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Ein Bauernleben fast wie früher

19.11.2022 • 19:32 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Seit er ein Kind war, lebt Hermann Fetz im November zur Winterfütterung im Berggut. <span class="copyright">Hartinger</span>
Seit er ein Kind war, lebt Hermann Fetz im November zur Winterfütterung im Berggut. Hartinger

Hermann Fetz (45) aus Au führt seine Landwirtschaft großteils so, wie sein Vater es getan hat.

Etwa 200 Meter oberhalb der Ortschaft Au im Bregenzerwald, keine zehn Fahrminuten von der Gemeinde entfernt, liegt das Berggut „Berngat“. Circa 15 Holzhütten stehen über die steile Fläche verteilt. Egal, ob man geradeaus, nach rechts oder links schaut: Überall sind in der Ferne Berge zu sehen. Die Novembersonne taucht die Landschaft in ihr helles Licht, zu hören ist vor allem eines: das Rauschen der Bregenzer Ache aus dem Tal.

Die Hütte ist mehr als 400 Jahre alt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Hütte ist mehr als 400 Jahre alt. Hartinger

Ein Berggut ist etwas ähnliches wie ein Vorsäß, der einzige Unterschied liegt in den Besitzverhältnissen. Einer der Bauern, die hier eine Hütte und Weiden besitzen, ist Hermann Fetz (45) aus Au. Während das Berggut jetzt im November längst leer und die Kühe samt ihren Besitzern ins Tal zurückgekehrt sind, lebt er mit seinen Tieren immer noch hier. Er ist nämlich einer der wenigen Bauern im Bregenzerwald, die die Winterfütterung machen. Im Dialekt nennt man das „Fuotoro“.

Dem Heu nachgezogen

Früher war die Winterfütterung üblich und Teil der Dreistufenwirtschaft. Weil das Heu, das damals im Sommer im Vorsäß geerntet worden war, wegen fehlender Transportmittel nicht ins Tal gebracht werden konnte, zogen die Familien mit ihren Tieren im November erneut ins Vorsäß oder Berggut, um das Sommerheu dort zu verfüttern. Meist blieben sie bis Mitte/Ende Dezember. Als die Bauern ab den 1960er-Jahren motorisiert und die Straßen ausgebaut wurden, gaben sie die Winterfütterung allmählich auf.

Nicht jedoch Familie Fetz: Julius Fetz – der mittlerweile verstorbene Vater von Hermann – führte sie immer durch, sodass der heute 45-Jährige bereits als Kind auch im November in „Berngat“ lebte. Es waren – trotz insgesamt zwei Stunden Fußweg zur Schule – glückliche Kindheitstage. Für ihn war klar, diese Tradition fortzuführen, als er 1997 die Landwirtschaft übernahm und 2009 sein Vater starb. Bis vor zwei Jahren war stets auch seine Mutter Martina Fetz mit im Berggut, wegen ihres Alters – 81 – bleibt sie nun aber im Hof im Tal.

In der Hütte gibt es einen Gas- und einen Feuerherd. <span class="copyright">Hartinger</span>
In der Hütte gibt es einen Gas- und einen Feuerherd. Hartinger

In der weniger als 1,80 Meter hohen, getäfelten Stube der alten Hütte: Ein Kachelofen verbreitet wohlige Wärme, eine Mischung aus leichtem Heu- und Stallgeruch erfüllt die Luft. Hermann Fetz, ein mittelgroßer, blonder Mann, sitzt am Tisch und erzählt, warum er die Winterfütterung noch macht. Er redet gemächlich und verwendet – als Bauer no na ned – Wörter wie „Bündta“ und „Boardona“ (verschiedene Formen, wie Heu gebündelt wird). Über ein Stierkalb, das er gemästet hat und und unlängst schlachten ließ, sagt er: „Ich habe es schwer gemacht.“

Viel Arbeit

Hermann Fetz’ kräftige Hände mit den zahlreichen Schrunden zeugen von viel und mühevoller Arbeit. Manche seiner steilen Weidegründe mäht er von Hand. Arbeitsgeräte wie Schaufeln, Besen oder Hämmer, aber auch Dachschindeln, stellt er selbst her. „Man muss kein Geld für etwas ausgeben, das man selbst machen kann“, sagt er dazu. Der Vollerwerbsbauer mit neun Kühen und einigen Stück Jungvieh ist aber nicht gegen den Einsatz von Maschinen. „Ich führe die Landwirtschaft alleine. Ohne Maschinen wüsste ich nicht, wie ich das schaffen sollte“, sagt er. Wenn er jedoch von modernen Ställen hört, in denen die Kühe automatisch über ein Halsband gefüttert werden, ist seine Meinung dazu klar: „Da bin ich total dagegen.“

Kater Vinzenz ist auch in „Berngat“ dabei. <span class="copyright">Hartinger</span>
Kater Vinzenz ist auch in „Berngat“ dabei. Hartinger

Für ihn ist wichtig: „Ich lebe und arbeite so, wie die Kühe und die Natur es vorgeben. Ich bin nicht für ‚Turbokühe‘, in die man Tag und Nacht Zeug hineinstopft.“ Mit dieser Denkweise liegt er eigentlich im Trend der Nachhaltigkeit. Hermann Fetz aber gibt nicht viel auf Trends oder Moden; das tat er noch nie. Er führt die Landwirtschaft im Sinne seines Vaters und arbeitet vielfach noch so wie der „Däta“. Etwas anderes wäre für Hermann Fetz nicht in Frage gekommen, denn: „So wie man es damals gemacht hat, ist es auch heute noch gut.“ Heutzutage könnte er mit dieser Arbeitsweise Bio-Bauer werden. „Ich habe mir das überlegt, aber da muss ich mich an Regeln halten. Ich möchte jedoch mein eigener Herr bleiben.“

Einfache Hütte

Doch zurück zur Winterfütterung. Der Heimathof von Hermann Fetz ist keine fünf Autominuten entfernt von der einfachen Hütte in „Berngat“, die mehr als 400 Jahre alt ist, kein Warmwasser, keinen Kühlschrank, wenig Strom und ein modernisiertes Plumpsklo im „Schopf“ hat. Eigentlich könnte der sympathische Auer doch auch von seinem Heimathof auf und ab fahren, während seine Tiere hier oben das Sommerheu futtern? „Es ist praktischer, wenn ich vor Ort bin“, erklärt er bestimmt. Außerdem ist er gerne hier oben. In „Berngat“ scheint die Sonne für November sehr lange, und auch die Ruhe schätzt er sehr. Dass er nun alleine hier wohnt, nachdem er ein Leben lang zuerst mit seinen Eltern und seiner Schwester Rosmarie Ritter und dann mit seiner Mutter im Berggut lebte, ist kein Problem für ihn. „Und a Handy hat ma jo o“, fügt er hinzu und schmunzelt.

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Untertags ist er sowieso nicht oft in „Berngat“, weil er im Tal oder auf seiner Alpe „Stoggen“ zu tun hat. Letztere macht er gerade winterfit, im Tal sind Arbeiten zu erledigen wie Düngen oder „Ingräso“ (Gras mähen, das die Tiere dann direkt zum Fressen bekommen). Hermann Fetz zählt noch mehrere Tätigkeiten auf und beendet die Aufzählung mit den Worten: „Manchmal denke ich, man macht fast zu viel.“

Wien ja, Brasilien nein

Zeit für Hobbys oder Urlaub bleibt dem 45-Jährigen jedenfalls kaum. Wien war das weiteste Reiseziel, das er je ansteuerte. Einer seiner Onkel ist vor Jahrzehnten nach Dreizehnlinden“ in Brasilien ausgewandert, noch heute leben Cousins dort. Hermann Fetz ist nicht daran interessiert, sie zu besuchen. Das bedeutet aber keinesfalls, dass er weltfremd oder gleichgültig gegenüber politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignissen wäre. Im Gegenteil: Immer wieder kommt der Vollerwerbsbauer beim Interview mit der NEUE am Sonntag auf aktuelle Themen zu sprechen.

Hermann Fetz mit Kater Vinzenz in der Stube. <span class="copyright">Hartinger</span>
Hermann Fetz mit Kater Vinzenz in der Stube. Hartinger

Der 45-Jährige muss sein Glück nicht in der Ferne suchen: Alles, was er dazu braucht, findet er im Bregenzerwald. Momentan noch bis Mitte Dezember im Berggut, danach zieht auch er mit Sack und Pack ins Tal.

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