Lokal

„Der Mangel wird uns noch Jahre begleiten“

10.09.2022 • 14:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Seit zwei Jahren Alexandra Loser Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft. <span class="copyright">Beate Rhomberg</span>
Seit zwei Jahren Alexandra Loser Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft. Beate Rhomberg

Alexandra Loser, Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft, über den besonders dramatischen Lehrermangel an Volksschulen, die Zukunft der Kleinschulen und ihre Vision.

Sie waren 21 Jahre lang Lehrerin an der Mittelschule Bregenz-Schendlingen, einer sogenannten Brennpunktschule. Kann ein Quereinsteiger an einer solchen Schule unterrichten?
Alexandra Loser:
Quereinsteiger sind als Unterstützung okay. Aber dass jemand ohne pädagogische Ausbildung eine Klasse an Standorten mit besonderen Bedürfnissen führt, stelle ich mir schwierig vor. In einer Volksschule, die nicht im Brennpunkt steht, ist es vielleicht einfacher, einen Quereinsteiger eine Klasse übernehmen zu lassen.

Damit sind wir schon beim Thema Lehrermangel. Wie schätzt die Gewerkschaft die Situation ein?
Loser:
Sie ist dramatisch. Vor allem an den Volksschulen. Auch wenn eine Schule mit dem Lehrpersonal startet, das sie für den Grundbetrieb braucht: Es kann während des Schuljahres eine Lehrperson wegen Krankheit oder Schwangerschaft ausfallen. Wer übernimmt dann die 22 Stunden und die Klasse? In einer Mittelschule ist es nicht ganz so dramatisch, da können die Stunden eher kompensiert werden. Ein studierter Englischlehrer kann zum Beispiel Deutsch oder ein anderes Fach übernehmen. Ich habe in meinen aktiven Zeiten manchmal Zeichnen, Geografie und Physik unterrichtet, obwohl das nicht meine Fächer waren.

Was wurde verabsäumt, dass der Lehrermangel so dramatisch werden konnte?
Loser:
Vor 20 Jahren sagte man den Maturanten, es gebe zu viele Lehrer, sie sollen lieber nicht Lehramt studieren. Das fällt uns jetzt auf den Kopf. Natürlich ist es aber auch eine demografische Geschichte, wie wir es auch in allen anderen Branchen sehen. Dazu kommt, dass der Lehrberuf vom Image her nicht attraktiv ist. Das einzige, was viele Menschen mit Lehrern verbinden, ist: Es sei ein Halbtagsjob mit viel Ferien. Das stimmt einfach nicht.

Hat man versäumt, am Image des Lehrerberufes zu arbeiten?
Loser:
Ja. Im ersten Lockdown gab es kurz den Hype, welch’ tolle Arbeit Lehrer leisten. Alle, die ihr Kind selbst unterrichten mussten, fragten sich, wie macht das ein Lehrer mit 23 Kindern? Diese Bewunderung und Wertschätzung sind rasch abgeflaut. Ein Problem ist auch: Jeder meint, er könne mitreden, weil jeder in die Schule gegangen ist. Aber sie ist nicht mehr wie damals, es hat sich alles verändert.

Alexandra Loser im Gespräch mit der <em>NEUE am Sonntag. </em><span class="copyright">Rhomberg</span>
Alexandra Loser im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Rhomberg

Wie kann der Lehrermangel behoben werden?
Loser:
Wir werden noch einige Jahre mit dieser Mangelwirtschaft zu tun haben. Man muss das Ansehen des Lehrberufs verbessern und eine große Imagekampagne führen. Außerdem sollte es Überlegungen für ein angepasstes Gehaltsschema geben. Es bräuchte aber auch mehr Supportpersonal, denn die primäre Aufgabe einer Lehrperson ist die Wissensvermittlung, sie ist kein ausgebildeter Sozialarbeiter oder Soziologe. Es braucht Menschen an der Schule, die die Lehrer mit den Kindern unterstützen. Es gibt so viele Kinder mit Rucksäcken, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wichtig wäre auch, den Lehrern wieder die Möglichkeit eines Sabbaticals zu geben. Das wird kaum noch bewilligt, und wenn doch, kurz vor der Pension. Ein Sabbatical braucht man aber mittendrin im Berufsleben. Der Lehrberuf ist ein psychisch herausfordernder Beruf.

Wie attraktiv ist die Lehrer-Ausbildung?
Loser:
Früher konnte sie im Land an der Pädak absolviert werden. Aber seit sie zur Hochschule umgewandelt wurde, ist das nur beschränkt möglich. Zum Volksschullehrer kann man sich in Feldkirch ausbilden lassen, aber zum Mittelschullehrer nur teilweise. Es kann sein, dass ein Student für Musik und Werken nach Salzburg muss oder für Geografie nach Innsbruck. Zudem wäre es gut, die Ausbildung umzustrukturieren: Statt fünf Jahre am Stück sollte nach drei Jahren Studium der Bachelor gemacht werden können und der Master danach in einem zweijährigen, berufsbegleitenden Studium.

Der Lehremangel ist so frappant, dass zwei Kleinschulen – in Partenen und Wald am Arlberg – geschlossen werden.
Loser:
Das ist schade, und ich verstehe, dass jede Gemeinde eine eigene Schule haben möchte. Aber ich glaube nicht, dass das die Zukunft sein wird. Wir haben immer weniger Kinder und nicht ausreichend Personal. Dann wird es zu Zusammenlegungen kommen müssen.

Jeder meint, sich mit der Schule auszukennen, weil jeder selbst dort war. Aber sie hat sich sehr verändert.

Alexandra Loser, Gewerkschafterin

Es gibt auch Direktorenmangel. Teilweise muss ein Direktor mehrere Schulen gleichzeitig leiten. Ist das oft der Fall?
Loser:
Viele sind es noch nicht. Aber es wird kommen, dass mehrere kleine Schulen in einem Cluster von einem Direktor geleitet werden.

Weshalb sind Direktoren so belastet?
Loser:
In den vergangenen Jahren sind für sie sehr viele Aufgaben dazugekommen. Sie müssen sich um das neue Verwaltungsprogramm kümmern, das von vielen als sehr benutzerunfreundlich beschrieben wird, und sie sind für die korrekte Abrechnung für die Lehrer zuständig. Im Prinzip sind viele Direktoren Lohnbuchhalter, Sekretär, Hauswart und Chef in einem. Dabei bleibt die Pädagogik auf der Strecke. Für einen Direktor ist es fast unmöglich, das zu machen, wofür er eigentlich da wäre: eine Schule pädagogisch zu leiten und die Schüler, Lehrer und Eltern zu unterstützen.

Was kann man gegen den Direktorenmangel tun?
Loser:
Man müsste ein neues Gehaltsschema aufstellen, denn Direktoren sind nicht ihren Aufgaben gemäß entlohnt. Glücklicherweise werden die Direktoren nun administrativ entlastet, weil das Land eine Million Euro für zusätzliche Sekretariatsstunden zur Verfügung gestellt hat. Das ist ein erster Schritt. Man muss aber noch viel mehr investieren.

In Vorarlberg müssen nur die Schüler Maske tragen, die positiv, aber symptomlos sind. <span class="copyright">Symbolbild Reuters/Foeger</span>
In Vorarlberg müssen nur die Schüler Maske tragen, die positiv, aber symptomlos sind. Symbolbild Reuters/Foeger

Kommen wir zum zweiten herausfordernden Thema für die Schulen: Corona. In Vorarlberg dürfen positiv getestete, aber symp­tomlose Lehrer unterrichten und positive Schüler in die Klassen. Was sagt die Gewerkschaft dazu?
Loser:
Das ist eine gefährliche Geschichte. Wenn ich weiß, ich bin positiv, gehe ich nirgends hin und schon gar nicht arbeiten. Da wird es dann gleich heißen, Lehrer sind Superspreader. Wir sind dafür, dass sie und positive Schüler wenigstens fünf Tage zu Hause bleiben.

Was hält die Gewerkschaft vom Variantenmanagementplan, also den angepassten Strategie-Maßnahmen für verschiedene Szenarien.
Loser: Wir befürchten im Falle einer neuen Welle, dass das Testen und die Gesundheitsmaßnahmen wieder den Schulleitern umgehängt werden. Das ist für sie eine große Mehrbelastung und wäre im Prinzip die Zuständigkeit der Gesundheitsbehörde. Es bräuchte externe Personen, die die Tests durchführen, gerade an größeren Standorten.

Im Trubel um den Lehrermangel und Corona hört man von einem Thema nicht mehr viel: der Modellregion gemeinsame Schule. Wie ist da der Stand?
Loser:
Da sind wir nirgends. Sie steht zwar im Regierungsprogramm, aber man hört nichts davon. Meine Vision ist, dass es eines Tages eine gemeinsame Schule der 6- bis 14-Jährigen geben wird, mit einem Standort, an dem all diese Schüler unterrichtet werden. Da gäbe es Fördermaßnahmen für schwächere Kinder und Förderung für begabte Kinder. Sie alle können voneinander lernen, so etwas ist sehr wertvoll.

Gibt es auch etwas Positives zum neuen Schuljahr?
Loser:
Dass Lehrer sich immer wieder bereit erklären, einen Direktorenposten zu übernehmen und dass die Lehrpersonen meiner Einschätzung nach mit viel Energie und Kraft in das neue Schuljahr starten. Ich wünsche ihnen, dass sie sich gut einlassen können auf das neue Schuljahr.

zur Person

Alexandra Loser ist seit Juli 2020 Vorsitzende der Pflichtschullehrer­gewerkschaft Vorarlberg. Zuvor arbeitete sie 21 Jahre als Integrationslehrerin an der Mittelschule Bregenz-Schendlingen. Sie unterrichtete Englisch, Ernährung und Haushalt. Alexandra Loser ist 1975 geboren und wohnt in Lauterach.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.