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„Ich war auch ein geheimer Revoluzzer“

05.06.2022 • 15:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Horst Tassotti ist seit 50 Jahren Abonnent der NEUE<span class="copyright">Paulistsch</span>
Horst Tassotti ist seit 50 Jahren Abonnent der NEUEPaulistsch

Horst Tassotti hat die NEUE seit ihrer Gründung abonniert.

Wie wurden Sie denn vor 50 Jahren Abonnent der NEUE?
Horst Tassotti: Ich komme ursprünglich aus Kärnten, bin dann nach Wien übersiedelt und habe dort die Bundeslehranstalt für Gießereitechnik und Metallurgie besucht, heute ist das eine HTL. Gleich nach meiner letzten Prüfung in der Schule wurde ich noch in der Aula von einem Vorarlberger Unternehmen angeworben. Ich habe dann in Rankweil gearbeitet und eine Vorarlbergerin kennengelernt, eine waschechte Götznerin. Ich bin dann auch nach Götzis gezogen, als wir 1970 geheiratet haben. Meine Schwiegereltern waren relativ konservative Leute und in Götzis hat es nur eine Zeitung gegeben, weil der Chefredakteur der VN, Franz Ortner, auch von dort war. Ich habe immer schon gerne gelesen. Mein Stiefvater war in Wien der erste Portier im Hotell „Roter Hahn“ und hat oft den Abendexpress mit nachhause gebracht. Den hab ich immer gelesen. Ich hatte auch ein Faible fürs Schreiben. Sprache hat mich immer interessiert. Mich hat es aber gestört, dass es in Vorarlberg nur eine Meinung gab. Man hat dann die NEUE gegen viel Wiederstand gegründet. Und da ich irgendwie auch ein geheimer Revoluzzer war, hab ich mir gedacht: „Die unterstütz ich.“ Ich habe die NEUE dann nach der Gründung 1972 abonniert und bin bei der Zeitung geblieben.

Was hat Ihnen an der NEUE gefallen?
Sie war nicht inzüchtig.

Wie war dann Ihr weiterer Lebenslauf?
Ich habe 30 Jahre in derselben Firma gearbeitet und war dort Abteilungsleiter, wollte aber unbedingt nach Amerika. Ich habe dann mit 50 das Unternehmen gewechselt, Spanisch gelernt und bin nach Mexiko gegangen. Dort war ich für ein Jahr ohne Unterbrechung, bin dann zurück in die Unternehmenszentrale nach Deutschland gegangen, war aber bis zu meiner Pensionierung weltweit tätig, von Argentinien bis Südkorea. Ich habe auch in Leoben, an der Montanuniversität und in der Er wachsenenbildung unterrichtet. Alles Geschriebene und Dokumentierte war immer mein Faible.

Horst Tassotti im Gespräch. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Horst Tassotti im Gespräch. Paulitsch

Die NEUE haben Sie trotzdem weiter bezogen?
Ja, die hat meine Frau weiter bekommen. Ursprünglich war geplant, dass sie mit mir ins Ausland geht, aber das ging dann aus familiären Gründen nicht. Ich war am Wochenende immer da. Wir haben in der Familie viel gelesen. Meine Tochter hat dann auch Publizistik studiert. Sie hat mehrere Sprachen gesprochen und war sehr aufgeweckt. Nachdem sie in Wien studiert hat, war sie etwas links angesiedelt und ich hab mit ihr sehr viele Diskussionen gehabt. Sie hat auch in Vorarlberg immer den Standard und die Presse gelesen, war viel auf Reisen. Sie war Publizistin mit Leib und Seele und hatte einen ausgeprägten Sozialsinn. Leider ist sie dann mit 42 an Krebs gestorben. Das war schrecklich für uns. Sie hat immer gesagt: „Papa, du musst auch was anderes lesen.“ Also kaufe ich mir immer auch die Presse am Sonntag. Aber die Sonntagsberichterstattung in der NEUE ist für meine Begriffe hervorragend. Die NEUE am Sonntag hat super Beiträge. Ich habe aber auch Rückmeldungen gegeben. Sie machen das ja jetzt noch nicht so lange, aber mit Ihren Vorgängern hatte ich immer wieder Diskussionen.

Zur Person

Horst Tassotti ist 75 und NEUE-Abonnent der ersten Stunde. Der Ingenieur war in der Metalltechnik weltweit tätig. Seit den 60ern lebt er in Vorarlberg, wo er auch seine Frau kennenlernte. Sein Haus in Götzis, wo er noch heute lebt, hat er im Gründungsjahr der NEUE 1972 bezogen.

Was wünschen Sie sich von der NEUE für die Zukunft?
Ich möchte gerne weiterhin eine Papierzeitung haben. Notfalls geht es natürlich auch übers Internet. Als ich in China war, hat mir meine Frau Artikel per Mail zugeschickt, weil man dort wegen der Zensur vieles nicht lesen kann. Aber beim Frühstück will ich die NEUE als Papierzeitung lesen. Besonders der Themenmix am Sonntag gefällt mir sehr gut. Die Medien haben aber insgeamt eine große Verantwortung, was die Berichterstattung betrifft. Sie sind teilweise mit daran schuld, dass es in den letzten Jahren zu Auswüchsen gekommen ist. Ich meine etwa die Vorverurteilung von sogenannten Gesetzesbrechern in der Politik. Wir werden es noch so weit bringen, dass keine gescheiten Leute mehr in die Politik gehen – genau das können wir nicht brauchen. Man muss unglaublich genau recherchieren. Ich weiß von meiner Tochter, dass dafür nicht immer genug Zeit ist. Daraus entstehen aber sehr ungute Situationen. Ich weiß nicht, was der Landeshauptmann getan hat oder nicht, aber das müssen die Gerichte entscheiden. Eine Vorverurteilung sollte es nicht geben.

Es gibt ja neben der juristischen auch eine politische Verantwortung. Wenn man da auf rechtskräftige Urteile warten würde, wäre Karlheinz Grasser noch Finanzminister.
Das stimmt natürlich. Aber die Gerichte sollten auch viel schneller werden.

Ein Politiker kann ja auch etwas tun, das legal ist, aber trotzdem verwerflich. Dafür gibt es ja die politische Verantwortung gegenüber dem Parlament und den Wählern. Und es ist auch ­Aufgabe der Medien das darzustellen.
Das habe ich gemeint, als ich gesagt habe, dass sie eine unglaubliche Verantwortung haben. Und natürlich braucht man auch eine Opposition, aber bei aller Kritik muss die Sachlichkeit gewahrt bleiben. Manche Politiker vergreifen sich leider immer wieder im Ton.

Was hat sich seit der Gründung der NEUE vor 50 Jahren verändert?
Das Format war größer (lacht). Nein, am meisten hat sich meiner Meinung nach in der Gesellschaft der Umgang mit den Mitmenschen geändert. Der ist Seitens der Politik und der Unternehmen zum Teil unwürdig geworden. Alle meine Mitarbeiter hatten ein Dach über den Kopf, ein warmes Bett, genug zu Essen, eine angemessene Entlohnung und wurden, darauf legte ich großen Wert, menschenwürdig behandelt. Egal welcher Nationalität. Wir waren dafür früher technisch in der Steinzeit. Die Südkoreaner sind so etwas von fleißig und flexibel, da muss man bei uns noch viel dazulernen, sonst sind wir verloren und nicht mehr konkurrenzfähig. Es muss eine neue Genrationa an Politikern kommen. Meine Bitte an die NEUE wäre: Gehen Sie in die höchsten Regionen. Bildung ist Macht, Einbildung ist Ohnmacht.