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“Wir müssen unser Wissen teilen”

11.06.2022 • 20:56 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Bauunternehmer Hubert Rhomberg. <span class="copyright">Hartinger</span>
Bauunternehmer Hubert Rhomberg. Hartinger

Hubert Rhomberg über die Frage, wie in 50 Jahren gebaut werden wird.

Herr, Rhomberg, würden Sie gern erleben, wie die Welt in 50 Jahren ausschaut, unmöglich ist das ja nicht?
Hubert Rhomberg: Ja, das möchte ich schon. Ich bin allerdings der Meinung, dass wir in einer der spannendsten Zeiten leben. Da ist so viel gleichzeitig in Transformation. In der Gesellschaft, in der Wirtschaft. Das ist einfach faszinierend.

Was wird sich in 50 Jahren am markantesten verändert haben?
Rhomberg: Die menschlichen Bedürfnisse. Das Wichtigste im Leben werden keine Dinge mehr sein, sondern das, was uns umgibt und am Leben erhält. Die Natur zum Beispiel. Und wir werden wieder mehr Wert auf die Gemeinschaft legen. Das sind Tendenzen, die schon heute im Kleinen erkennbar sind. Ich hoffe, dass das auch ein stabilisierender Faktor sein wird.

Zur Person

Hubert Rhomberg, geboren 1967 in Bregenz, ist seit 2010 Geschäftsführer der Rhomberg Holding GmbH und leitet bereits in vierter Generation die Rhomberg Gruppe.

Sie gelten als Visionär in den Bereichen Bauen und Mobilität. Bleiben wird zunächst bei ersterem. Wie werden die Häuser aussehen und konstruiert sein, in denen wir in 50 Jahren leben und arbeiten?
Rhomberg: Die Gebäude werden teilweise aus wiedergewonnenen und nachwachsenden Materialien bestehen, zudem wird rückbaufähig gebaut, sodass man die Materialien wieder gut trennen kann. Es wird intelligenter und mit weniger Technik gebaut. Lehm wird wieder eine Rolle spielen. Wir werden aber auch weniger bauen und weniger Quadratmeter pro Nase zur Verfügung haben. In den letzten 30, 40 Jahren ist die Wohnungsgröße pro Person permanent gestiegen. Gleichzeitig wurde der öffentliche Raum an die Fahrzeuge abgegeben – bzw. an die Stehzeuge, wie ich sie nenne. Ich glaube, die Menschen wollen den öffentlichen Raum wieder zurückhaben. Corona hat das ein bisschen gezeigt. Man sieht es auch in großen Städten wie Paris oder Barcelona. Da wird jetzt wieder viel mehr Grün geplant. Wir brauchen Bäume. Allein durch das Pflanzen von Bäumen kann in einer Straße die Temperatur um 15 Grad gesenkt werden.

Das weltweit höchste Holzhochhaus steht in der Seestadt Apern in Wien. <span class="copyright">APA</span>
Das weltweit höchste Holzhochhaus steht in der Seestadt Apern in Wien. APA

Kaum eine Aktivität des Menschen ist so klimaschädlich wie Gebäude zu errichten und zu nutzen. 40 Prozent der Treibhausgase gehen auf ihre Branche zurück, rechnet man den Betrieb der Gebäude mit ein. Wo muss man ansetzen, damit die Energieautonomie bzw. das Pariser Abkommen überhaupt erreicht werden kann.
Rhomberg: Beim Neubau stimmt die Richtung schon ganz gut. Aber 80 Prozent der Gebäude von 2050 stehen heute schon. Über diese Gebäude müssen wir sprechen. Die müssen wir sanieren, wärmedämmen, aufstocken, nachnutzen und umnutzen. Aber da gibt es ein Problem. Wir haben nicht genug Leute, um die Häuser zu sanieren. Also müssen wir die Prozesse systematisieren. Ähnlich wie im Automotive-Bereich. Bestandsgebäude müssen digital erfasst und komplette Fassadenelemente automatisiert vorgefertigt werden.

„Warum kann ich in Wien ein Holzhaus bauen, das 100 Meter hoch ist, und in Hamburg nicht?”

Hubert Rhomberg

Können Sie erklären, warum es derart umweltschädlich ist, ein Haus abzubrechen?
Rhomberg: Jeder Stoff, den ich neu ins Haus bringe, hat einen Rucksack. Ich brauche ja Energie, um Material herzustellen und zu transportieren etc. Und wenn ich jetzt die komplette Tragkonstruktion entferne, die eigentlich noch fit wäre, brauche ich zusätzliche Energie, und das alte Material ist in der Regel nicht so leicht wiederverwertbar. Alles, was wir jetzt stehen lassen, können wir in Zukunft viel besser wiederverwerten.

Wird zu wenig in Holz gebaut?
Rhomberg: Es dauert alles viel zu lange. Wir stehen uns da selbst im Weg. Das ist mein Appell an die Politik und dann die Entscheidungsträger: Wenn Sie wirklich etwas ändern wollen und nicht nur quatschen und greenwashen, dann müssen sie sich gegenseitig vertrauen, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen miteinander teilen. Warum kann ich zum Beispiel in Wien ein Holzhaus bauen, das 100 Meter hoch ist, und in Hamburg geht das nicht? Solange sich Behörden, Länder und Menschen untereinander nicht einig sind und aufeinander vertrauen, werden wir irgendwie weiterbasteln. Essenziel ist auch das Teilen von Wissen. Aber jeder denkt sich: Hauptsache, es ist meins. Da fällt mir immer „Herr der Ringe“ ein (imitiert „Gollum“). Dass links und rechts die Welt untergeht, ist offenbar egal. Wenn wir aber weltweit zusammenarbeiten und unser Wissen teilen, können wir extrem schnell sein. Diese Philosophie versuchen wir, mit Cree (Holzbausystem) in ein ökonomisches Modell zu packen.

Ist die Sharing Economy nicht eine Utopie?
Rhomberg: Nein, vor allem beim Bauen nicht, denn da gibt es keine weltweite Konkurrenz. Wenn jemand in Argentinien mein Wissen verwendet, nimmt er mir damit keinen Kunden weg.

Wird in Vorarlberg genug getan, um nachhaltiges Bauen zu ermöglichen?
Rhomberg: Aufgrund des engen Raumes gibt es viele Interessen und Wünsche zu berücksichtigen, die in Summe zu schwierigen Entscheidungswegen führen. Wir haben beispielsweise das Problem, dass wir unsere Rohstoffe nicht nützen dürfen. Wir importieren Schotter aus Deutschland und der Steiermark, Deponieware geht nach Niederösterreich. Entscheidungen über neue Abbaugebiete sollte meiner Meinung nach nur die BH treffen und nicht die Standortgemeinden.

Wechseln wir zum Thema Mobilität. 2011 sagten Sie, in zehn Jahren wird die Ringstraßenbahn im Unteren Rheintal fahren? Warum fährt sie noch nicht?
Rhomberg: Weil das ganz viele Stakeholder betrifft und wir in Vorarlberg keinen Bezug zu diesem Verkehrsmittel haben. Was viele nicht wissen: Eine Straßenbahn würde sich nicht nur verkehrsmäßig, sondern auch raumplanerisch positiv auswirken. An einer Straßenbahnlinie entwickelt sich eine ganz andere Qualität des Wohnens.

In Vorarlberg bevorzugt man aber das flexiblere Bussystem.
Rhomberg: Ja, aber mittlerweile wissen wir, dass auch der Bus im Stau steht. Und in Zukunft wird es nicht mehr genügend Busfahrer geben.

Glauben Sie, Ihr Wälderexpress hat bessere Umsetzungschancen als die Ringstraßenbahn?
Rhomberg: Ja. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass sowohl die Trassierung als auch die Finanzierung solide umsetzbar sind. Das sind die zwei Randbedingungen für eine Konzession. Und wir werden eine Konzession beantragen. Das heißt: Wir werden die Bahn betreiben. Die öffentliche Hand sollte die Infrastruktur übernehmen. Wenn wir allerdings nicht in Vorleistung gehen, wird nichts passieren.

Was soll denn in 50 Jahren alles fahren bzw. nicht mehr fahren?
Rhomberg: Wir arbeiten heute schon an Mobilitätssystem von übermorgen. Wir sind beteiligt an der Hyperloop-Teststrecke im Wallis. Da geht es um ein Transportsystem mit Geschwindigkeiten von bis zu 900 km/h. Ziel wäre eine Verbindung Zürich–St. Gallen und St. Gallen–München mit einer Haltestelle Bodensee. Damit könnte man dann von hier aus in 15 Minuten in Zürich und in München sein. Der Flugverkehr wird sich reduzieren.

Wie beurteilen Sie Vorarlbergs ÖPNV?
Rhomberg: Da kann man dem Land wirklich ein Kompliment machen. Allerdings wurde bzw. wird unterschätzt, wie sehr der Güter- und öffentliche Personenverkehr zunimmt. Wir haben schon jetzt massive Kapazitätsprobleme zwischen Bregenz und Lauterach. Das gleiche gilt für Bregenz und Lochau, darum wird das zweite Gleis nach Lochau schon geplant. Da wird noch viel mehr kommen. Wir müssen die Infrastruktur massiv ausbauen, damit wir alle Leute transportieren können.

Und was wird sich auf der Straße tun?
Rhomberg: Eine Frage wird sein, wie viele Parkplätze man zur Verfügung stellen muss. Was spricht dagegen, etwas außerhalb zu parken, wenn man dafür dann mehr Lebensqualität in der Stadt bekommt? Das Verkehrsproblem in Bregenz würde ich durch eine Citymaut lösen. Wer nur durchfahren will, soll zahlen. Damit würde man viel mehr Autos auf das höherrangige Netz bringen. Anstatt Straßen zu bauen und zu erweitern, sollten wir uns lieber fragen, wie viel Verkehr wir wollen und wie dieser aussehen soll. Denn mehr Straßen bedeuten mehr Verkehr. Das ist fix.

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