Kommentar

Zu unfähig für Verschwörungen

06.11.2021 • 19:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Unter den Aluhüten brodelt es. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Unter den Aluhüten brodelt es. Stiplovsek

In einer immer schneller werdenden Welt, die immer schwerer zu verstehen ist, suchen viele Menschen nach sicheren Häfen in denen sie sich gebraucht, verstanden und bestätigt fühlen. Das kann die Familie, ein Freundeskreis, eine Partei, eine Kirche oder ein Verein sein. Bei manchen sind es Verschwörungstheorien. Sie liefern einfache Antworten auf komplexe Fragen und bedienen, so erklärte unlängst die Autorin Ingrid Broding bei einem Vortrag, auch bereits vorhandene Vorurteile. Wer beispielsweise einen Politiker nicht mag, wird schlechte Nachrichten über ihn eher glauben als wenn sie jemanden betreffen, den man sympathisch findet. Viele Verschwörungsmythen wenden sich gegen eine vorgestellte Allianz aus Politik und Medien, die übermächtig ihre Lügen wie Gift unters Volk bringt, um irgendwelche sinisteren Ziele zu erreichen. Wer einmal mit Medien oder Politik näher zu tun hatte, weiß, wie absurd diese Vorstellung ist – nicht weil Journalisten und Politiker von Grund auf gute Menchen wären, sondern weil der gemeinsame Nenner und die Professionalität zur Verschwörung fehlt.

Wie soll eine Partei, die es nicht schafft, die SMS des Kanzlers vor der Staatsanwaltschaft geheimzuhalten, an einer Corona-Verschwörung beteiligt sein? Wie soll eine Bundesregierung, die einen Botschafter abberufen muss, weil er die Formel für eines der weltweit tödlichsten Nervengifte an einen gesuchten Wirtschaftskriminellen verraten haben soll, die es seit zwei Jahren nicht schafft auch nur eine halbwegs funktionale Statistik zur Pandemie zu führen oder eine Verordnung ohne Fehler zu erlassen, Teil eines geheimen weltweiten Plans sein? Wie sollen Medienvertreter, die sich Bestechungsermittlungen stellen müssen oder beim Verrat von Oppositionsinfos an den Bundeskanzler erwischt werden, zu so etwas fähig sein? Genausowenig werden sich Wissenschafter, die um jeden Erfolg rittern und sich dabei gegenseitig um Drittmittel beneiden, an Komplotten beteiligt sein, in denen es im wesentlichen darum geht ihre wichtigste Forschungs- und Einnamequelle umzubringen: die Wahrheit.

Verschwörungsgläubige, die von einer angeblichen Corona-Diktatur sprechen, scheinen nicht zu hinterfragen, warum sie noch atmen und demonstrieren können, wenn doch dermaßen einflussreiche Gegner dies verhindern wollen. In Wahrheit erlaubt ihnen ihr Glaube sich wichtig zu fühlen: Sie gehören zu den Eingeweihten, zu jenen die alles verstanden haben, anders als die dumpfe Masse, die weiterhin den Mainstreammedien nachläuft, die doch allesamt nur im Sold der Freimaurer, der Juden oder der Echsenmenschen stehen.

Ein ehermaliger Verschwörungsgläubiger, der davon überzeugt war, die Erde sei eine Scheibe, erklärte einmal wie er davon abgekommen sei: Gäbe es einen Erdrand, so dachte er sich eines Tages, wäre dieser doch längst kommerziell ausgebeutet worden. Es gäbe Reisen ans Ende der Welt und Bungee Jumping. Warum sollte man das geheimhalten?
Verschwörungstheorien scheitern letztlich nicht nur an ihrer wissenschaftlichen Inkonsistenz, sondern auch an der Banalität des Lebens und dem Alltagsdilletantismus der politmedialen Blase, die zu großen Verschwörungen gar nicht fähig wäre.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.