Kommentar

Österreich und Timanowskaja

04.08.2021 • 09:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Österreich ist ein Land der Zeitlupe, das hat Außenminister Alexander Schallenberg jüngst wieder unter Beweis gestellt, nachdem es geheißen hatte, die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja könne sich vorstellen, in Österreich um Asyl anzusuchen. Die Sportlerin hatte sich bekanntlich zuvor über das Management des olympischen Komitees ihres Heimatlandes beschwert, das zufälligerweise vom Sohn des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenka geleitet wird.

Lukaschenka, dessen Kritiker regelmäßig tot aufgefunden werden, zeigte sich offenbar wenig erfreut. Timanowskaja sollte zum Tokyoter Flughafen gebracht und ausgeflogen werden. Daraufhin entschied sich die Sportlerin, wohl eingedenk des Schicksals anderer Landsleute mit Hang zum offenen Dissens, vorerst lieber in Japan zu bleiben und in einem europäischen Staat um Asyl anzusuchen.
Da hätte man ihn endlich einmal gehabt, den Fall des Konventionsflüchtlings, der aus politischen Gründen verfolgt wird. Für Österreich wäre es eine Möglichkeit gewesen, sein in Sachen Hilfsbereitschaft etwas ramponiertes Image mit der Aufnahme der Frau aufzupolieren – ganz abgesehen davon, dass man ihr aus einer Notlage geholfen hätte.

Es kam anders. Die heimische Politik ging auf Tauchstation. Danach lamentierte man, Timanowskaja habe sich ja nicht bei der Botschaft gemeldet. Dass es die Möglichkeit gegeben hätte, ihr den dauerhaften Aufenthalt von sich aus anzubieten, kam dem offiziellen Österreich nicht in den Sinn. Schließlich offerierten Tschechien, Slowenien und Polen der Athletin Asyl.
Man hätte die Angelegenheit als weiteren Stein im Mosaik der, abseits der Migrationsthematik, weitgehend ziel- und willenlosen österreichischen Außenpolitik ansehen und zum Rest der Affäre schweigen können. Aber man wollte zumindest hinterher hilfsbereit wirken und verkündete über die Presse, man hätte Timanowskaja ja schon aufnehmen wollen. Unter der Parole „Österreich duckt sich nicht weg“ versucht man nun das außenpolitische Phlegma medial zu beschönigen. Dass Timanowskaja nicht die Botschaft angerufen habe, war schließlich nicht die Schuld der heimischen Diplomatie.
Österreich war leider, leider wieder einmal etwas zu langsam. Dabei hätte man ja wirklich gerne helfen wollen.

Die Episode erinnerte an die kurzfristige Verhaftung des russischen Ex-Geheimdienstlers Michail Golowatow. Nachdem der Mann, der als Kommandant einer Spezialeinheit während der litauischen Unabhängigkeitsbestrebungen 1991 den Tod von vierzehn Menschen zu verantworten hatte, 2011 am Flughafen Wien verhaftet worden war, ließ Österreich ihn kurze Zeit später frei. Litauen habe leider die Gründe für den europäischen Haftbefehl nicht rechtzeitig konkretisiert, weshalb Österreich nicht schnell genug reagieren konnte. Auch damals, so versicherten die Behörden, hätte man natürlich geholfen, wäre da nicht die Zeit gewesen. Sie wird in Österreich gerne nach politischen Maßstäben gemessen und vergeht entsprechend langsam.