copyright">privat</span>
Veronika Fehle arbeitet als Leiterin der Kommunikation der Katholischen Kirche Vorarlberg. privat