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Drei Religionen, eine Stunde

21.05.2022 • 21:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Buddhist Guntram Ferstl mit einer buddhistischen Gebetskette, Katholikin Christine Fischer-Kaizer, Muslim Selim Kavas mit der Flöte Ney. <span class="copyright">Hartinger </span>
Buddhist Guntram Ferstl mit einer buddhistischen Gebetskette, Katholikin Christine Fischer-Kaizer, Muslim Selim Kavas mit der Flöte Ney. Hartinger

Es wird gerochen, gegessen und auf einem Bein gestanden: So läuft kooperativer Religionsunterricht ab.

Zehn jugendliche Schüler und eine Schülerin sowie drei Lehrpersonen sitzen an zusammengeschobenen Tischen, in ihren Händen halten sie einen braunen, flachen Keks, einen Hildegard-Gewürzkeks.

Sie riechen daran, um die Gewürze zu bestimmen. Nachdem einige genannt wurden, kosten alle die Plätzchen. Laute Kaugeräusche sind zu hören. „Was ist da noch drinnen?“, fragt die Lehrerin. „Kaugeräusche“, sagt ein Schüler, alle lachen. Die Kekse enthalten u.a. Mandeln, Zimt, Muskat und Nelken. Jede dieser Zutaten habe gesundheitsfördernde Wirkungen, erklärt die Lehrerin. Die Namensgeberin dieser Kekse, die Heilige Hildegard von Bingen (1098–1179) habe den Zusammenhang zwischen Krankheit und Seele entdeckt und versucht, durch Ernährung dem Körper und der Seele Gutes zu tun. Hildegard zählt zu den Mystikerinnen des Christentums.

Die Gebetsketten der Religionen als Thema. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Gebetsketten der Religionen als Thema. Hartinger

Mystik steht heute am Lehrplan der Religionsstunde in der Landesberufsschule Bregenz 1. Diese Stunde halten Religionspädagogin Christine Fischer-Kaizler, der islamische Religionslehrer Selim Kavas und der buddhistische Religionslehrer Guntram Ferstl gemeinsam. Seit Schulbeginn im Herbst läuft in zwei Klassen der Berufsschule der Modellversuch des sogenannten kooperativen Religionsunterrichtes. Dabei unterrichten die katholische Pädagogin und der islamische Lehrer jede ­Stunde zusammen. Manchmal holen sie eine dritte Konfession hinzu. So waren bereits ein evangelischer und freikirchlicher Lehrer in der Stunde, eine Alevetin kommt noch. Der buddhistische Pädagoge Ferstl ist heute zum vierten Mal Co-Lehrer.
Seinen Part beginnt er mit einer Geschichte. Darin fragt ein Zen-Schüler seinen Meister, worin sich Schüler und Meister unterscheiden. Der Zen-Meister antwortet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.“ Der Schüler daraufhin: „Das mache ich doch auch.“ Der Meister sagt: „Wenn du gehst, denkst du ans Essen, und wenn du isst, denkst du ans Schlafen. Wenn du schlafen sollst, denkst du an alles Mögliche. Das ist der Unterschied.“

Der muslimische Religionslehrer Kelim Savas zeigt die Flöte Ney, im Hintergrund sind tanzende Derwische zu sehen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der muslimische Religionslehrer Kelim Savas zeigt die Flöte Ney, im Hintergrund sind tanzende Derwische zu sehen. Hartinger

Religionslehrer Ferstl wendet sich daraufhin mit einer Frage an die Klasse: „Was schafft ihr alles, gleichzeitig zu machen?“ „Atmen, sehen, existieren, wachsen“, lautet eine Antwort. Ein anderer ruft: „Essen neben dem Zocken.“ Der Lehrer lacht, wird dann aber wieder ernst. Wenn man viele Sachen gleichzeitig mache, sei man zerstreut, erklärt er. Der Zen-Meister hingegen sei sich dessen, was er gerade tut, sehr bewusst. „Er lebt ganz im Hier. Ihm schwirren keine Wünsche im Kopf herum. Er ist wunschlos glücklich.“ Kurz darauf kommt Bewegung in die Klasse, die jungen Menschen schieben die Tische zusammen und bilden einen Kreis. Unter Anleitung des buddhistischen Lehrers folgt eine Achtsamkeitsübung, bei der alle auf einem Bein stehen.

Vielfalt der Schüler

Die Religionszugehörigkeit der Schüler in dieser Klasse – es hat sich übrigens nur einer vom Religionsunterricht abgemeldet – ist sehr unterschiedlich: Es sind Katholiken genauso wie Muslime dabei, es gibt einen Buddhisten, einen Orthodoxen und einen Evangelischen. Diese „Buntheit der Schüler“, wie Lehrerin Fischer-Kaizler es nennt, ist der Grund, weshalb der kooperative Religionsunterricht eingeführt wurde. Dass Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenkommen, sei unser aller Lebensrealität, so Fischer-Kaizler weiter. Wie das friedlich gelingen könne, werde im kooperativen Religionsunterricht gezeigt. So gesehen würde in der Stunde Friedens- und Sozialarbeit gemacht. Dass dies bereits fruchtet, zeige eine Begebenheit: Bei einer interreligiösen Weihnachtsfeier habe ein Schüler gesagt: „Ich möchte mich für diesen Religionsunterricht bedanken, den man mit allen Aus…“ Er stoppte, weil er bereits das Wort „Ausländer“ im Mund hatte, sprach dann aber stattdessen „mit allen gemeinsam macht.“ Aus den „Ausländern“ seien Mitschüler geworden, ist Fischer-Kaizler erfreut. „Keiner schließt den anderen wegen ethnischer Unterschiede mehr aus. Die Schüler nehmen die Vielfalt wahr“, sagt Kavas.

Im Unterricht gibt es Hildegard-Gewürzkekse. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Unterricht gibt es Hildegard-Gewürzkekse. Hartinger

Er erzählt den Schülern heute vom Sufismus, der mystischen Strömung des Islams. Dieser stehe nicht für Dogmen und Verbote, sondern für Sinnsuche und freies Denken. Mitglieder des Sufismus werden „Derwische“ genannt. In einem Video erfahren die Schüler mehr über sie, vor allem über die tanzenden Derwische. Durch das Drehen verlasse man das eigene Ich, sagt einer von ihnen. Nach dem Video üben die Schüler, sich wie die tanzenden Derwische zu bewegen. „Die rechte Hand öffnet sich Richtung Himmel, um den Segen Gottes zu erhalten, die linke zeigt zum Boden, um den Segen zu verteilen“, erklärt Religionspädagoge Kavas.

Zu später Unterrichtsstunde

Der kooperative Religionsunterricht findet in der fünften und sechsten Stunde statt. Die Aufmerksamkeit der Schüler zu dieser Zeit zu gewinnen, ist nicht so einfach. Deshalb versuchen die Religionslehrer, alle Sinneswahrnehmungen einzubeziehen. Etwa, indem am Keks gerochen, sich im Kreis gedreht oder gezeichnet wird. Die Vor-, aber auch die Nachbereitung der Stunden gebe viel Arbeit, sagen Fischer-Kaizler und Kavas. Dies machen die beiden im Ehrenamt, bezahlt wird nur die Unterrichtsstunde. Nicht jeder habe die Ressourcen oder Begeisterung, das zu tun. Deshalb hoffen die beiden, dass sich die Rahmenbedingungen ändern, damit das Modell im nächsten Schuljahr fortgeführt werden kann. Einige andere Berufsschulen hätten schon Interesse bekundet, diesen Religionsunterricht ebenfalls einzuführen.

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