Mobilität

EU beschließt Verbot von Verbrennungsmotoren

08.06.2022 • 21:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
EU beschließt Verbot von Verbrennungsmotoren

Alle Versuche, die Entscheidung in letzter Sekunde noch abzuschwächen, scheiterten.

Die erste Überraschung bei den Abstimmungen zum „Fit für 55“-Klimapaket der EU gab es am Nachmittag, als plötzlich Sozialdemokraten, Grüne und Rechte ein großes Paket zu Fall brachten, weil sie mit bereits bestätigten Änderungen durch EVP und rechten Parteien nicht einverstanden waren.

Damit gingen die Ausweitung des Emissionshandels, der EU-Grenzausgleichsmechanismus und der Klima-Sozialfonds zurück in den Ausschuss. Die zweite Überraschung kam am Abend, als der Text für ein vollständiges Verkaufsverbot für Verbrennermotoren ab 2035 dann doch durchging und neuerlich die Änderungswünsche der EVP, die lieber 90 als 100 Prozent gesehen hätten und für die Aufnahme synthetischer Treibstoffe als nachhaltige Kraftstoffe waren, nicht angenommen wurden. Nun fehlen nur noch die Verhandlungen mit den Mitgliedsländern gegen Jahresende.

Klimaziele des Verkehrssektors


Die Kernfrage, ob E-Autos überhaupt die von Verbrennermotoren getriebene Mobilität ersetzen können wird, bleibt zunächst unbeantwortet. Auch die Klima-Auswirkung individueller Mobilität an sich wird immer lauter diskutiert. Helmut Eichlseder, Leiter des Instituts für Thermodynamik und nachhaltige Antriebssysteme an der Technischen Universität Graz sagt: „Selbst wenn schon 2030 ausschließlich Elektroautos zugelassen werden werden wir die Klimaziele des Verkehrssektors deutlich verfehlen.“ Er ist mit seiner Einschätzung nicht alleine. Der Austausch aller Verbrenner durch Batterieantriebe sei nicht der Weisheit letzter Schluss, ist auch die Kernaussage einer Untersuchung, die das Fraunhofer-Institut im Auftrag des Naturschutzbunds Nabu durchführte. Auch das Elektroauto verursache in der Herstellung und Entsorgung Treibhausgase. Daher komme man zur Konsequenz, „dass auch die Anzahl an Personenkraftwagen (Pkw) deutlich sinken muss.“


Es gibt derzeit weltweit einen Bestand von 1250 Millionen Pkw (ohne Lkw), jährlich kommen etwa 70 Millionen dazu. Bis 2030 bzw. 2035 werden noch Millionen Verbrenner-Fahrzeuge zugelassen, in Europa genauso wie weltweit. Die Nutzungsdauer von derzeit zehn Jahren ist aber im Steigen. Verbrenner sind also noch lange unterwegs, was den Tod des Verbrennermotors aber nicht aufhalten wird.

E-Mobilität kommt


Die E-Mobilität wird kommen. Die Frage bleibt, in welchem Ausmaß. Auch sie ist vor der aktuellen Inflation nicht gefeit. Von den avisierten Preisen für Kleinwagen unter 20.000 Euro spricht heute kaum jemand mehr. Dazu kommt der Verlust des Kostenvorteils gegenüber einem Verbrenner, Stichwort Energiepreise. Auch bei der Infrastruktur hakt es noch, etwa bei Ladesäulen. In Osteuropa gibt es in einzelnen Ländern bei Weitem nicht ausreichend Ladestationen (Bulgarien zum Beispiel) um EU-Pläne zur Implementierung der E-Mobilität umsetzen zu können. Schon heute ist es so, dass sich hauptsächlich Firmen für E-Autos entscheiden, auch um steuerliche Vorteile zu nutzen. Vom Massenmarkt und den Privatkunden ist die E-Mobilität weit weg.


Alternative Energie- und Antriebsformen könnten ein Ausweg aus dem Dilemma sein, auch wenn sie derzeit noch nicht marktreif sind. Wie synthetische, klimaneutrale Kraftstoffe, die fossile Kraftstoffe ersetzen könnten. Sogenannte eFuels entnehmen beim komplexen Herstellungsvorgang aus der Luft CO2, das beim Verbrennen wieder frei gegeben wird. Synthetische Kraftstoffe sind allerdings nur dann ein Mittel zur Lösung, wenn sie mit erneuerbaren Energien hergestellt werden. Denn noch sind die synthetischen Kraftstoffe im Wirkungsgrad einem Elektroauto klar unterlegen. Im besten Fall kommen 30 Prozent (derzeit maximal 20) der eingesetzten Energie für die Produktion der synthetischen Kraftstoffe am Rad eines Autos an. Bei herkömmlichen E-Autos sind es rund 75 Prozent, bestätigt auch Eichlseder.
Innerhalb der EU wird weiter diskutiert, die Alternativen sind nicht unumstritten: Atomstrom als Energielieferant für E-Autos, zum Beispiel, weil erneuerbaren Energien bekanntlich nicht immer im gewünschten Ausmaß liefern können.

Weniger Individualverkehr


Politisch kommt noch eine andere Variante ins Spiel. Viele fordern generell weniger Individualverkehr. Die Mobilität, die wir heute kennen, wäre damit Geschichte. Das Thema bleibt gesellschaftspolitisch aufgeladen. Aber man ist heute davon entfernt, erneuerbare Energien im benötigten Ausmaß herzustellen. Es gilt ja, unser ganzes Lebensumfeld zu dekarbonisieren, also CO2-frei zu machen. Laut Eichlseder macht der Verkehr an den weltweiten CO2-Emissionen rund ein Fünftel aus, der Löwenanteil fällt bei Industrie und Haushalten sowie Energieversorgung an. Alleine die Umstellung energieintensiver Industrieprozesse (z. B. Stahlerzeugung) würde unsere Gesamtproduktion erneuerbarer Energie benötigen. Der Strombedarf für den Masseneinsatz von E-Autos kann genauso wenig alleine durch erneuerbare Energien abgedeckt werden.


Die Frage, wie wir in Zukunft erneuerbare Energien gewinnen können, um alle relevanten Bereiche zu dekarbonisieren wird erst durch den Einsatz und die Weiterentwicklung dieser Methoden beantwortet werden können. Von diesen Erkenntnissen hängt die Antwort auf die Frage ab, wie es mit unserer Mobilität weitergeht und ob und wie viel Platz die individuelle Mobilität haben wird.