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Gewalt an Frauen stoppen

26.08.2022 • 19:47 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jede fünfte Frau erlebt Gewalt. Zwei Drittel davon verschweigen die Vorfälle. <span class="copyright">jorruang/Shutterstock</span>
Jede fünfte Frau erlebt Gewalt. Zwei Drittel davon verschweigen die Vorfälle. jorruang/Shutterstock

Projekt „Stadtteile ohne Partnergewalt“ in Bregenz unterstützt und bestärkt betroffene Frauen. Zudem werden Nachbarn und Umfeld von Betroffenen sensibilisiert.

Das Thema der Pressekonferenz, zu der die Stadt Bregenz gestern geladen hat, könnte dringlicher und aktueller nicht sein: Gewalt an Frauen. Erst diese Woche geschahen in Österreich innerhalb weniger Stunden der 23. und 24. Femizid (Mord an einer Frau) dieses Jahres.

Auf dem Vorplatz des Stadtteilbüros in Bregenz-Mariahilf hatten die Veranstalter der Pressekonferenz ein Wohnzimmer mit einem Teppich, Stühlen, einer Lampe und Büchern aufgestellt. Denn, wie Vize-Bürgermeisterin Sandra Schoch (Grüne) erklärte: „Das eigene Wohnzimmer wird meistens mit angenehmen Gefühlen und Sicherheit verbunden. Für jede fünfte Frau aber ist es das nicht, denn 20 Prozent der Frauen sind von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen. Deshalb gehen wir mit diesem Thema hinaus. Das Private ist in diesem Fall politisch.“

Pressekonferenz: Katharina Leissing (Theater Kosmos), Nikola Furtenbach (Ifs), Vizebürgermeisteirn Schoch, Bürgermeister Ritsch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Pressekonferenz: Katharina Leissing (Theater Kosmos), Nikola Furtenbach (Ifs), Vizebürgermeisteirn Schoch, Bürgermeister Ritsch. Hartinger

Niederschwelliges Angebot

Um Gewalt an Frauen auf mehreren Ebenen entgegenzuwirken, wurde vor einem Jahr in Bregenz das Projekt „Stadtteile ohne Partnergewalt“, kurz „StoP“, gestartet. Es ist ein niederschwelliges Angebot, das in den Stadtteilbüros verankert ist und sich an Frauen wendet, die von Gewalt betroffen sind. Wichtig dabei: Es ist in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Nikola Furtenbach vom Institut für Sozialdienste (Ifs), das Kooperationspartner ist, berichtete auf der Pressekonferenz: „Ein erster Erfolg war, dass eine Frau in ein Stadtteilbüro kam und sagte, sie sei von Gewalt betroffen. Bis nach Feldkirch hinauf wäre sie aber nicht gegangen, um sich dort Hilfe zu suchen.“ In den Stadtteilbüros an der Ach und Mariahilf werden Erstberatungen für Betroffene angeboten. Termine dafür können in jedem Stadtteilbüro vereinbart werden. Wer das Gespräch in einer anderen Sprache als Deutsch führen will, bekommt zur Erstberatung eine Dolmetscher gestellt.

Nikola Furtenbach vom Institut für Sozialdienste (Ifs). <span class="copyright">Hartinger</span>
Nikola Furtenbach vom Institut für Sozialdienste (Ifs). Hartinger

Zwei Drittel schweigen

Häusliche Gewalt bleibt viel zu oft unsichtbar: Ungefähr zwei Drittel der Frauen, die Gewalt in der Partnerschaft erleben, melden die Vorfälle nicht der Polizei oder Opferschutzeinrichtungen. Oft schweigen die Frauen aus Unwissenheit, an wen sie sich wenden sollen und/oder aus Scham, dass ihnen Gewalt angetan wurde.
Umso wichtiger ist es, die Nachbarschaft und das Umfeld von Betroffenen zu sensibilisieren. Zum einen, damit sie Gewalt erkennen, zum anderen, damit sie wissen, wie sie diesen Frauen helfen können. Politikerin Schoch erzählte dazu eine persönliche Geschichte: Ihre Tochter habe berichtet, dass sie sich Sorgen um eine Freundin mache. Diese ziehe sich immer mehr zurück und ihr neuer Freund wolle nicht, dass sie mit Freundinnen ausgehe. „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagte Schochs Tochter. „Gewalt“, so Schoch Senior, „beginnt meist nicht mit Schlägen, sondern psychischer Gewalt, zu der auch zählt, dass ein Mann die Frau zu isolieren versucht.“

Sandra Schoch, Vizebürgermeisterin von Bregenz. <span class="copyright">Hartinger</span>
Sandra Schoch, Vizebürgermeisterin von Bregenz. Hartinger

Das Projekt „StoP“ will die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren. Die Menschen sollen ermutigt werden, nicht wegzusehen, Gewalt zu benennen und Zivilcourage zu zeigen. Um das zu erreichen, führt „StoP“ öffentlichkeitswirksame Aktionen durch, es leistet Informations- und Aufklärungsarbeit und zeigt praktische Unterstützungsmöglichkeiten auf.

„Gewalt beginnt meist nicht mit Schlägen, sondern mit psychischer Gewalt und Isolation der Frau durch den Mann.“

Sandra Schoch, Vizebürgermeisterin Bregenz

Kooperationen

Wichtig in diesem Zusammenhang sind die Kooperationspartner von „StoP“, der Lebensraum Bregenz etwa, die Katholische Kirche Vorarlberg oder das Theater Kosmos. Katharina Leissing vom Theater Kosmos berichtete auf der Pressekonferenz: Als die Kulturinstitution 2021 gefragt wurde, ob sie als Kooperationspartner mitmache, habe man sofort zugesagt. „Wir hoffen, dass durch dieses Projekt das Bewusstsein für dieses Thema steigt“, erklärte Leissing. Bald wird im Theater Kosmos ein Theaterstück zu sehen sein, für das von Gewalt betroffene Frauen interviewt wurden; sie schildern ihre Erfahrungen und weshalb sie die Partnerschaft nicht gleich beendeten. Das Theater handelt aber auch von der wichtigen Rolle von Nachbarschaften.
Das Projekt „StoP“, das österreichweit angeboten wird, ist seit 1. Juni auch in Hohenems angesiedelt. Und: In Bregenz wird es nach der einjährigen Testphase fortgeführt.

Was tun und an wen wenden?

Wer von Partnergewalt betroffen ist, soll:

versuchen, so laut zu sein, dass die Nachbarn es hören.

für den Fall, sich und die Kinder in Sicherheit bringen zu müssen, vorsorgen: einen Notfallkoffer mit den wichtigsten Dingen packen und diesen zu einer Vertrauensperson bringen.

die Polizei unter 133 anrufen. Sie ist verpflichtet, bei Gewalt in der Familie und bei Partnergewalt den Täter aus der Wohnung wegzuweisen

die Frauenhelpline unter 0800 222555 anrufen. Sie ist rund um die Uhr zu erreichen und kostenlos.

Was können Nachbarn tun?

In einer akuten Situation unter 133 die Polizei rufen.

Bei der Frauenhelpline 0800 222555 anrufen und sich bei Verdacht auf Gewalt beraten lassen.

Sich bei „StoP“ über das Thema informieren (www.stop-partnergewalt.at).

Sich mit der Familie, Freunden und Bekannten zusammentun und überlegen, wie geholfen werden kann.

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