Kommentar

In der ÖVP stinkt es gewaltig

29.07.2022 • 14:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Wenn Nehammer bis 2024 durchhalten will, wird er mehr tun müssen als den Masseverwalter zu geben.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie unsere Lehrer die Fenster aufrissen, sobald sie das Klassenzimmer betreten hatten. Im Winter führte das zu Protesten seitens der Schüler – uns war völlig unbegreiflich wie wir stinken konnten. In einer Partei ist das wohl ähnlich: Man riecht sich selbst nicht.

Ein Grund dafür mag sein, dass einem die andern ständig sagen, dass man stinkt, und es zur Gewohnheit wird das zu ignorieren. Manch einer mag aber auch nach oben gekommen sein, weil er geübt darin ist, Gestank als Rosenwasser zu verkaufen. In der ÖVP stinkt es seit längerem ganz gewaltig, auch wenn die Partei immer wieder das Gegenteil behauptet. Sie sieht daher auch keinen Grund zu Lüften, was das Problem zusätzlich verschärft.

Seit langem sind etwa die doppelgleisigen Strukturen rund um die Teilorganisationen der Volkspartei ein schwelendes Problem. Dass der Wirtschaftsbund einmal ein Verein und einmal eine Parteiorganisation sein soll, ist Teil des steuerlichen und parteienrechtlichen Chaos, in dem man sich aktuell befindet. Dieses organisatorische Doppelleben fällt auch dem Seniorenbund auf den Kopf, der als Verein Corona-Förderungen bezogen hatte, bis man feststellte, dass er doch auch eine Parteiorganisation ist, die von diesen Zuwendungen gesetzlich ausgeschlossen wurde.

Solche Probleme haben damit zu tun, dass man lieber im wohlig warmen Gestank sitzt, als frische, aber auch kalte Luft hereinzulassen. Sebastian Kurz tat zwar so, als würde er frischen Wind in die Partei hineinbringen, hat aber letztlich nur in einem geschlossenen Raum einen Ventilator aufgestellt. Dass offenbar wenige wissen, dass man ein in sich geschlossenes System nicht abkühlen kann, ohne Wärme nach Außen abzuführen, ist nicht nur das sommerliche Erfolgsrezept des Elektrohandels. Die hoffnungsfrohe Zukunft der ÖVP hat sich mit den Flügeln ihres türkisen Ikarus aufgelöst.

Vielen reicht aber immer noch die Einbildung. Und so ventiliert die ÖVP vor sich hin, leugnet Gerüche oder sucht den Ursprung wo anders. Wenn „durchaus generös“ das Selbstkritischste ist, das man sich zur schamlosen Selbstbereicherung im Wirtschaftsbund abringen kann, sind an den Corona-Hilfen für den Seniorenbund vermutlich die Grünen schuld oder die Bank, die das Konto führt.

In so einer Situation würden klare Worte des Parteivorsitzenden helfen. Der musste aber erst herausfinden, dass man eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede besser nicht mit Alkohol und Psychopharmaka würzen sollte. Man möchte aber auch sonst nicht mit Nehammer tauschen wollen. Ihm spielen derzeit nur drei Dinge in die Hände: Der FPÖ-Chef ist so sympathisch wie ein Besuch beim Gastroenterologen, die SPÖ-Vorsitzende so charismatisch wie abgestandene Milch und die mächtigen schwarzen Landeshauptleute sind in Pension oder straucheln noch mehr als er. Wenn Nehammer bis zum regulären Wahltermin 2024 durchhalten will, wird er aber mehr tun müssen als den Masseverwalter einer Partei in Selbstverleugnung zu geben. Lüften wäre angesagt.