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Wo sind die Arbeitskräfte hin?

22.07.2022 • 19:15 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Wirtschaftswachstum in allen Branchen trifft auf zu wenig Arbeitskräfte.<br><span class="copyright">Apa</span><span class="copyright"></span>
Wirtschaftswachstum in allen Branchen trifft auf zu wenig Arbeitskräfte.
Apa

Die Pandemie hat den Arbeitsmarkt völlig verändert. Doch wohin sind die Arbeitskräfte abgewandert?

Gastronomie, Hotellerie, Kinderbetreuung, Gesundheitsbereich, Handel, Handwerk, Industrie, Landwirtschaft. Gefühlt überall herrscht Personalmangel. Gut zwei Jahre Coronapandemie mit Kurzarbeit, Unsicherheit und Entlassungen hatten in vielen Branchen Spuren hinterlassen. Doch jetzt boomt die Wirtschaft wieder, Unternehmer suchen händeringend nach Mitarbeitern. Und so stellt sich die Frage: Wo sind sie nur hin, all die Fach- und Arbeitskräfte?
„Sie arbeiten“, beantwortet AMS-Geschäftsführer Bernhard Bereuter die Frage knapp. Das Beschäftigungsniveau ist im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 massiv gestiegen. Kurzum: Wirtschaftswachstum und immer mehr Stellenangebote ­treffen auf zu wenig Arbeitskräfte.

Alle Wirtschaftsbereiche haben nach der Krise wieder rasch an Fahrt aufgenommen. Wachstum ist überall da, während das vor der Krise nur in manchen Branchen der Fall war.

AMS-Chef Bernhard Bereuter.<span class="copyright">Stiplovsek</span>
AMS-Chef Bernhard Bereuter.Stiplovsek

AMS will vorhandenes Potenzial nutzen

Doch woher sollen nun all die fehlenden Leute kommen? Laut Bereuter ist Plan A des AMS, das bestehende Potenzial optimal zu nutzen. Heißt: Jetzt noch vorgemerkte Arbeitslose für die freien Stellen zu qualifizieren. Gut 45 Prozent von ihnen haben maximal einen Pflichtschulabschluss. Lehrabschlussprüfung, weiterführende Schule oder schlicht eine Vorbereitung auf den Beruf, um Basiskenntnisse zum Jobeinstieg zu erlangen, sollen Abhilfe schaffen. Denn es herrscht nicht nur ein Fachkräftemangel, sondern generell ein Mangel an Arbeitskräften. Wichtig sei es auch, Mitarbeiter möglichst lang in Beschäftigung zu halten – bis zum Regelpensionsalter. „Und auch Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen kommen für bestimmte Tätigkeiten infrage. Ich glaube nicht, dass wir auf sie verzichten können“, ist sich der AMS-Chef sicher.

Eine Stellschraube sieht er auch in der Frauenbeschäftigung. 53 Prozent aller Frauen in Vorarlberg arbeiten in Teilzeit. „Es muss nicht jede davon vollbeschäftigt werden, aber zumindest sollte das Arbeitsausmaß erhöht werden können“, meint der AMS-Chef. Dafür müssten allerdings auch die Rahmenbedingungen stimmen – Stichwort familienfreundliche Arbeitszeiten und Kinderbetreuung.

Gleichzeitig gibt es immer häufiger den Wunsch von Angestellten, weniger zu arbeiten, eine Work-Life-Balance zu schaffen. Dazu kommt der demographische Wandel, es verlassen mehr Erwerbstätige den Arbeitsmarkt, als eintreten.
Trotz aller geplanten mittelfristigen Maßnahmen wird es daher einen gewissen Zuzug brauchen, um die Personalnot – gerade bei den Fachkräften – zu bewältigen. Das Problem: Die Situation ist derzeit auch im EU-Ausland nicht anders.

„Vorarlberg war noch nie mit einem solchen Arbeitskräftemangel in allen Branchen und bei allen Qualifikationen konfrontiert. Auch wenn wir davon ausgehen, dass die ­wirtschaftliche Dynamik abflacht, wird uns das Thema noch länger beschäftigen“, meint Bereuter.
Eine mögliche Folge der jetzigen Situation ist eine dämpfende Wirkung auf das Wirtschaftswachstum. Denn gibt es nicht ausreichend Personal, können beispielsweise Aufträge nicht erfüllt oder gar nicht erst angenommen werden. In Gastronomie und Hotellerie führt das dazu, dass sich die Öffnungszeiten verkürzen, Ruhetage ausgedehnt oder eben nur noch Hausgäste bedient werden.

Hotellier und Spartenobmann Markus Kegele. <span class="copyright">Hartinger</span>
Hotellier und Spartenobmann Markus Kegele. Hartinger

Tourismus am stärksten betroffen

Am stärksten von der Personalnot betroffen ist nach aktuellen Zahlen tatsächlich der Tourismusbereich. Während in der unsicheren Pandemiezeit viele Mitarbeiter den Job gewechselt haben, herrscht jetzt wieder mehr Stabilität in der Branche. Die Betriebe suchen verstärkt Mitarbeiter.
Spartenobmann und Hotelier Markus Kegele bestätigt: „Ja, es fehlen Leute.“ Der Grund: Viele hätten in der Pandemie die Branche gewechselt. Dazu kommt, dass Mitarbeiter vom ausländischen Markt wie etwa Kroatien nicht mehr zurückgekommen sind, sondern in der Heimat im Tourismusbereich gebraucht werden.

Das Thema „schlechte Bezahlung“ ist Kegele ein Dorn im Auge. Das Gros der Betriebe zahle nämlich sehr gut. Dazu kommen noch Kost und Logis. Jedoch sei die Spanne zwischen Netto- und Bruttolohn untragbar. „Den Mitarbeitern bleibt zu wenig“, betont er. Der Tourismus sei generell ein schwieriges Geschäft – saison- und wetterabhängig. „Es ist nicht leicht, die optimale Produktivität zu finden“, sagt Kegele. Öffnungszeiten und Ruhetage müssten neu gedacht werden. 24-Stunden-Verfügbarkeit sei ein Auslaufmodell. Manche Hotelliers und Gastwirte würden schon jetzt auf das á-la-carte-Geschäft zugunsten der Haus­gäste verzichten.

Ein kurzfristiger Lösungsansatz in Sachen Mitarbeiter ist ein Programm des Landes. Dabei werden Geflüchtete aus der Ukraine, die dort im Tourismusbereich gearbeitet haben, hierzulande (sprachlich) angelernt und dann rasch in Betrieben eingesetzt. „Win-Win für alle“, meint Kegele.

Auf den Alpen

Selbst an der Landwirtschaft geht das Thema Mitarbeiternot nicht spurlos vorbei. „Personalmangel auf den Alpen war im Frühsommer problematisch. Es mussten Auftreiber und Hilfskräfte einige Wochen kurzfristig aushelfen“, berichtet Landwirtschaftskammerdirektor Stefan Simma. Jetzt, in der Ferienzeit, packen Praktikanten mit an, und die Familien können auf die Alpen nachziehen. Das hat die Situation entspannt. „Die rund 15 Saisonarbeitskräfte, insbesondere aus Deutschland, Brasilien und den EU-Staaten, sind ebenfalls ein Faktor“.

Handel und Handwerk

Auch im Handel wurde einen Beschäftigungsrekord erzielt. „Wir haben in Vorarlberg das Vorkrisen-Niveau längst überschritten“, berichtet Fachgruppengeschäftsführerin Maria Seidel.
Gleiches Bild auch in Gewerbe und Handwerk: „35 Prozent der Vorarlberger Unternehmen in Gewerbe und Handwerk planen, das Personal aufzustocken, und 60 Prozent, zumindest den Personalstand zu halten“, informiert Spartengeschäftsführer Armin Immler.

Er sieht in Zukunft weit größere Herausforderungen als die jetzigen (nicht nur) auf Vorarl­berg zurollen. Keine Wende ohne Hände, „allein die laufende und in den kommenden Jahren dringliche Umstellung auf erneuerbare Energien, neue Mobilitätsformen und neue Heizungssysteme oder die energetische Sanierung von Gebäuden benötigen eine Vielzahl von Fachkräften in allen Bereichen des Gewerbes und des Handwerks“, gibt Immler zu bedenken. Der Werkstoff Holz habe sein Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Auch regionale Lebensmittelherstellung sei gefragt. Gewerbe und Handwerk dürften daher auch in Zukunft goldenen Boden haben.

Zahlen, daten, Fakten

1155 Stellen sind in der Fremdenverkehrsbranche offen Stand Juni 2022. Es ist damit die Branche mit dem größten Personalbedarf. In den Metall- und Elektroberufen (910), Handelsberufen (697), Gesundheitsberufen (555) sowie den Bauberufen (420) herrscht ebenfalls eine große Nachfrage.

6073 offene Stellen sind insgesamt beim AMS gemeldet – Stand Juni 2022.

42,4 Prozent ist das Stellenangebot im Vergleich zu vor der Krise gestiegen. Vergleicht man die Zeiträume (Juni 2022 mit Juni 2019) so ergibt sich eine Steigerung des Stellenangebots von 1807 Jobs. Die Nachfrage nach Arbeitskräften war mit 4266 offene Stellen im Juni 2019 schon damals auf einem hohen Niveau.

0,6 vorgemerkte Arbeitslose kommen auf eine offene Stelle sowohl bei den Metall- und Elektrob- als auch den Fremdenverkehrsberufen. Im Juni 2021 lag die Stellenandrangsziffer in beiden Branchen über 1,0.

15 Prozent aller unselbstständig Beschäftigten in Vorarlberg (das sind 169.062) waren im Mai 2022 in der Metall- und Elektrobranche tätig. Das sind 26.187 Personen. Es ist eine der beschäftigungsintensivsten Bereiche in Vorarlberg, jeder zehnte ist somit in dieser Branche tätig.