Meinung

Verheerende Kurz-Botschaft

19.05.2020 • 13:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Beim Kanzlerbesuch im Kleinwalsertal nahm man es mit den Abstandsregeln nicht so genau.   <em>Foto: APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC</em>
Beim Kanzlerbesuch im Kleinwalsertal nahm man es mit den Abstandsregeln nicht so genau. Foto: APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

Der Auftritt von Sebastian Kurz im Kleinwalsertal wirft viele Fragen auf. Ein Kommentar über Zufälle, Kontrolle, Ausflüchte.

Der Auftritt von Sebastian Kurz im Kleinwalsertal vermittelt die verheerende Botschaft, dass sich der Bundeskanzler nicht an seine von ihm und seiner Regierung aufgestellten Regeln und Gesetze halten muss. Es sind in unserem Land Menschen ohne ihre Liebsten am Totenbett gestorben. Andere lebten wochenlang in Quarantäne, in Isolation, die Schüler mussten zu Hause bleiben, Großeltern durften ihre Enkelkinder nicht besuchen. Viele Unternehmer sind dem Ruin nahe, Hunderttausende haben ihren Job verloren, über eine Million Menschen sind in Kurzarbeit. Die Kunst- und die Sportbranche stehen vor dem Kollaps. Das alles als Folge der Pandemie und der daraus resultierenden strikten Auflagen. Doch wenn der Bundeskanzler kommt, dann nimmt man es mit den Auflagen nicht so genau. Was ein Hohn für die vielen ist, die nicht zuletzt fürs Gemeinwohl pflichtbewusst Verzicht üben. Es ist das alte Lied vom Gleichen unter Gleichen.


Verheerend ist auch, dass Kurz keine Entschuldigung über die Lippen kommt. Er stattdessen die Journalisten anpatzt, ja sogar die Kleinwalsertaler verantwortlich macht. Dabei hätte er, und nur er, die Situation auflösen können. Er hätte die Besucher auffordern müssen, wieder nach Hause zu gehen, weil es nichts zu sehen gäbe. Doch das kleine Zelt beim Eingang stand ja nicht zufällig da. Genauso kein Zufall war es, dass der Mittelberger Bürgermeister eine Ansprache hielt und danach das Wort an Kurz übergab. Ob Kurz informiert war oder nicht, ist zweitrangig. Sein Gag auf Kosten der Ostösterreicher über den fehlenden Tunnel wirkte jedenfalls vorbereitet. Kurz, der immer die Kontrolle haben will, überlässt nichts dem Zufall. Außerdem gab es ja schon im Vorfeld Aufregung – nach dem Aufruf zur Beflaggung und zum Spalierstehen am Straßenrad. Ist es wirklich denkbar, dass es noch nicht mal danach einen Austausch zwischen den Organisatoren im Kleinwalsertal und dem Kurz-Büro über den Ablauf des Besuchs gab? Kaum.


Es mag schon sein, dass in der Situation alles aus dem Ruder lief. Aber genau das wirft ja die Kardinalfrage auf: War Kurz in einer so überschaubaren Situation damit überfordert, spontan eine Entscheidung zu treffen? Und nein, sein sanftes Bitten, etwas Abstand zu halten, so gut als möglich, war keine Entscheidung. Dass viele diese Ansage mit einem Lachen quittierten kam ja nicht von ungefähr. Seine PR-Berater hätten Kurz wohl gesagt, dass er die Versammlung auflösen muss. Aber auf sich alleine gestellt kam das unserem Kanzler nicht in den Sinn. Und das ist, nebst dem schlechten Beispiel, das Kurz gab, das wirklich Bedenkliche. Es zeichnet ein Bild eines politischen Anführers, der nicht führt, sondern sich vom Augenblick überwältigen lässt.


Das verheerende Bild komplett machen die Ausflüchte von Kurz. Er will keinen Fehler gemacht haben, bloß keine Schwäche zeigen. Dabei wäre es ein Zeichen von Stärke, Verantwortung zu übernehmen. Jeder macht Fehler. So sind wir Menschen. Kurz inszeniert sich als Ausnahme. Weil er fürchtet, dass ihm ansonsten die Opposition sein Alter vorwirft? Das könnte passieren. Aber damit würden sich seine politischen Gegner eher selbst entlarven.
Es braucht jetzt keine Inszenierung. Sondern Entscheidungen. Hilfe. Vordenker. Vorbilder. Und Vorbilder brauchen vor allem eins: Glaubwürdigkeit – und die hat Kurz fürs Erste verspielt.