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Streit, wohin man auch blickt

20.08.2022 • 18:17 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Streit, wohin man auch blickt
Schoppernau zwischen 1897 und 1920. Vorarlberger Landesbibliothek

„Felder Tage“ beschäftigen sich mit dem streitbaren Felder.

Es kam wohl äußerst selten vor, dass ein kleiner Bauer aus einem abgelegenen Bergdorf im 19. Jahrhundert die Schriften von Ferdinand Lassalle – dem Ahnherrn der Sozialdemokratie – las. Franz Michael Felder (1839-1869) tat dies. Mehr noch: Der halbblinde Mann aus Schoppernau setzte Ideen, die er aus den Schriften gewonnen hatte, um. Allerdings nicht bei den Arbeitern, sondern bei den Bauern.

Der Bauer, Schrifsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder.<span class="copyright">Franz-Michael-Felder-Archiv</span>
Der Bauer, Schrifsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder.Franz-Michael-Felder-Archiv

Zu der Zeit gab es in Vorarlberg zwei politische Gesinnungen: die Konservativen und die Liberalen; letzteren fühlten sich vor allem Fabrikanten und andere Wirtschaftstreibende wie Wirte oder Käsehändler zugehörig. Dass Felder mit seinem Schwager Kaspar Moosbrugger 1866 die „Vorarlberg’sche Partei der Gleichberechtigung“ gründen wollte, stieß einigen Menschen sauer auf. Denn eines der Ziele von Felder und Moosbrugger war, Privilegien der Oberschicht zu beschneiden und die Ausbeutung von Bauern und Handwerkern zu beenden oder zumindest zu mildern. Streit, ja gar Morddrohungen gegen Felder waren die Folge seines politischen Engagements. Dazu kam, dass Felder schon seit Anfang der 1860er-Jahre wegen seiner Tätigkeit als Schriftsteller angefeindet wurde und er seit Jahren mit dem Schoppernauer Pfarrer Georg Rüscher im Konflikt lag; Felder war für den Geistlichen ein gottloser Unchrist. Streit also, wohin man blickt.
Der streitbare und politische Felder wird bei der Veranstaltung „Felder Tage“, die Ende September stattfindet, einer von drei Schwerpunkten sein. Autor und Historiker Georg Sutterlüty organisiert diese Tage und hält sie in Zusammenarbeit mit dem Franz-Michael-Felder-Verein und dem Hotel Rössle in Au ab.

Autor und Historiker Georg Sutterlüty.<span class="copyright"> Roswitha Schneider</span>
Autor und Historiker Georg Sutterlüty. Roswitha Schneider

Autodidakt

Felder hat lediglich die Pflichtschule – damals Volksschule – absolviert. Er wäre gerne weiter zur Schule, doch die Umstände erlaubten es dem Bauernbub nicht. „Felder hat sich nach und nach über Bücher, politische Schriften und Zeitschriften weitergebildet. Daraus entwickelte er nicht nur ein Weltbild, das er umsetzen wollte, sondern auch ein Selbstbewusstsein, durch das er den politischen Streit führen konnte“, sagt Sutterlüty. An Felders Seite stand und stritt stets sein Schwager Kaspar Moosbrugger, ein studierter Jurist.
„Der wichtigste Ideengeber für Felder war der Sozialist Lasalle“, berichtet Sutterlüty. Durch ihn kam Felder auf die Idee, Genossenschaften in das Wirtschaftsleben zu integrieren. 1866 gründeten er, Josef Feuerstein aus Bezau – ein Händler, Lithograph und liberaler Politiker – sowie Bauern aus dem Hinterbregenzerwald einen Käsehandlungsverein. Dessen Ziel war: Die Bauern sollten nicht mehr nur den Käse produzieren und dann an Händler abgeben, die den Gewinn einstrichen, sondern sie sollten ihn über Genossenschaften selbst handeln und verkaufen. Dadurch bliebe ihnen mehr als der „läppische Milchpreis“, wie Sutterlüty sagt. Dieser Käsehandlungsverein nahm seine Arbeit auf und führte sie auch nach Felders Tod im Jahr 1869 fort.

Die Frauen und Mädchen aus dem Bregenzerwald verdienten zu Felders Zeiten ein Zubrot, in dem sie stickten. Bei schlechtem Licht saßen sie teils tagelang über ihren Stickereien, der Verdienst dafür war gering. „Felder war der Meinung, dass auch in diesem Bereich eine Genossenschaft sinnvoll wäre und die Stickereien selbst verkauft werden sollten“, so Sutterlüty. Doch Felder, der kurz vor seinem 30. Geburtstag starb, kam nicht mehr dazu, diese Idee umzusetzen. Dasselbe trifft auf den Bereich Holz zu, für den er ebenfalls eine Genossenschaft angedacht hatte. Weiterführend schwebte Felder eine „Wäldergenossenschaft“ für Holz, Käse und Stickerei vor. „Damit hätte er jeden großen Händler ausgehebelt. Das wäre ein einschneidender Bruch in der Sozial- und Wirtschaftswelt des Bregenzerwaldes gewesen“, erklärt Sutterlüty.

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Parteischrift „Ruf aus Vorarlberg um Gleichberechtigung“. Vorarlberger Landesbibliothek

Zeitgleich neben den sozialreformerischen Tätigkeiten verfolgten Felder und Moosbrugger ihre politischen Aktivitäten. Ihre „Vorarlberg’sche Partei der Gleichberechtigung“ richtete sich an die Unterschicht und den unteren Mittelstand. 1866 gaben die beiden die Parteischrift „Ruf aus Vorarlberg um Gleichberechtigung“ heraus. Kurz danach „begann der Konflikt richtig“, so Sutterlüty. Nicht nur wegen der politischen Aktivitäten, sondern auch wegen der Streitigkeiten Felders mit dem Pfarrer und dem dadurch entstandenen Riss in Schoppernau. Der Konflikt gipfelte darin, dass Felder 1867 zu Moosbrugger nach Bludenz floh.

Kampf ums Christentum

Im selben Jahr wurde im Oktober in Schoppernau der Gemeindeausschuss gewählt. Erstmals gab es zwei wahlwerbende Gruppen: die streng päpstlich gesinnte Pfarrer-Partei und die Felder-Partei. Letztere wurde nicht von Felder geführt, sondern sie bestand aus seinen Anhängern. Die Pfarrer-Partei stilisierte die Wahl hoch: In einer Zeitung tat sie kund, dass in Schoppernau der Kampf um das Christentum entschieden werde. Die Felder-Partei gewann die Wahl, doch weil es Unstimmigkeiten gegeben hatte, focht die Pfarrer-Partei sie an. Bei der Wahlwiederholung zündeten Anhänger der klerikal-konservativen Seite Wahlzettel an. Die Wahl wurde nochmals wiederholt und erneut von der Felder-Partei gewonnen.

Dass die Felder-Partei diesen Erfolg erzielte, zeigt: Felders Ideen kamen bei der Bevölkerung an, er konnte sie überzeugen. Vor allem in der Sennerei sprach er über das, was er gelesen hatte. „Felder konnte die Schriften, beispielsweise von Lasalle, herunterbrechen und in eine Sprache bringen, die Bauern und Senner verstanden“, sagt Sutterlüty.

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Mitstreiter Kaspar Moosbrugger. Universitätsbibliothek Leipzig

Als Felder den Pfarrer anzeigte

Im Jahr 1867 zeigte Franz Michael Felder den Schoppernauer Pfarrer Georg Rüscher an, weil dieser ihn in Predigten verhetzte. Zehn Jahre davor wäre das nicht möglich gewesen, so Historiker Georg Sutterlüty. Damals herrschte in Österreich noch der Neoabsolutismus. Das änderte sich mit den in den 1860er Jahren verabschiedeten Staatsgrundgesetzen. „Diese Gesetze haben die Position des einzelnen Bürgers verbessert. Vorher saß der Pfarrer auf dem längeren Ast und konnte jeden Sonntag von der Kanzel auf Felder herunterspucken“, erklärt Sutterlüty. Bei den „Felder Tagen“, die er organisiert, ist eine Station das Dorf Bezau. Beim dort befindlichen Gericht brachte Felder die Anzeige – die er dann übrigens wieder zurückzog – ein.

Die Felder Tage sind, so Sutterlüty, eine dreitätige Exkursion auf den Spuren Felders, die eine tiefe Auseinandersetzung mit seinem Tun und Schaffen, seinem literarischen Werk und seiner Lebensumgebung ermöglichen sollen. Sie finden von 22. bis 24. September im Hotel Rössle in Au statt. Weitere Infos: www.roessle-au.at/hotel/felder-tage

Im folgenden ein Auszug aus einem Brief Felders an seinen Schwager Kaspar Moosbrugger vom August 1863. Er ist auf dem Flyer für die Felder Tage abgedruckt und zeigt auf humoristische Weise, wo Felder auf Widerstand stieß. „Durch den Umstand, daß ich ein Buch mache, habe ich sechs Todsünden und noch eine begangen: 1. Schrieb ich es aus Hoffart (sagt der Pfarrer). 2. Aus Geiz (der alte Vorsteher, weil ich es ums Geld schrieb). 3. Aus Unkeuschheit (es sei eine Liebesgeschichte). 4. Aus Zorn und Ärger über die Schoppernauer. 5. Aus Fraß, daß ich den Freaßtobak vermöge zu zahlen. 6. aus Trägheit (natürlich!). 7. Sagt man, ich habe alles aus ändern Büchern zusammen­geschrieben und Du habest mir geholfen.“ Bei dem Buch handelt es sich um „Nümmamüllers und das Schwarzokaspale“.

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