Kommentar

Wie man uns für dumm verkauft

28.05.2022 • 22:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wahrheit ist ein Kind der Zeit, Dreistigkeit bleibt dafür konstant.

Zugegeben, der Umgang mit Mitmenschen kann manchmal einigermaßen anstrengend sein. Man ist doch immer wieder erstaunt darüber, was ein anderer alles nicht wissen kann. Gleichzeitig muss man bedenken, dass es den anderen mit einem selbst auch so geht. Ich kann in einer durchschnittlichen Werkzeugkiste vielleicht fünf Teile richtig benennen, dafür könnte ich Sie einen Abend lang mit der Geschichte der österreichischen Verwaltung langweilen. Wissen und Nichtwissen ist also oft eine Frage der Perspektive.

Politiker sind es daher gewohnt, Dinge möglichst einfach zu erklären, weil sie damit rechnen müssen, dass nicht jeder versteht, warum man etwas wie macht. Gleichzeitig hat man es mit vielen Menschen zu tun, deren Meinungsbreite sich nicht immer mit ihrem Verständnishorizont deckt. Das verleitet vielleicht manche Politiker dazu, die Wählerschaft insgesamt für dumm zu halten. Zu diesem Schluss könnte man etwa kommen, wenn die ÖVP Vorarlberg glaubt, sie könne tatsächlich jemandem weismachen, es gebe keine politische Einmischung ins Tagesgeschäft von Landesunternehmen, während sich der ehemalige Bürochef des Landeshauptmannes sich nicht nur erfolgreich auf einen Posten bei den Illwerken vkw beworben hat, sondern das Land dort auch noch sein Gehalt zum Teil weiterzahlte. Die SPÖ Burgenland nimmt natürlich genauso wenig Einfluss auf den Landesenergieversorger wie die Schwarzen in Vorarlberg. Entsprechend selbstständig ist die „Energie Burgenland“ nun wohl auch auf die Idee gekommen sich in „Burgenland Energie“ umzubenennen. Der ursprüngliche Name war ja auch schon zehn Jahre alt und ein kostspieliges „Rebranding“ daher dringend notwendig.

Genauso plausibel erscheint es, dass der ÖVP-Seniorenbund in Oberösterreich und Vorarlberg mittels Umgehungskonstruktion Coronahilfen abkassiert haben soll – man hat ja schließlich nichts mit der Partei zu tun. Die Vorfeldorganisationen der SPÖ sind schon vor Jahren davongelaufen, um nicht unter die Transparenzregeln des Parteiengesetzes zu fallen. Daher hat die „Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen“ in der Gewerkschaft offiziell nichts mehr mit der Sozialdemokratischen Partei zu tun. Dafür gibt es die neue Vorfeldorganisation „Gewerkschafterinnen in der SPÖ“, die sich wundersamerweise das Personal mit der FSG teilt.
Das ist ungefähr so glaubwürdig wie die Autorenschaft von Christine Aschbacher für ihre „nach bestem Wissen und Gewissen“ abgefasste slowakische Seepocken-Dissertation.

Als besonders verblödend empfinde ich die regelmäßigen Beteuerungen, dass derartige Absurditäten ganz normal und die Kritik daran eine Hexenjagd sei, bis man dann ohne jedes Schuldeingeständnis eine komplette Kehrtwende vollzieht. Warum noch einmal hat der Vorarlberger Wirtschaftsbund eine Zeitschrift eingestellt, die nach eigenen Angaben einen sehr hohen Werbewert für die Inserenten hatte? Die Wahrheit ist bekanntlich ein Kind der Zeit, die Dreistigkeit mancher Politiker bleibt dafür konstant.

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