„Making a Great Gatsby“: Pool-Party am Schauspielhaus Graz

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"Making a Great Gatsby": Pool-Party am Schauspielhaus Graz

Wir schreiben schon wieder 20er-Jahre. Allzu viele Parallelen zu den „Roaring Twenties“ arbeitet Regisseurin Claudia Bossard in ihrer Dramatisierung von F. Scott Fitzgeralds 1925 erschienenem Roman „Der große Gatsby“, die am Freitag am Schauspielhaus Graz Premiere feierte, allerdings nicht heraus. Vor 100 Jahren saßen die Weißen in den USA noch fest im Sattel. Statt mit Diversität und Wokeness beschäftigten sie sich lieber mit sich selbst.

So ist der unterhaltsame Abend, der die Handlung des mehrfach verfilmten Buches erstaunlich genau nacherzählt, das Porträt einer bornierten, selbstbewussten weißen Gesellschaft, die noch nicht weiß, dass sie eines Tages abtreten wird müssen. In einer einzigen Szene wirft Bossard einen politischen Blick auf unsere eigenen 20er-Jahre und lässt Katrija Lehmann als Myrtle in einer Talkshow zu einer großen Bekenntnisrede antreten, in der sich US-Vizepräsidentin Kamala Harris und das Inaugurationsgedicht von Amanda Gorman (an deren schicken grellgelben Mantel in der Szene erinnert wird) mischen: Ja, „the hill we climb“ ist steil und seine Spitze noch lange nicht erreicht – aber der Aufstieg ist unaufhaltsam.

Die palastartige Villa des geheimnisvollen jungen Millionärs Jay Gatsby (Andri Schenardi spielt die Rolle, die im Film schon Robert Redford und Leonardo DiCaprio verkörpert haben, zurückhaltend, geradezu schüchtern) wird in der Ausstattung von Frank Holldack und Elisabeth Weiß zwar nur von einem rund um einen leeren Pool aufgestellten Metallgerüst angedeutet, doch ordentlich Party lässt sich hier dennoch machen. Dafür sorgen auch die Darbietungen eine vierköpfige Live-Band, schweißtreibende Tanzeinlagen von Tango bis Rave und ein gemeinsam hingebungsvoll geschmetterter „All of Me“-Song.

Es geht um Hochstapelei und Geschäftemacherei, um White Trash und American Dream, um Attraktivität und Eifersucht, Ruhm, Reichtum und Realität. Die Schweizerin Bossard, die auch am Kosmos Theater und am Volkstheater Wien arbeitet und 2020 für ihre Grazer Inszenierung von „Die Physiker“ für einen Nestroy-Preis nominiert war, setzt auch kostümmäßig auf den Zauber der 20er-Jahre – wie Stil-Ikonen agieren etwa „Daisy“ Lisa Birke Balzer und „Nick“ Frieder Langenberger – und schafft immer wieder komische Szenen. In einer „Pacific Bell“-Telefonzelle kann es mitunter recht eng werden, und auch eine Mischung aus Wasserskifahrt und Höhenflug ist gekonnt inszeniert.

Der Schluss allerdings, der will nicht so recht abheben. Nach zwei Stunden gibt es einige Tote und wenig Erkenntnisse. Dabei ist der Untergang des amerikanischen Imperiums längst im Gange. Bossards Vision der dreißiger Jahre etwa hätte man gerne gesehen. Der 2030er-Jahre.