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Die Wichtel vom Marienwald

09.07.2022 • 18:26 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Viel Platz für Bewegung und immer etwas zu entdecken: Das ist der Waldkindergarten Andelsbuch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Viel Platz für Bewegung und immer etwas zu entdecken: Das ist der Waldkindergarten Andelsbuch. Hartinger

Im Waldkindergarten Andelsbuch werden 16 Kinder betreut.

Inmitten einer Wiese am Hang steht in Andelsbuch – unweit vom Zentrum – ein Wäldchen. Es ist recht unscheinbar und keine Menschenseele zu sehen, aber: Kinderstimmen dringen daraus hervor bis zur circa fünf Meter entfernten Straße. Dem Geräusch und einem Trampelpfad folgend, gelangt man in den Wald und dort nach einigen Schritten zu einer Lichtung. Hier sitzen in einem Kreis auf niedrigen Holzbänken 16 Kinder und drei Frauen und essen. Im Waldkindergarten Andelsbuch ist gerade Jausenpause angesagt.

Nach einer Stärkung kann wieder gespielt, geklettert und gebastelt werden. <span class="copyright">HArtinger </span>
Nach einer Stärkung kann wieder gespielt, geklettert und gebastelt werden. HArtinger

Der „Waldkindi“ wird als zusätzliche Gruppe des Andelsbucher Kindergartens geführt. Er ist ab 7.30 bis 12 Uhr geöffnet – bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Den Waldkindergarten gibt es seit sieben Jahren. Damals kamen einige geburtenstarke Jahrgänge ins Kindergartenalter, es herrschte Platznot, und deshalb erstellte Kindergartenpädagogin Simone Winter-Wirth, die eine Waldpädagogik­ausbildung absolviert hatte, ein Konzept für einen Waldkindergarten. Ein möglicher Platz war schnell gefunden: der sogenannte Marienwald, der circa 70 mal 25 Meter groß ist und früher zum Marienheim, einem ehemaligen Kloster, gehörte. Mit zehn Kindern startete die Waldwichtel-Gruppe.

Seither ist sie immer gut gebucht, manchmal müssen Kinder sogar abgewiesen werden. Aufgenommen werden Vier- und Fünfjährige, doch wenn es genug Platz gibt, können auch Dreijährige den Waldwichteln beitreten.

Beim Klettern müssen sich die Kinder selbst einschätzen können. <span class="copyright">Hartinger</span>
Beim Klettern müssen sich die Kinder selbst einschätzen können. Hartinger

Klettern

Die Kinder im Wald tragen bunte Regenhosen und Regenstiefel. Am Morgen hat es geregnet, der Boden ist deshalb ein wenig matschig. Nachdem die Kleinen und ihre Pädagoginnen gegessen haben, kommt Leben in die Gruppe. Einige Buben spielen Fangen mit einem Seil, ein Mädchen begutachtet mit einer Lupe eine Baumrinde, rund um eine Tanne sammeln sich einige Kinder, und eines beginnt, auf den Baum zu klettern. Das ist nichts für schwache Nerven, denn das Mädchen klettert gut und gerne auf fünf Meter Höhe. Kindergartenpädagogin Simone Winter-Wirth erklärt: „Wir helfen keinem Kind auf den Baum und runter auch nicht. Sie sollen sich selbst einschätzen können.“ Die Kleinen würden durch den Waldkindergarten eine gute Geschicklichkeit entwickeln, berichtet die Pädagogin. „Wir beobachten immer wieder: Wenn ein Kind bei uns beginnt, stolpert es noch häufig. Nach einiger Zeit aber nicht mehr.“

Aus einem umgefallenen Baum wird ein Parkour. <span class="copyright">Hartinger</span>
Aus einem umgefallenen Baum wird ein Parkour. Hartinger

Weitere Fähigkeiten, die die Kinder in dem Wäldchen erwerben, sind: eine gute Kondition und Motorik sowie eine ausgeprägte Kreativität. Spielzeug findet man im Waldkindergarten kaum. Stattdessen wird hier mit altem Kochgeschirr, Seilen, Werkzeugen oder Holzlatten gespielt. Das fordert Fantasie, wie Simone Winter-Wirth erklärt und gleich ein Beispiel dafür erzählt: 15 Holzlatten, die der Kindergarten von einem Vater bekam, seien für alles Mögliche verwendet worden; die Kinder hätten sie etwa wie ein Spinnennetz ausgelegt und darauf gewippt. Auch Bastelmaterialen sind spärlich vorhanden. Heute aber hat Kindergartenpädagogin Carmen Graf farbige Pompons – kleine, ballförmige Wollknäuel – mitgebracht. „Es ist nämlich nicht so, dass alles nur grün und braun sein darf“, sagt sie.

Aus simplen Pompons entstehen "Vögele" und "Kätzle". <span class="copyright">Hartinger</span>
Aus simplen Pompons entstehen "Vögele" und "Kätzle". Hartinger

Beim Eingang zum Waldkindergarten steht ein circa 16 Quadratmeter großes Holzhaus. Darin ist ein Tisch mit rot-weißer Plastiktischdecke, es gibt eine Holzbank und Bierbänke. Zeichnungen hängen an den Wänden und von der Decke Kunstwerke aus Zweigen. Zwei Mädchen zeigen, was sie aus den Pompons gebastelt haben: „Vögele“ und „Kätzle“. Im Haus ist die Leiterin des Waldkindergartens, Maria Natter, damit beschäftigt, mit einem Buben zu zeichnen. Ein anderer klebt einen gemalten Baum auf ein Blatt Papier.

Frieren

Das Häuschen dient einerseits als Ort, an dem gelesen, gemalt und gebastelt wird, anderseits als Raum, um sich aufzuwärmen. Doch Letzteres braucht es selten: Erst bei Temperaturen von minus fünf bis minus zehn Grad ist den Kindern so kalt, dass sie ins Häuschen wollen. Die Kinder sind warm angezogen und im Wäldchen immer in Bewegung, deshalb frieren sie nicht so rasch.

Im Haus wird gezeichnet, gebastelt und gemalt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Haus wird gezeichnet, gebastelt und gemalt. Hartinger

Dass die Kinder sich viel bewegen, zählt Simone Winter-Wirth als weiteren Vorteil dieses Kindergartens auf. Und natürlich sind der Bezug zur und das Wissen über die Natur bei diesen Kindern sehr stark. „Sie sehen, was sich in der Natur tut“, sagt Simone Winter-Wirth. Dass dies dazu führt, dass sie als Erwachsene die Natur schützen wollen, hofft die Kindergartenpädagogin. Auf die Frage, ob die Kinder weniger krankheitsanfällig sind, antwortet sie: „Verkühlt sind sie oft, das sind Kinder in diesem Alter immer. Aber Magen-Darm geht bei uns seltener um als im regulären Kindergarten.“

Im Wäldchen ist plötzlich ein Zwitschern zu hören. Maria Natter hat in eine Tonpfeife, die mit Wasser gefüllt ist, geblasen. Das Zwitschern ist das Zeichen, das sich alle versammeln sollen. Die Gruppe nimmt auf den Holzbänken auf der Lichtung Platz und beginnt, das „Für die Erde“-Lied zu singen. Danach ist der heutige Kindergarten-Vormittag vorbei, die ersten Eltern kommen ihre Kinder abholen.

Eindrücke aus dem Waldkindi Andelsbuch

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Hartinger