Klimawandel hat wasserreichem Land schon Aderlass gebracht

09.06.2026 • 12:21 Uhr
Klimawandel hat wasserreichem Land schon Aderlass gebracht

Der zuletzt sehr niederschlagsarme Winter und Frühling sind keine reinen Ausreißer, sondern reihen sich in einen klimawandelbedingten markanten Trend ein, der auch in Österreich zum Nachdenken über die recht bedenkenlos genutzte Ressource “Wasser” führt. Einer Studie im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums zufolge stieg mit den Temperaturen die Verdunstung, während Grundwasserspiegel und Flusspegelstände merklich sanken, wie es bei der Präsentation am Dienstag hieß.

Im mit den Klimaschutzagenden betrauten Ministerium wurden Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts “Wasser im Klimawandel” vorgestellt, der fertige Bericht von Forschenden der Technischen Universität (TU) Wien, der Geosphere Austria, der Universität Graz und der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien folgt im November, erklärte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP). “Steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit sind die sichtbarsten Folgen des Klimawandels”, sagte der Ressortchef mit Hinweis auf den “trockensten Jahresstart seit Beginn” der in Österreich schon besonders lange und im internationalen Vergleich akribisch durchgeführten Messungen.

Totschnig pocht auf Infrastrukturausbau und “sorgsameren Umgang”

Ein entscheidender Faktor, der die Grundwasserpegelstände laut der Studie in den vergangenen rund 15 Jahren im Durchschnitt um 30 bis 50 Zentimeter absinken ließ, ist die zunehmende Verdunstung im Zusammenhang mit den gestiegenen Durchschnittstemperaturen. Insgesamt zeichnet sich eine starke Veränderung im österreichischen Wasserhaushalt und -kreislauf ab, auf die man vor allem mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung der Wasserinfrastruktur, aber auch einem “sorgsameren Umgang” reagieren müsse, so Totschnig.

Vor allem in den Jahren zwischen 1980 und 2010 hat die Verdunstung “deutlich zugenommen” – und das in allen Regionen des Landes, erklärte Korbinian Breinl, Leiter der Abteilung Wasserhaushalt im Landwirtschaftsministerium. Laut den Expertinnen und Experten entwichen am Ende dieser Periode pro Quadratmeter und Jahr rund 80 Liter mehr in Richtung Atmosphäre als vor rund 45 Jahren. Das entspricht einer Zunahme von 17 Prozent im Vergleich zu vor 1980. Immerhin habe sich das Verdunstungsplus von 2010 bis zum Vorjahr etwas eingebremst – auf eine weitere Zunahme von rund drei bis fünf Prozent. Das liege aber vor allem daran, dass mittlerweile in den wärmeren Monaten einfach weniger Feuchtigkeit in den Böden steckt, die zusätzlich verdunsten könnte, so Klaus Haslinger, Hydroklimatologe bei Geosphere Austria, der die Studie gemeinsam mit dem Hydrologen Günter Blöschl (TU Wien) leitet.

Mehr Energie bringt umfassende Veränderungen mit sich

Insgesamt bleibt die Niederschlagsmenge in Österreich pro Jahr in etwa gleich, die Muster verändern sich aber. So nahm etwa der Sommerregen zwischen 1980 und 2010 zu, seither ging er aber wieder zurück. Ergo kann nicht mehr unendlich mehr Feuchtigkeit in die Atmosphäre abgegeben werden, weil die Böden schon trockener sind, erklärte der Forscher. Alles in allem ist einfach mehr Wärmeenergie in der Atmosphäre. Im Schnitt weniger Wolken bringen mehr Sonnenschein und die mittlerweile im Durchschnitt um 3,1 Grad höher liegende Temperatur im Vergleich zum Jahr 1900 lässt auch die Vegetation früher, länger und stärker wachsen.

All das führt zu weniger gespeichertem Wasser in den Böden und niedrigeren Flusspegeln vor allem am Ende des Sommers. “Wir sehen sehr massive Veränderungen im Wasserkreislauf”, so Haslinger. Was die Grundwasserpegel betrifft, sei die Situation regional recht unterschiedlich. Zuletzt besonders trocken war es vor allem im Osten und Süden des Landes, aber auch in Salzburg. Hier könnten am ehesten auch Engpässe entstehen.

Minister sieht “keine Knappheiten” und kündigt “Wasserentnahmeregister” an

Diese Veränderungen stellen für die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft und die Umwelt “eine wachsende Herausforderung” dar, so Totschnig. Die ungünstiger werdenden Niederschlagsmuster mit u.a. häufiger werdenden Starkregenereignissen, in deren Rahmen die oftmals schon trockenen Böden Wasser weniger gut aufnehmen können, führen dazu, dass man auch mehr in Richtung Sparsamkeit denken wird müssen. Man sei in der günstigen Lage, dass in Österreich absehbar mit “keinen Knappheiten” zu rechnen sei, so der Ressortchef. Bis zum Jahr 2050 – so die Prognosen – könne man den Entwicklungen gut mit Wasserinfrastrukturmaßnahmen, wie Ausbau von regionsübergreifenden Wasserleitungen, der Erschließung und Sanierung von Quellen oder tieferen Brunnen begegnen, zeigte sich Totschnig überzeugt.

In Sachen bundesweitem Monitoring der Wasserentnahme – eine langjährige Forderung vieler Akteure – kündigte der Minister einen Regierungsentwurf für ein “Wasserentnahmeregister” mit Ziel bis zum Sommer an. Insgesamt gelte, dass in Österreich “Trinkwasser immer vor geht”, im Vergleich zu den Ansprüchen der Industrie und der Landwirtschaft, so Totschnig. Mit den Studienergebnissen werde man jedenfalls die Anpassungsstrategie der Wasserwirtschaft an den Klimawandel aus dem Jahr 2011 aktualisieren. Sie soll die Grundlage für die nächste nationale Wasserstrategie sein.

Umweltorganisationen: “Wasser in Landschaft halten”

Anlässlich der Zwischenergebnisse forderte der WWF am Dienstag in einer Aussendung einen “österreichweiten Aktionsplan Wassersicherheit”. Laut WWF-Wasserexpertin Marie Pfeiffer müsse Österreich Wasser “viel besser in der Landschaft halten. Jeder verbaute Bach, jede zerstörte Aue und jeder versiegelte Boden verschärft die Wasserkrise”. Letztlich ersetze technische Infrastruktur “keine intakten Ökosysteme”. Greenpeace wiederum sieht das Land derzeit “auf schrumpfende Grundwasserreserven nicht gut vorbereitet”. Richtung Totschnig ergeht seitens der Umweltschutz-NGO die Forderung, “das lange angekündigte Wasserentnahme-Register für Industrie und Landwirtschaft jetzt endlich rasch” umzusetzen. Für den Umweltdachverband zeigen die zunehmenden Trockenperioden, “dass Österreich beim Umgang mit Wasser umdenken muss”. Man fordere neben einer Reduktion der Bodenversiegelung “einen stärkeren dezentralen Wasserrückhalt und den Schutz natürlicher Wasserspeicher wie Feuchtgebiete, Feuchtwiesen und naturnahe Gewässer”.

(S E R V I C E – Weitere Informationen zum Projekt: )