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Wo künftige Schweizer Armee-Pferde auf Sommerfrische sind

06.08.2022 • 10:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Anna Bischof ist mit ihrem Vater auf Wildgunten und schwingt sich schon mal auf ein Pferd. Im Bild mit ihrer Freundin Pia.<span class="copyright"> Stiplovsek</span>
Anna Bischof ist mit ihrem Vater auf Wildgunten und schwingt sich schon mal auf ein Pferd. Im Bild mit ihrer Freundin Pia. Stiplovsek

Im Pferde-Paradies: 35 Pferde auf der Alpe Wildgunten in Mellau sind ganzen Sommer über im Freien und dürfen urlauben.

Die Wanderung von der Bergstation Rossstelle in Mellau in Richtung Alpe Wildgunten ist an sich nichts Spektakuläres. Doch plötzlich, nach einer Wegkehre, stehen zwei braune Pferde seelenruhig neben der Straße. Die Ohren haben sie leicht zur Seite gedreht, die Augen sind geschlossen – beides sind Zeichen der Entspannung. Hinter den beiden Rössern, in einem kleinen Waldstück, sind weitere Pferde zu sehen. Vor allem braune und dunkelbraune. In Grüppchen stehen sie da und wirken ähnlich entspannt. Ein paar Schritte weiter halten sich die nächsten Pferde neben der Straße auf; einige grasen, einige dösen, und die zwei hellbraunen Fohlen, die bei dieser Gruppe sind, gehen neugierig auf die Wanderer zu. Geschätzt dürften hier an die 30 Pferde dösen, grasen und rumstehen. Exakt sind es 35, wie später auf der Alpe Wildgunten, zu der sie gehören, berichtet wird.

Eines der zwei Fohlen, die auf Wildgunten sind.<span class="copyright"> Stiplovsek</span>
Eines der zwei Fohlen, die auf Wildgunten sind. Stiplovsek

Eine reine Pferdealpe, die von Menschen bewirtschaftet wird, gibt es in Vorarlberg nicht. Auf einigen Alpen werden neben Kühen jedoch auch Rösser gehalten. Teilweise bis zu 20 und mehr, teilweise weniger. Mit 35 Pferden ist Wildgunten eine der Alpen, auf der am meisten Pferde ihre Sommerfrische verbringen. Denn Urlaub ist es wirklich: Die Tiere tragen kein Halfter, sind den ganzen Tag draußen auf einer Fläche von 40 Hektar und werden weder geritten noch gefahren. Sprich: Sie müssen nicht arbeiten. „Sie sind hier als Ausgleich. Das sagen zumindest einige Besitzer“, erklärt Markus Bischof, der die Alpe bewirtschaftet, dem aber keines der Pferde gehört.
Auf Wildgunten sind ein Pony, ein Tinker, drei Noriker, zwei Haflinger, fünf Pintos und 23 Freiberger. Letztere sind Kaltblüter, sie sind jedoch nicht so stämmig und schwer wie Noriker. Sie werden als Fahr- und Reitpferde eingesetzt. Der Freiberger ist eine Schweizer Pferderasse, die Tiere auf der Alpe Wildgunten gehören auch einem Schweizer. Er züchtet sie und verkauft einige an die Schweizer Armee.

Täglicher Kontrollgang

Da die Tiere den ganzen Tag im Freien sind, bereiten sie den Alpbetreibern nicht so viel Arbeit. Jedoch: Täglich schauen sie nach den Pferden und prüfen, ob alle da sind und keines verletzt oder krank ist. Auf einem Alpgebiet von 40 Hektar kann es schon mal dauern, bis sie gefunden sind. Das Gute dabei ist aber: Pferde sind Herdentiere und bleiben beieinander. Dass einige Tiere in einem Eck der 40 Hektar, einige im anderen Eck und die restlichen irgendwo dazwischen sind, kommt also nicht vor.

Markus Bischof ist unter anderem für das Sennen zuständig. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Markus Bischof ist unter anderem für das Sennen zuständig. Stiplovsek

Langweilig wird den drei Bischofs – Vater Markus, Tochter Anna und Sohn Martin –, den beiden Pfistern und der Köchin auf der Alpe Wildgunten trotzdem nicht: Schließlich sind hier noch 38 Schweine, zehn Ziegen, neun Kälber und – wie die zehnjährige Anna sagt – „69 Kühe ohne Sara“ zu versorgen. Letzteres bedeutet: Sara hat noch nie gekalbt und zählt deshalb nicht als Kuh, sondern als Kalbin. Sie trägt und wird in den nächsten Wochen ihr erstes Kalb zur Welt bringen. Dann ist auch sie eine Kuh.
Von 2. Juni bis Anfang September sind Mensch und Tier auf Wildgunten. Die Alpe ist Gemeinschaftsbesitz. Markus Bischof, der aus Schwarzenberg kommt, hält jedoch keine Anteile. Die „69 Kühe ohne Sara“ aber gehören ihm, ebenso die 38 Schweine und fünf der zehn Ziegen.
Die große, mit hellem Holz verkleidete und recht neue Alp­hütte liegt idyllisch auf einer kleinen Ebene inmitten eines grünen Hanges. Auf der Wiese in der Nähe grasen oder liegen Kühe, in der Ferne ist rechts die steinige, schlanke Damülser Mittagsspitze zu sehen, geradeaus zwei grasbewachsene Buckel der Kanisfluh. Vor der Alpe sind Holzbänke und -tische aufgestellt, zwischendrin verschieden farbige Sonnenschirme. Zu hören ist nichts – außer dem Gebimmel der Kuhglocken.

Viel Arbeit

Für Besucher mag das alles romantisch sein, ein Alpleben aber bringt viel Arbeit mit sich: Der Tag von Markus Bischof, der heuer den zweiten Sommer auf Wildgunten ist, beginnt mit dem Aufstehen um 4.30 Uhr und hört arbeitsmäßig um 20.30 Uhr auf. Am Morgen werden die Kühe gemolken, dann wird der Stall ausgemistet und die Milch gesennt. Am Abend steht erneut das Melken an, das jeweils zwei Stunden dauert. Am späten Vormittag und am Nachmittag wird „gebütschelt“ (Unkraut gemäht) oder Gülle ausgebracht, nach den Pferden geschaut oder „geschwendet“ (Sträucher von Wiesen entfernt), Wassertränken werden kontrolliert oder Brennholz wird gehackt. Und und und. Nicht zu vergessen, dass auf der Alpe Wildgunten Wanderer mit Speis und Trank versorgt werden.

Einige der neun Kälber, die auf Wildgunten gehalten werden.<span class="copyright"> stiplovsek </span>
Einige der neun Kälber, die auf Wildgunten gehalten werden. stiplovsek


„Die Arbeit auf Alpen ist Idealismus. Der Stundenlohn ist sehr gering“, sagt Markus Bischof. „Man muss froh sein, dass man noch Personal findet.“ Dennoch: Der Bauer ist gerne auf der Alpe. Die Natur, die Arbeit mit den Tieren und die Ruhe am Abend machen die Zeit hier besonders. Auch seine Tochter Anna fühlt sich sehr wohl. „Mir gefällt alles hier“, erklärt sie.
Beim Besuch der NEUE am Sonntag um die Mittagszeit ist der Kuhstall leer, mit Ausnahme einer separaten Box, in der drei Kälber liegen. Eines davon ist eine Woche alt, die anderen beiden 21 Tage. Sie sind hier geboren. Eine Geburt auf der Alpe gab es früher so gut wie nie. Die Umstände, die dies heutzutage möglich machen, sind: Hochträchtige Kühe müssen nicht mehr in die Berge laufen, sondern werden gefahren, das entsprechende Futter für Mutterkuh und Kalb ist auch dort vorhanden genauso wie Kälberboxen.

Wert von Stierkälbern

Die drei Kälbchen sind Fleckvieh. Auch sonst zählen viele Kühe von Markus Bischof zu dieser Rasse. Markus Bischof stellt seine Zucht von Braun- auf Fleckvieh um. Ein Grund dafür ist: In Vorarlberg gibt es nur einen Mastbetrieb für Stierkälber, und dieser hält Fleckvieh. Dass Stierkälber teilweise nur als „Müll“ angesehen werden, ist eine Entwicklung, die Markus Bischof überhaupt nicht gefällt. „Das kann es doch nicht sein. Auch ein Stierkalb muss etwas wert sein.“ Er lädt seine Stierkälber, wenn sie ca. sechs Wochen alt sind, in den Anhänger, und sie werden vom Stall oder der Alpe nach Götzis, und nicht nach Spanien, gefahren. „Ich könnte dort auch jederzeit vorbeikommen und schauen, wie es ihnen geht.“

Der Pfister füttert die Schweine. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Der Pfister füttert die Schweine. Stiplovsek


Doch zurück zu den Pferden. Es ist Zeit für die tägliche Kontrolle. Anna übernimmt das heute, sie wird begleitet von ihrer Freundin Pia, die gerade auf Besuch in Wildgunten ist. Ungefähr zehn Gehminuten von der Alphütte entfernt ist die Pferdeherde anzutreffen. Die beiden Mädchen bleiben bei manchen Tieren stehen, streicheln und tätscheln sie. Dann schwingt sich Anna, die im Tal zwei Pferde besitzt, auf den breiten Rücken eines braunen Freibergers. „Von hier habe ich eine gute Sicht, um zu zählen“, sagt sie.

Tiefenentspannt

Während sie und Pia mit Zählen beschäftigt sind, nähert sich auf der Schotterstraße ein Quad mit lautem Motorgeräusch. Pferde sind an sich schreckhafte Tiere, doch die auf Wildgunten lassen sich durch das Fahrzeug nicht aus der Ruhe bringen. Sie stehen weiterhin auf der und rund um die Straße herum, mit leicht gesenktem Hals und halbgeschlossenen Augen. Die Rassen der Wildguntener Pferde sind ruhig und nicht so schreckhaft. Es scheint aber auch, dass die Pferde durch ihren Urlaub auf der Alpe tiefenentspannt sind. Wenn das kein Pferde-Paradies ist!

Pferde bei der Schweizer armee

Bei der Schweizer Armee gibt es rund 200 Pferde. Es werden fast ausschließlich Freiberger Pferde eingesetzt, einzige Ausnahme sind einige wenige Maultiere. Die Tiere kommen überall dort zum Einsatz, wo kein Fahrzeug hinkommt, etwa wenn Holz geschleppt und bis zur nächsten befahrbaren Straße abtransportiert werden muss. Die Pferde werden aber auch für berittene Patrouillen, beispielsweise zur Grenzkontrolle, benötigt. Freiberger Pferde eignen sich zum Reiten und zum Fahren.