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Wen die Teuerung im Ländle am meisten trifft

25.05.2022 • 12:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Caritasdirektor Walter Schmolly. caritas Vorarlberg

Die Caritas gab Einblicke in ihre tägliche Arbeit – Armutsfalle befürchtet.


Die hohe Inflation schlägt vor allem bei den einkommensschwachen Menschen zu und bringt sie zunehmend in Bedrängnis; aber auch Familien der unteren Mittelschicht sind betroffen. Darauf machte am Mittwoch die Caritas aufmerksam. Die soziale Hilfs- und Dienstleistungsorganisation befürchtet, dass die massiv steigenden Lebenserhaltungskosten die Armutsspirale anfeuern.
Die Teuerungsrate ist im April im Vergleich zum Vorjahreszeitrum um 9,2 Prozent gestiegen. Die Preissteigerungen, die in den Bereichen Wohnen, Energie und Wasser besonders hoch sind, treffen einkommensschwache Haushalte nach der Coronakrise nun in einer ohnehin schwierigen Situation. „Viele haben keine Reserven mehr“, weiß Caritasdirektor Walter Schmolly.

Sozialberaterin Eva Doherty-Berchtold berichtet aus der Praxis in den Beratungsstellen Existenz &amp; Wohnen. <span class="copyright">Caritas</span>
Sozialberaterin Eva Doherty-Berchtold berichtet aus der Praxis in den Beratungsstellen Existenz & Wohnen. Caritas

Existenzielle Sorgen, gesundheitliche Folgen

Die Auswirkungen der Teuerung auf ärmere Menschen scheinen sehr vielschichtig zu schein. Schmolly spricht von existenziellen Sorgen, psychischen Belastungen, reduzierter gesellschaftlicher Teilhabe und gesundheitlichen Folgen. Als auffallend bezeichnet der Caritas-Direktor die deutliche Steigerung der Erstkontakte in den Beratungsstellen Existenz & Wohnen. Von Jänner bis April dieses Jahres sprachen dort 384 Menschen zum ersten vor, laut Caritas um 23 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Es wird damit gerechnet, dass die Anfragen im Laufe des Jahres noch einmal deutlich ansteigen werden.

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Spielraum wird immer enger

Auch Sozialberaterin Eva Doherty-Berchtold berichtet aus der Praxis in den Beratungsstellen Existenz & Wohnen, dass der Druck auf einkommensschwache Menschen steigt: „Schon bisher hatte ein Drittel der von uns erreichten Menschen mehr als 40 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Wohnkosten aufzuwenden. Wenn der Anteil der Fixkosten sich aufgrund der Teuerung nochmals erhöht, reduziert sich der finanzielle Spielraum weiter.“ Steht ein Schulausflug an, wird die Waschmaschine kaputt oder flattert eine Stromnachzahlung ins Haus, bringt das das Fass zum Überlaufen.

Die Erkenntnisse der caritas in Kürze

– Einkommensschwache Haushalte haben von vornherein deutlich weniger Möglichkeiten, irgendwo etwas einzusparen, weil ein Großteil des Haushaltsbudgets für lebensnotwendige Ausgaben wie Miete, Strom, Lebensmittel gebunden ist.

– Hinzu kommt, dass gerade in diesen Bereichen die Preissteigerungen besonders hoch sind. Beispielsweise haben sich die Kosten für Wohnung, Wasser und Energie im Jahresvergleich um 9,4 Prozent erhöht.

– Einkommensschwache Haushalte spüren deutlicher, dass die Sozialleistungen wie Familienbeihilfe nicht an die Inflation angepasst werden.

– Die Teuerung trifft Haushalte nach der Coronakrise in einer ohne schwierigen Situation. Viele einkommensschwache Haushalte haben keine Reserven mehr.

Forderungen

Die bereits getroffenen Maßnahmen des Bundes und Landes wie etwa der Energiekostenausgleich oder das Anheben des Wohnkostendeckels bezeichnet Caritasdirektor als hilfreiche Mittel“, allerdings würden diese bei Weitem nicht ausreichen. Neben den Einmalzahlungen brauche es vor allem strukturelle Maßnahmen, um einkommensschwache Haushalte aufzufangen. So fordert Schmolly, dass Sozialleistungen an die Teuerung angepasst und so ausgestattet werden, dass sie Menschen vor Armut schützen. „Damit die Familienbeihilfe heute die gleiche Kaufkraft hätte wie im Jahr 2000, müsste sie um 30 Prozent höher sein“, führt er ein Beispiel an. Ein besonderer Fokus müsse auf die Kinder gelegt werden, sagt Schmolly. Die Kinderkostenstudie aus dem vergangenen Jahr habe gezeigt, dass eine große Lücke zwischen den Sozialleistungen und den tatsächlichen Kosten für Familien klafft. „Hier muss an allen verfügbaren Schrauben gedreht werden.“ Der Caritasdirektor denkt hier beispielsweise an eine gerechte Gestaltung des Familienbonus und an die Erhöhung der Kinderrichtsätze in der Sozialhilfe.

Wie die Caritas hilft

  • Beratung, Überbrückungshilfe
  • Erschließung von öffentlichen Unterstützungen
  • Praktische Hilfe, wie beispielsweise der Energiesparcheck: Mit 339 Beratungen war die Nachfrage im vergangenen Jahr so hoch wie noch nie.
  • Auf Basis einer erweiterten Kooperation mit illwerke vkw kann die Caritas nunmehr bei Energiekostenrückständen auch eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen und einen Energiesparcheck veranlassen.

Kontakt

Existenz & Wohnen

Caritas Center 6800 Feldkirch

Reichsstraße 173

05522 200-1700

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