Kommentar

Türkise Eichhörnchen

23.01.2022 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Reuters

Der österreichische Politzoo produziert laufend ein unterhaltsames Programm, allerdings zu hohen Kosten.

Wenige Dinge faszinieren mich so sehr wie die Fähigkeit der österreichischen Innenpolitik sich beständig humoristisch selbst zu überholen. Kürzlich berichtete die Presse, dass in den sogenannten Beinschab-Studien, mit denen die ÖVP vom Finanzministerium bezahlte Umfragen betrieben haben soll, auch tierische Vergleiche untersucht wurden. So wollte man vom Wahlvolk etwa wissen, mit welchem Tier Sebastian Kurz assoziiert werde. Offenbar gehörten dabei Eichhörnchen und Delfin zu den Favoriten.
Man stelle sich die armen Menschen vor, die sich in irgend einem traurigen Callcentre Überlegungen darüber anhören musste, ob der künftige ÖVP-Chef nun eher auf Fisch oder Nüsse stehen würde, hätte das Schicksal oder die Evolution ihn nicht zum höheren Primatendasein berufen. Als Umfrageteilnehmer findet man solche Anrufe vielleicht noch lustig, solange man nicht weiß, dass man mit den eigenen Steuern dafür bezahlt.
Warum aber ausgerechnet diese Tiere? Vielleicht weil beide Arten recht wendig sind. Außerdem sind keine Delfine mit Vorstrafen bekannt und schließlich legte auch der Ex-Kanzler stets wert auf seine Unbescholtenheit. Allerdings wurden aber auch noch keinem Eichhörnchen Falschaussagen vor einem Untersuchungsausschuss vorgeworfen.
Die Staatsanwaltschaft wird sich wohl fragen, ob man sich bei solchen Fragestellungen überhaupt einen Informationsgewinn erhofft hat, oder ob hier jemand einfach nur zu faul war, um die eigentlich beabsichtigte Umleitung öffentlicher Gelder zugunsten der ÖVP zu verschleiern. Mit Spannung darf erwartet werden, was die türkisen Eichhörnchen auf diese und andere Vorhaltungen erwidern werden. In den letzten Tagen sind außerdem weitere Fragen, rund um ein anderes Tier aufgetauch. Im Café zum Schwarzen Kamel trifft sich alles, was impolitischen Wien Rang und Namen hat oder haben möchte. Wäre Österreich ein einigermaßen wichtiges Land, müssten fremde Nachrichtendienste dort nur die Tische verwanzen, um mehr zu erfahren, als ihnen lieb wäre.
In eben diesem Lokal soll, so berichtet das Portal Zackzack, eine ÖVP-nahe Juristin versucht haben, ihre Bewerbung als Generalprokuratorin zu retten. Der Spitzenposten in der Justiz soll Eva Marek vom damaligen Minister Wolfgang Brandstetter in Aussicht gestellt worden sein. Marek hatte sich nämlich zuvor für eine andere Stelle, nämlich die Leitung der Oberstaatsanwaltschaft Wien beworben. Damit, so geht aus veröffentlichten Chatprotokollen hervor, sollte die Besetzung des Postens mit zu ÖVP-fernen Persönlichkeiten verhindert werden. Marek, damals noch Richterin am OGH, nahm die schlechter bezahlte Stelle bei der OStA an und hoffte in weiterer Folge vergeblich auf die Stelle als Generalprokuratorin.
Daran, dass die Volkspartei ihr Versprechen aber platzen ließ, konnten weder Interventionen bei der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner noch beim Sektionschef im Justizministerium Christian Pilnacek etwas ändern. Marek hatte letzteren im besagten Schwarzen Kamel getroffen, weil sie offenbar das bestimmte Gefühl hatte, sich mit der Personalrochade umsonst zum Affen gemacht zu haben.
Der österreichische Politzoo produziert laufend ein unterhaltsames Programm, allerdings zu hohen Kosten.