Österreich

Ein kreativer Kopf mit Geschäftssinn

08.08.2020 • 18:40 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ein kreativer Kopf mit Geschäftssinn

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Christopher Stark  

Der Höchster Christian Schallert ist erfolgreicher Hotelier in Barcelona.

Wie haben Sie die Monate der Corona-Krise erlebt? Christian Schallert: Der Corona-Schock hat mich mitten in einer beruflichen Reise in Marrakesch getroffen. Plötzlich wurde mein Flug storniert, und ich konnte nicht mehr zurück nach Barcelona fliegen. Nach zwei Wochen hat mich dann eine der letzten Maschinen der AUA zurück nach Österreich gebracht. Ich bin um Mitternacht in Wien angekommen und anschließend ohne Pause mit einem Mietauto nach Vorarlberg gefahren. Ich kann von Glück reden, dass ich in dieser Corona-Zeit im Ländle war und so viel Zeit mit meiner Familie und Freunden von früher verbringen konnte. Noch nie habe ich die Natur so schön empfunden. Ich konnte von Ausflügen an den Rohrspitz, Rheinholz, Pfänder oder den Bregenzerwald gar nicht genug bekommen.

Als Hotelier dürfte die Pandemie auch großen Einfluss auf ihr Berufsleben haben. Wie schwer hat Sie die Krise getroffen?
Schallert: Ich habe von der Ferne die vorübergehende Schließung meines Hotels Brummell in Barcelona und die damit verbundenen Folgen koordinieren müssen. Es war ohne Zweifel die schwierigste Zeit meines Lebens. Eine unglaubliche persönliche Herausforderung, weil niemand weiß, wann diese Krise endet. So viele Jahre war ich in Barcelona vom stets steigenden Tourismus verwöhnt. Genau diesen Sektor hat es jetzt aber am allerschlimmsten getroffen. Da müssen wir jetzt durch. Aber mein Motto lautet „Im Jetzt leben!“ Jeder Tag ist ein neuer Tag.

Wie geht es mit Ihrem Hotel jetzt weiter?
Schallert: Es macht nicht viel Sinn, sich in diesem Jahr große Ziele zu setzen. Ich freue mich auf 2021, denn ich bin überzeugt, es kann beruflich nur besser sein als 2020. Das Hotel bleibt noch bis 1. September geschlossen. Aber ich bin jetzt mit einem Teil von meinem Team in einem Landhotel names Sant Marc zwei Stunden weg von Barcelona.

Was machen Sie dort konkret?
Schallert: Sant Marc ist im Familienbesitz meines Lebenspartners Kiko, mit dem ich schon seit zehn Jahren zusammen bin. Es ist ein kleines Landhotel in den Pyrinäen mit 12 Zimmern, Pferden und einem Golfplatz. Die Gegend erinnert etwas an den Bregenzerwald. Vor 2,5 Jahren habe ich mit meinem Barcelona-Team das Management übernommen. Fünf Tage in der Woche bin ich jetzt auch an der Rezeption, mache Gartenarbeiten, Pool reinigen und habe gerade eine wirklich schöne Zeit.

Sie leben seit 17 Jahren in Barcelona. Was hat Sie motiviert auszuwandern?
Schallert: Nach dem Studium Betriebliches Prozess- und Projektmanagement an der Fachhochschule Dornbirn verspürte ich den Drang, unbedingt raus in die Welt zu gehen und eine neue Sprache zu lernen. Barcelona war wohl die naheliegendste Wahl: Mittelmeer, Sonne, international, kreativ. Ich habe hier wirklich alles gefunden, um glücklich zu sein. Mit sehr viel Fleiß und Engagement hatte ich immer mit all meinen Projekten hier sehr viel Erfolg. Ich liebe diese Stadt. Weil sie so gut gelegen ist, bin ich auf jeden Fall einmal im Monat irgendwo auf Reisen, sodass ich ein bißchen raus aus der Stadt komme.

Ein kreativer Kopf mit Geschäftssinn
Christoph Stark

Sie haben weltweite Bekanntheit erreicht, weil Sie in Barcelona eine kleine Bruchbude renoviert haben und in das sogenannte Lego-Apartment umgewandelt haben. Ihr Clip auf youtube hat über 30 Millionen Clicks. Was hat es damit auf sich?
Schallert: Das war mein lebensverändender Moment und der Anfang von meiner vollkommen neuen Karriere als Hospitality-Manager. Ich war begeistert von der Tatsache, aus einem Taubennest eine Wohnung im James-Bond-Style zu machen.

Wie kamen Sie dazu?
Schallert: Ich wollte im Alter von 30 Jahren unbedingt meine eigene Wohnung mit Aussicht und Terrasse haben. Die Preise in Barcelona sind aber so hoch, dass ich mir nur etwas Kleines leisten konnte. Mit dem Lego-Apartment lernte ich nicht nur viel über Architektur und Industriedesign, sondern es machte mich süchtig, mehr in diesem Bereich zu machen. Das kleine Apartment lag schwer im Trend. Nach dem viralen Video auf YouTube hatte ich jede Woche eine Fernsehstation in der Wohnung, die über Microliving in Großstädten berichten wollte. Danach konnte ich mich vor Mietanfragen gar nicht mehr retten und habe dann mit Airbnb angefangen.

Später haben Sie mit einem Investor aus der Familie ein leerstehendes, heruntergekommenes Gebäude gekauft, es renoviert und das Hotel Brummell eröffnet. Was macht es zu etwas Besonderem?
Schallert: Das Besondere ist, dass ich es mit Freunden zusammen kreiert habe. Und ich glaube, man sieht das Herzblut und die Liebe im Detail in jeder Ecke des Hotels. Es darf die Bezeichnung “Boutique” mit Stolz tragen. Mein Brummell hat nur 20 Zimmer im Casual-Luxury-Style, ist 15 Gehminuten vom Zentrum entfernt und liegt direkt am Fuße des Hausbergs Montjuïc. Mir ist wichtig, dass alles per „du“ geschieht und ohne Uniformen. Yoga, Crossfit und Boxklassen sind im täglichen Programm im Zimmerpreis inbegriffen. Brummell ist eine authentische grüne Stadtoase mit toller Sonnenterrasse und Pool.

Das Brummell ist auch ein beliebter Ort für Filmaufnahmen.
Schallert: Ja, es wurden Clips für Adidas mit Neymar bei uns aufgenommen oder auch verschiedene Werbeaufnahmen mit H&M, Bang & Olufsen und ähnliches. Wenn ich ehrlich bin, sind das einfach nur interessante Mieteinnahmen. Spannend sind solche Dreharbeiten oder Fotoshootings nicht wirklich.

Derzeit planen Sie auch eine Erweiterung in Marokko. Was können Sie darüber berichten?
Schallert: Im Moment gibt es in Marrakech erst zwei Brummell-Apartments zu mieten. Ich bin mitten im Neubau einer grossen Acht-Zimmer-Villa mit Garten und Pool direkt neben dem Yves-Saint-Laurent-Museum und dem berühmten Garten «Jardin Majorelle». Ich liebe Marrakesch, weil ich in zweieinhalb Stunden in eine vollkommen andere Welt eintauchen kann. Marrakesch ist eine Hammerstadt mit schönem Licht und ewig blauem Himmel. Es ist ein bisschen schroff, unkonventionell und überraschend. Genau mein Ding.

Sie sind homosexuell. Inwiefern hat Ihr Outing Ihr Leben verändert?
Schallert: Ich hoffe, dass diese Frage in den nächsten Generationen kein Thema mehr ist. Muss sich ein Mensch wirklich outen, welche sexuellen Vorlieben er hat? Meine sexuelle Orientierung ist das Beste, was mir überhaupt passieren konnte. Ich mach genau das, was ich will. Habe keine familiären Verpflichtungen, gebe das Geld für tolle Reisen und Hotels aus, statt für Schulausflüge und Nachhilfestunden für die Kids. Ich habe einen interessanten internationalen Freundeskreis, der auch keine Kinderverpflichtungen hat.

Wie sehen Sie den Umgang der nachkommenden Generationen mit dem Thema Homosexualität?
Schallert: Ich glaube, der neuen Generation ist es schlichtweg egal, wer mit wem ins Bett geht. Hauptsache man ist ehrlich zu sich selbst und geht den Weg entlang, der einem am glücklichsten macht.

Sehen Sie da Unterschiede zwischen Vorarlberg und Barcelona?
Schallert: Das Ländle hinkt mit der Toleranz und dem Verständnis, dass wir so geboren sind und dass man daran nichts ändern kann und soll, noch etwas hinterher. In Barcelona wiederum ist das für meinen Geschmack ein bisschen zu extrem: Im Sommer hören die Gay-Events gar nicht mehr auf. Gay-Tennis, Gay-Football, Gay-Parades, Gay-Water-Park-Events und vieles mehr. „Gay Ghettos“ zu bilden ist meines Erachtens genauso intolerant wie homophob zu sein. Ich hoffe, es wird der Tag kommen, an dem es nur auf den Menschen ankommt, egal welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung er hat. Don´t worry, be happy. Und sei wer du bist.

Christian Schallert

Geboren am 20. Februar 1978 in Bregenz

Familie: in 10-jähriger Partnerschaft, jedoch nicht verheiratet, keine Kinder

Beruf: Hospitality-Manager

Hobbys: Tennis, Running, Yoga

An Barcelona schätze ich: Meine Freiheit

Vorarlberg ist für mich: Komfortzone

Mein Leibgericht: Topfenknödel mit Zwetschkenröster

Kontakt: www.hotelbrummell.com

von Bella Koeck.

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