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Dieser Schwarzenberger hält alles fest, was im Ort passiert

03.06.2023 • 10:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Johann Aberer im Herzen von Schwarzenberg mit seiner neuesten Chronik. <span class="copyright">Hartinger</span>
Johann Aberer im Herzen von Schwarzenberg mit seiner neuesten Chronik. Hartinger

Ein Schwarzenberger hat in Tausenden Stunden ehrenamtlicher Arbeit Geschichtliches aus seinem Heimatort gesammelt und dokumentiert.

Der heute 71-jährige Schwarzenberger Johann Aberer nahm bis vor mehr als zwanzig Jahren an, es gebe – abgesehen von einem Großonkel in Bregenz – keine Verwandten von der Aberer-Seite. Dann sah er eines Tages in einer Zusammenfassung aller Pfarrbücher des Bregenzerwalds, dass der Name Aberer in Schnepfau und Schoppernau früher öfters vorgekommen ist. „Ich war sehr überrascht“, erzählt er über diese Entdeckung. Da seine Eltern zu dem Zeitpunkt bereits gestorben waren, konnte er niemanden mehr fragen – deshalb begann er, selbst zu forschen. Damals schrieb man das Jahr 2000. 16 Jahre später – Johann Aberer war mittlerweile in Pension – gab er ein 260 Seiten starkes Buch heraus, die „Aberer-Chronik“.

Geschichten erzählen

Die Chronik geht bis ins Jahr 1430 zurück und enthält die gesamte Verwandtschaft. Die „Aberer-Chronik“ ist kein reiner Stammbaum, das war nicht die Absicht des Vaters zweier Söhne und einer Tochter. Sondern: „Ich wollte zu den Personen eine Geschichte erzählen.“ Das ist ihm bei vielen seiner Ahnen und Ahninnen gelungen. In die Hände spielte ihm dabei, dass einige seiner Ahnen Landammänner waren und seine Vorväter 180 Jahre lang das mittlerweile geschlossene Gasthaus Ochsen in Schwarzenberg geführt haben. „Sie waren reiche Leute, und früher schrieb man nur über solche Menschen, nicht über Arme“, erklärt Johann Aberer den Fakt, dass es recht viele Unterlagen über seine Ahnen gab.

Blättern in der Kriegschronik. <span class="copyright">Hartinger</span>
Blättern in der Kriegschronik. Hartinger

Diese musste er erst aber finden. Jahrelang hat er vor allem im Landesarchiv Unterlagen gesucht. „Ich habe mich von Schachtel zu Schachtel durchgearbeitet.“ Die Dokumente dürfen nicht aus den Archiven mitgenommen werden, der Schwarzenberger fotografierte deshalb alle relevanten Dokumente. „Ich habe tausend Fotos gemacht und am Computer das Gelesene in Lateinschrift übersetzt.“ Dazu hatte er zuvor die Kurrentschrift erlernen müssen, was nicht so einfach war.

Ein Ahne war der Landammann Melchior Aberer, geboren am 20. Oktober 1683. „Damals standen die Türken vor Wien“, ergänzt der Hobbyhistoriker. Der Landammann wurde im November 1741 erschossen. Wer die Tat verübte, wurde nie geklärt. Johann Aberer sagt dazu: „Meiner Ansicht nach war er ein Gauner. Nach den Wahlen hat er seine Gegner geklagt und fertig gemacht. Ich vermute, die Tat war ein Racheakt.“ Ein Sohn des Erschossenen, Bartholomäus Aberer, wurde später ebenfalls Landammann und änderte das Familienwappen. Darauf ist ein Arm mit einer Schreibfeder abgebildet. „Das ist für mich ein Zeichen, dass er Gesetzestreue wollte. Sein Vater hat es damit nicht so genau genommen.“ Ein weiterer Ahne – es war ein Enkel des erschossenen Landammanns, Melchior Aberer ist sein Name – ist ebenfalls erwähnenswert, denn er hat sich um 1780 scheiden lassen. „Das war eine der ersten Scheidungen“, erklärt sein Nachkomme.

“Das war ein Erlebnis”

Viele weitere Geschichten hat Johann Aberer über seine Ahnen und Ahninnen entdeckt. Sie sind nicht nur in das Buch eingeflossen, sondern einige wurden von ihm, Museumsleiter Andreas Hammerer und Kurt Bereuter 2012 in einer Ausstellung im Egg-Museum gezeigt. Darüber wurde auch ein Beitrag für die damalige Kultursendung des ORF Vorarlberg „Kultur nach Sechs“ verfasst. Johann Aberer sprach damals live im Radio. „Das war schon ein Erlebnis“, erzählt er.

Ein Bild aus der Kriegschronik. <span class="copyright">Hartinger</span>
Ein Bild aus der Kriegschronik. Hartinger

Der Schwarzenberger verdiente seinen Lebensunterhalt als Schreiner. Seit seiner Pension stellt er keine Türen, Fenster und Möbel mehr her, sondern er sammelt Daten, fügt sie zusammen, gießt sie in Texte, ergänzt sie durch Fotos und erschafft daraus Bücher, Chroniken und Schriften. Eines seiner vielen Werke ist: Seit 2012 gibt er jedes Jahr eine Schwarzenberg-Chronik heraus. Darin ist festgehalten, was während des Jahres in der Wäldergemeinde geschehen ist, sei es die Veranstaltung des Musikvereins, sei es die neue Ausstellung des Angelika-Kauffmann-Museums. Ein Fixpunkt ist immer das Wetter des jeweiligen Jahres, das im ersten Kapitel beschrieben ist. Manchmal fließen auch Geschichtliches aus dem Ort oder Ereignisse von überregionaler Bedeutung, wie die Coronapandemie, ein. Zwischen 80 und 100 Seiten enthält jede Chronik. Rund 940 Seiten ergeben sich, wenn alle elf Schwarzenberg-Chroniken zusammengezählt werden.

Alles aus Aberer-Hand

Die Fotos macht Johann Aberer selbst, genauso das Layout. Für Letzteres verwendet er kein Grafikprogramm, sondern Word. Wie das funktioniert, hat er sich selbst beigebracht. Schreibmaschinenschreiben kann der Schwarzenberger nicht, er tippt all sein Geschriebenes mit einem Ein-Finger-System. Korrekturgelesen werden die Chroniken von seiner Frau Anni Aberer.
Die Druckkosten für die Chronik übernimmt die Gemeinde, die Arbeit von Johann Aberer wird nicht bezahlt. Sein Lohn und seine Motivation sind: „In 50 bis 100 Jahren ist das sehr interessant.“

„In 50 bis 100 Jahren sind die Schwarzenberg-Chroniken sehr interessant.“

Johann Aberer, Hobbyhistoriker

Eine weitere Antriebsfeder ist natürlich auch, dass ihm diese – und alle seine anderen historischen Tätigkeiten – Freude bereiten. „Was man gerne macht, ist keine Arbeit, sondern Spaß. Jedenfalls fast immer.“ Im Gespräch mit der NEUE ist dem Hobbyhis­toriker durchaus eine leichte Kränkung und Enttäuschung anzumerken, weil sein Schaffen von recht vielen Menschen nicht gewürdigt wird. Tätigkeiten wie seine werden von vielen nicht als richtige Arbeit angesehen, und sie werden monetär auch kaum wertgeschätzt.

Eine Auswahl der Werke. <span class="copyright">Hartinger</span>
Eine Auswahl der Werke. Hartinger

Dabei hat er zum Beispiel mit seiner Kriegschronik des Ersten Weltkriegs etwas geschaffen, das wohl kaum eine Gemeinde in Vorarlberg vorzuweisen hat: Aus den Aufzeichnungen des Schwarzenberger Kriegsteilnehmers Franz Josef Kohler hat Johann Aberer die „Schwarzenberger Kriegschronik“ erstellt, in der alle 342 Männer des Ortes, die einrücken mussten, aufgelistet sind. Penibel genau ist von jedem Soldat das Geburtsdatum, sein Beruf, sein Einrückungstermin, sein Rang und sein Einsatzgebiet aufgelistet, genauso wie das Datum, an dem er vermutlich gefallen ist oder in Kriegsgefangenschaft geriet sowie sein Rückkehrdatum oder eine eventuelle Invalidität.

Wenn ein Schwarzenberger oder eine Schwarzenbergerin heute also wissen möchte, ob und wann zum Beispiel der Urgroßvater der Nachbarn im Ersten Weltkrieg war, lässt sich das mit einem Blick ins Inhaltverzeichnis der Chronik feststellen. Zudem ist zu jedem Mann – sofern es Unterlagen gab – ein Foto und eine Geschichte abgedruckt. Wie man sich vorstellen kann, war das Sammeln und In-Form-Bringen all dieser Daten „eine Mordsarbeit“, wie Johann Aberer sagt. Aus dem Material, das er gesammelt hat, hat er in den Jahren 2014 bis 2018 zudem drei Ausstellungen konzipiert „zum Gedenken an die vor 100 Jahren geschehenen Wahnsinns­taten, die mit unseren Großvätern für nichts und wieder nichts veranstaltet wurden“, wie der 71-Jährige es ausdrückt.

Weitere Arbeiten

Doch damit ist der historischen Aktivitäten von Johann Aberer nicht genug: Er ist Ortchronist von Schwarzenberg und damit Ansprechpartner für Bewohner, die geschichtliche Dokumente oder Fotos weitergeben möchten, er hat fast alle – auch ehemaligen – Gasthäuser von Schwarzenberg erforscht und er hat sämtliche Kapellen, Bildstöcke sowie Wegkreuze in mehreren Heftchen dokumentiert. Im Jahr 2013 hat er tausend Häuser von Schwarzenberg fotografiert und dokumentiert, und er hat eine Broschüre über die selige Ilga, die seit dem 12. Jahrhundert in Schwarzenberg verehrt wird, herausgegeben.
In Johann Aberers Schublade liegen noch 140 Seiten Pfarrkirchenchronik, 125 Seiten zum Thema „90 Jahre Sennhaus zum Hof“ sowie 600 Schriftstücke seiner Großeltern mütterlicherseits. Wenn die Zeit reif und das Geld dafür da ist, kann er aus allen dreien Druckwerke schaffen. Langweilig wird dem interessierten, umtriebigen Schwarzenberger so schnell also nicht.

Die Schwarzenberg-Chronik kann im Gemeindeamt, beim Spar in Schwarzenberg oder beim Autor selbst gekauft werden.