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Eine Seilbahn ohne Personal

21.01.2023 • 19:47 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Valisera Bahn im Montafon läuft ohne Personal. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Valisera Bahn im Montafon läuft ohne Personal. Klaus Hartinger

Die Valisera-Bahn gilt als Weltneuheit, da sie ohne Personal beim Ein- und Ausstieg funktioniert.

In der Talstation der Valisera-Bahn in St. Gallenkirch: Circa 15 Skifahrer fahren mit der Rolltreppe vom Erdgeschoß in den ersten Stock, wo der Einstieg in die Bahn ist. Zielstrebig gehen die Wintersportler mit ihren Ski in den Händen auf die Gondeln zu und dann direkt dort hinein – ohne ihre Wintersportgeräte an Skiständern außerhalb der Kabine zu befestigen. Doch nicht nur das fällt auf, sondern: Es ist weit und breit kein Liftpersonal zu sehen. Die neue Valisera-Bahn funktioniert nämlich weitgehend ohne Personal.

Der Einstieg in die Seilbahn ist ebenerdig. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Einstieg in die Seilbahn ist ebenerdig. Klaus Hartinger

Höchste Investition

Der 18. Dezember 2021 war ein besonderer Tag für das Skigebiet Silvretta Montafon: Damals eröffnete im Areal der Valisera-Talstation der neue Silvretta-Park Montafon, zu dem unter anderem ein Hotel, ein Sportshop und das SiMo-Hotel gehören; letzteres ist die Unterkunft für Mitarbeiter. Zeitgleich ging die neue Valisera-Bahn in Betrieb.

Das Gesamtprojekt war die höchste Investition, die die Silvretta Montafon in ihrer Firmengeschichte getätigt hat: 70 Millionen Euro kosteten der Silvretta-Park Montafon und die neue Bahn. Die alte hatte mit ­ihren 40 Jahren ihren Dienst getan.

Die Gondel im Einsatz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Gondel im Einsatz. Klaus Hartinger

Jahrzehnte in Betrieb

„Die neue Bahn wird wieder Jahrzehnte in Betrieb sein, deshalb war es wichtig, die aus unserer Sicht beste und zukunftsträchtigste Technologie zum Einsatz zu bringen“, erklärt Peter Marko, Geschäftsführer der Silvretta Montafon. Dass die Bahn führerlos funktioniert, ist nur eine der vielen Neuheiten: So ist die Valisera-Bahn beispielsweise barrierefrei durch einen Lift erreichbar, sie ist geräusch- und vibrationsarm und mit einer Geschwindigkeit von 6,5 Metern pro Sekunde eine der schnellsten Seilbahnen.

„Es war wichtig die zukunftsträchtigste Technologie zu verwenden, damit die Bahn in den nächsten Jahrzehnte betriebsfähig ist.“

Peter Marko, Geschäftsführer

Die Talstation besteht größtenteils aus Glas und ist deshalb hell und freundlich, in der Bergstation wurden Fotovoltaikflächen eingebaut. Umgesetzt wurde die Bahn mit und von Doppelmayr. „Seit über 50 Jahren sind Doppelmayr und die Silvretta Montafon Partner. In dieser Zeit haben wir gemeinsam über 60 Anlagen gebaut“, sagt der zweite Geschäftsführer der Silvretta Montafon, Martin Oberhammer. „Bei der neuen Bahn handelt es sich um eine gemeinsame Innovation.“

Zweiter Geschäftsführer der Silvretta Montafon ist Martin Oberhammer.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Zweiter Geschäftsführer der Silvretta Montafon ist Martin Oberhammer. Klaus Hartinger

Genau genommen ist die führerlose Bahn eine Weltneuheit, wie Oberhammer ausführt. In Österreich ist es die erste derartige Bahn, weltweit ist es die zweite nach derjenigen in Zermatt, die ein Jahr vor der Valisera-Bahn in Betrieb ging.

Wie funktioniert nun die Bahn ohne Personal? Einerseits wurden die Gondeln so gebaut, dass der Einstieg so problemlos wie möglich ist: Er ist ebenerdig, und die Ski müssen nicht in einen Skiständer gehoben werden, was bei üblichen Bahnen manchmal die Hilfe von Liftbediensteten erfordert. Andererseits gibt es mehrere Sicherheitseinrichtungen, wie Sensoren. Werden diese ausgelöst, stellt sich die Bahn selbst ab, oder es leuchtet ein Signal im Kontrollraum auf.

Der Innenraum der einzelnen Gondeln. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Innenraum der einzelnen Gondeln. Klaus Hartinger

Kontrollraum

Der Kontrollraum ist in der Mittelstation. Hier arbeiten diejenigen Mitarbeiter, die es für die Führung der Bahn noch braucht. Über Bildschirme sehen sie die Ein- und Ausstiege der gesamten Bahn, über eine Gegensprechanlage können sie bei Bedarf mit den Gästen kommunizieren. Wenn es für eine Person – etwa eine gehbehinderte – notwendig ist, dass die Gondel beim Ein- oder Ausstieg hält, kann sie über einen Infoknopf Kontakt mit den Mitarbeitern im Kontrollraum aufnehmen und ihnen ihr Anliegen schildern. Sie stoppen dann die Bahn.

Im Kontrollraum arbeiten zeitgleich immer zwei Mitarbeiter. Im Tal ist ein Angestellter, der einer anderen Arbeit nachgeht, auf Abruf bereit. Mehr Personal braucht die Valisera-Bahn für den Transport nicht. Zum Vergleich: Früher haben bei derselben Bahn sechs Personen gearbeitet.

Betriebsleiter Wolfgang Rudigier mit Gästen im Hintergrund. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Betriebsleiter Wolfgang Rudigier mit Gästen im Hintergrund. Klaus Hartinger

Unterschiede zu früher

Gerhard Mangeng ist einer der Angestellten, der nach wie vor Liftbediensteter ist. Seit 20 Jahren macht er diese Arbeit. Im Unterschied zu früher hat er mit der neuen Bahn fast keinen Kundenkontakt mehr: „Vorher haben wir den Gästen geholfen und geschaut, dass die Gondeln besser ausgelastet sind. Nun brauchen die Menschen unsere Unterstützung nur noch, wenn sie etwas liegen gelassen haben oder wenn sie einen Weg nicht finden.“ Andererseits sei die Arbeit angenehmer, da sie in einem warmen Raum und nicht in einer zugigen Halle verrichtet werde, sagt der Liftbedienstete.

Gerhard Mangeng im Kotrollraum. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Gerhard Mangeng im Kotrollraum. Klaus Hartinger

Die neue Valisera-Bahn ist nun seit etwas mehr als einem Jahr in Betrieb. Bisher habe sie sich sehr bewährt, heißt es vonseiten der Silvretta Montafon. Sie weckt auch großes Interesse: Über 80 Delegationen aus der ganzen Welt haben die innovative Bahn im Montafon bereits ­besich­tigt. Beim Besuch der NEUE am Sonntag macht sich gerade eine chilenische Abordnung ein Bild davon, wenige Stunden später werden Interessierte aus Kanada erwartet, und einen Tag zuvor waren Neuseeländer vor Ort.

Valisera-Bahn

Die Gondeln der Valisera-Bahn bieten Platz für zehn Personen. Die Ski werden mit in die Gondel genommen, wo sie in schmalen Schlitzen im Boden gehaltert werden. Da die Ski in den Kabinen stehen, sind sie höher als übliche Gondeln. Ihre Wände bestehen aus Glas, was einen schönen Ausblick ermöglicht. Die Förderleistung der Valisera-Bahn liegt zurzeit bei 2800 Personen pro Stunde, sie kann aber auf 3600 erhöht werden. Beim Einfahren in den Einstiegsbereich werden die Gondeln so stimuliert, als wären sie beladen. Dadurch drückt es sie nach unten und der Fahrgast kann ebenerdig einsteigen.

Santiago und St. Gallenkirch

Die Chilenen sind Vertreter des Ministeriums für Wohnbau und Urbanisierung. Sie sind auf Einladung der österreichischen Wirtschaftskammer nach St. Gallenkirch gekommen. Die Wirtschaftskammer möchte Delegationen wie der chilenischen das Potenzial zeigen, das es in Österreich gibt. Die Südamerikaner sind begeistert von der führerlosen Seilbahn. Sie möchten diese Technologie vor allem für den urbanen Bereich nutzen, etwa als Fortbewegungsmittel für den Zoo der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile. Vielleicht hat der kleine Ort St. Gallenkirch im Montafon künftig also eine Gemeinsamkeit mit der Millionenstadt in Chile.

Eine chilenische Delegation besichtigt die Bahn mit Vertretern von Doppelmayr. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Eine chilenische Delegation besichtigt die Bahn mit Vertretern von Doppelmayr. Klaus Hartinger

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