“Die Blumen des Wolfs”: Bochdansky verzaubert mit neuem Solo

Niemand verbindet Poesie, Philosophie und Puppenspiel so konsequent wie der österreichische Figurentheatervirtuose Christoph Bochdansky. In seinem neuen Solo “Die Blumen des Wolfs”, das am Montag im Wiener Schubert Theater Premiere hatte, entführt er 70 Minuten lang in eine Welt, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Als ihr Schöpfer wie als ihr tragischer Held steht er dabei ganz anders im Mittelpunkt als jene Egomanen, die der realen Welt aggressiv ihren Stempel aufdrücken.
Bochdansky macht seinen Zuschauern ein Angebot. Dafür hat er die kleine Bühne in einen aus grünem Stoff gestalteten Zauberwald verwandelt, der von fleischfressenden und dampfspuckenden Pflanzen ebenso bevölkert wird wie von fantasievollen Geschöpfen, die man in “Brehms Tierleben” vergeblich suchen wird. Vorzugsweise sind sie geflügelt, denn abheben und sich von vermeintlichen Sachzwängen wie der Schwerkraft lösen zu können, ist in diesem “Wald der bewusstseinsverändernden Vorkommnisse” Grundvoraussetzung des Lebens. Dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, führen zwei übergewichtige grüne Insekten vor, die mehr einer phäakischen als einer asketischen Lebensweise zugeneigt scheinen und zwischen “Der Wald ist voll” und “Love and Peace” allerlei Konzepte diskutieren, die uns sehr bekannt vorkommen.
Waldboden aus bewusstseinserweiternden Substanzen
In diesem Wald, in dem bewusstseinserweiternde Substanzen den Nährboden zu bilden scheinen, wohnen weitere Fantasiewesen, die von Bochdansky nicht nur geschaffen wurden, sondern mittels geheimnisvoller Apparaturen auch bewegt werden. Darunter findet sich etwa eine mit neckischen roten Stilettos ausgestattete Libelle oder ein froschartiger Hippie, der sich “Mr. Lucy in the Sky” nennt und über ewige Gesetze des Fressens und gefressen Werdens sinniert.
Bochdansky hat nicht nur alle Hände und Stimmlagen voll zu tun, dieses Bewusstseinsbiotop zu beleben, sondern spielt als verloren gegangener Mensch selbst eine Rolle darin. Eigentlich ist er erst auf der Suche nach ihr. Eine Hauptrolle sollte es freilich schon sein, denn heißt es nicht immer, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe? Nach einigen Brüchen und Abschweifungen wird ihm eine Rolle zugewiesen, die uns bekannt vorkommt: Als Rotjäckchen soll er der Großmutter Kuchen und Wein bringen.
Der Wolf als Blumenfreund und Musikliebhaber
Widerstrebend fügt er sich – und der mäandrierende Abend, in dem viel davon die Rede ist, ob man sich von seinem Weg nicht abbringen lassen darf oder erst das Verlassen bekannter Pfade neue Erkenntnisse eröffnet, erhält einen roten Faden, der schnurstracks zu jenem Tier führt, das seit seiner Wiederansiedlung in unseren Wäldern erneut Angst und Schrecken verbreitet. Bochdanskys Wolf unterscheidet sich freilich von jenem der Brüder Grimm. Trotz eines furchterregenden Gebisses erweist er sich als Blumenfreund und Musikliebhaber.
Und so lauten die Fragen, mit denen sich “Die Blumen des Wolfs” am Ende eines anarchisch wirkenden Wildwuchs an Gedanken beschäftigt, doch ganz konkret: Sind die Konzepte von “If you’re going to San Francisco” und “Born to be wild” miteinander vereinbar? Wie kann Rotjäckchen seine Rolle zeitgemäß anlegen, ohne aus derselben zu fallen? Und landet der Wolf am Ende doch wieder im Bett der Großmutter?
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – “Die Blumen des Wolfs. Eine Bewusstseins-Farce”, Text, Puppenbau & Spiel: Christoph Bochdansky, Regie: Simon Meusburger, Musik: Softmachine. Schubert Theater, Währinger Straße 46, 1090 Wien. Weitere Aufführungen am 13., 14., 22., 23. und 26. Juni. )