Kommentar

Ein Politikerleben zehrt an der Substanz

22.06.2022 • 13:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Landeshauptmann Wallner legt eine Pause ein. <span class="copyright">Lerch/pauschal</span>
Landeshauptmann Wallner legt eine Pause ein. Lerch/pauschal

Wallners Situation zu respektieren ist man dem menschlichen Anstand schuldig und allen Mitbetroffenen.

Vor eineinhalb Wochen war Markus Wallner noch zu Besuch bei der NEUE – wir feierten unser 50-jähriges Bestehen in Schwarzach. Der Landeshauptmann kam am Sonntagnachmittag vorbei und gratulierte. Man unterhielt sich am Rande über die Causa prima, die Wirtschaftsbund-Affäre. Es war ein kurzer, höflicher Austausch von Standpunkten. Ich meinte zum Landeshauptmann, es sei ein Zeichen dafür, dass die grundsätzlichen Dinge in unserer Demokratie noch funktionieren, wenn er trotz der scharfen medialen Kritik an seiner Person persönlich vorbeikomme.

Dass es ihm schlecht ging, hätte ich dabei nicht bemerkt. Am Dienstag präsentierte Wallner noch im Pressefoyer nach der Sitzung der Landesregierung das Entlastungspaket, auch hier keine Spur von persönlicher Belastung. Jetzt könnte man laut aufschreien: „Da schaut her, der Wallner fährt das übliche Programm, präsentiert noch die große Geldverteilung und dann ist er plötzlich krank! “ Es wäre nicht nur zu kurz gegriffen, sondern auch niederträchtig.
Ich habe Menschen kennengelernt, die mit einem Lächeln durch den Tag gingen und sich am Abend weinend ins Bett gelegt haben. Man kann in die Leute nicht hineinschauen, in Landeshauptmänner noch weniger. Wenn jemand öffentlich sagt, dass es ihm nicht gut geht, sollte man ihm glauben. Viele mögen sich nichts dabei denken, wenn ein Landeshauptmann am Sonntag bei einem Zeitungsfest auftritt, zum nächsten Termin weitereilt und dann am Montag wieder ins Büro geht. Michael Häupl hat die Beanspruchung durch den Job einmal in dem eher unglücklichen Vergleich seiner Arbeitszeit mit der Unterrichtszeit von Lehrern kristallisiert. Politiker zu sein ist in vielen Fällen mehr als ein Vollzeitjob. Man macht permanent Überstunden, muss sich das Gejammere anderer anhören und wird laufend kritisiert, beschimpft, bedroht. Die wenigsten würden das auf Dauer aushalten. Ein Politikerleben zehrt an der Substanz. Als Journalist registriert man die Gewichtsschwankungen, die Augenringe, die Angespanntheit. Markus Wallner wollte sich solche Schwächen aber nie anmerken lassen. Er wirkte immer frisch, freundlich, alemannisch distanziert. Er machte es einem schwer, den Menschen hinter dem Landeshauptmann zu sehen. Dass er nun Schwäche eingesteht, ist auch deshalb bemerkenswert.

Wohin Wallners Auszeit letztlich führt – ob dahinter ein Ausstiegsplan steckt oder nicht – bleibt Spekulation. Dass es ihm nicht gut geht, sollte man als Faktum hinnehmen. Das sind wir nicht nur dem menschlichen Anstand schuldig, sondern auch allen anderen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden. Es zeigt ihnen, dass man auch nicht mehr können darf und letztlich niemand unersetzbar ist.
Es ändert nichts an der Kritik an der Verantwortung Wallners in der Inserateaffäre. Als Landesgeschäftsführer nichts mitbekommen zu haben, die Frage, ob man selbst Inserate geworben hat, mehrfach anders zu beantworten, Inserate von Landesunternehmen in der Parteizeitung zu rechtfertigen: Das sind legitime Kritikpunkte. Sie werden weder verschwinden, noch durch falsches Mitleid überdeckt. Dass sachliche Kritik weiter möglich sein muss, während man die menschliche Situation respektiert, sollte zeigen, dass die grundlegenden Dinge in unserer Demokratie noch funktionieren.

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