Österreich

Lockdown-Kritik berechtigt?

18.09.2020 • 10:24 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Armin Thurnher (l.) vs. Michael Fleischhacker (r.)
Armin Thurnher (l.) vs. Michael Fleischhacker (r.) KK

Thurnher und Fleischhacker analysieren die letzten Monate.

MICHAEL FLEISCHHACKER: Wie ich vielleicht schon gelegentlich erwähnt habe, halte ich Rechthaben für den Trostpreis im Leben. Ob ich und womit ich mit der Kritik, die ich zu Beginn der Coronakrise am Regierungsamtswalten geübt habe, recht hatte oder nicht, halte ich nicht für besonders wichtig. Ich würde bloß sagen, dass sich an den Gründen für meine Kritik nichts geändert hat, weil ich nach wie vor nicht den Eindruck habe, dass die österreichische Politik angemessen auf den Grad der Bedrohung reagiert, der von Sars-Cov-2 ausgeht.

ARMIN THURNHER: Aber wir müssen ja gegeneinander recht behalten! Schwierig, wenn wir den Eindruck haben, gemeinsam recht zu haben. Also lassen Sie uns das Trennende suchen. Insgesamt sind wir bis jetzt, was die gesundheitlichen Wirkungen der Seuche betrifft, ganz gut durchgekommen, angemessene Reaktion hin oder her. Da war natürlich Glück dabei, einerseits reagierte die Regierung früh (in Ischgl zu spät) und, durch das italienische Beispiel vor Augen, auch drastisch. Verglichen mit vielen anderen Ländern ging das doch ganz gut, bedenkt man die zahlreichen Herausforderungen für unsere Verantwortungsträger.

Die Kontrahenten

Armin Thurnher, Gründer und Herausgeber der Wiener Stadtzeitung „Falter“, Autor von Essays, Romanen und Kochbüchern, Musik-, Diskurs- und überhaupt Liebhaber.

Michael Fleischhacker, nach Stationen bei der Kleinen Zeitung und beim „Standard“ 2004 bis 2012 Chefredakteur der „Presse“, „Addendum“- Herausgeber und jetzt „Talk im Hangar 7“-Moderator.

FLEISCHHACKER: Das Risiko, dass wir beide gemeinsam recht haben, besteht zwar immer, lieber Thurnher, es erscheint mir aber in diesem Fall beherrschbar. „Wir sind ganz gut durchgekommen“, sagen Sie, und ich bin überrascht zu sehen, dass Sie sich damit die Erzählung der Regierung zu eigen gemacht haben, in der behauptet wird, dass nur durch das beherzte Eingreifen der Politik ein Massensterben verhindert werden konnte, und man die schwerste Wirtschaftskrise seit Menschengedenken, die durch die „Maßnahmen“ ausgelöst wurde, als das deutliche geringere Übel zu betrachten habe. Ich sehe für diese Behauptung keine belastbaren Belege. Was ich sehe, ist, dass man schon wieder über steigende Infektionszahlen in Panik gerät und Maßnahmen verschärfen will. Der einzig akzeptable Grund für die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, nämlich die ernsthafte Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems, war aber nie und ist weiterhin nicht in Sichtweite.

THURNHER: Nein, lieber Fleischhacker, ich habe mir nicht die Erzählung der Regierung zu eigen gemacht. Ich bezog das Durchkommen ausdrücklich auf die „gesundheitlichen Wirkungen“. Ich verlasse mich hier auf meine Informationen aus der Wissenschaft. Demzufolge wurde tatsächlich das Gesundheitssystem zu sehr eingeschränkt, zurückgestellte Krebsvorsorgeuntersuchungen waren dabei der größte Kollateralschaden. Das war allerdings nach etwa einem Monat vorbei. Sonst rate ich zur Vorsicht bei der Einschätzung von Folgen. In Neuseeland sank die Zahl der Toten im Lockdown, weil weniger Operationen durchgeführt wurden, was unseren Sinn für zynischen Humor durchaus befriedigen kann. Insofern, als es auch eine Chance bedeutet, das Krankenhaus zu vermeiden. Lebensnotwendige Operationen wurden aber durchgeführt. In Sachen Wirtschaft wäre ich vorsichtig und würde am Ende Bilanz ziehen. Einigermaßen kompetent reden können wir tatsächlich über die „Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten“.

FLEISCHHACKER: Ich nehme an, es hat gute Gründe, dass man hierzulande das Naheliegende, nämlich die strukturierte Erfassung und Auswertung der Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, nicht unternommen hat. Man will es gar nicht so genau wissen, und man glaubt auch, dass man es den Bürgern nicht sagen muss, weil nämlich Amtsgeheimnis. Ich finde es ein bisschen süß, dass Sie sich für Ihre Einschätzung auf „Ihre Informationen aus der Wissenschaft“ verlassen, das tun wir ja alle, und zwar jeder auf seine Informationen, und deshalb prallen die Argumente auch so schwungvoll aneinander vorbei. Ich bin weder Virologe noch Intensivmediziner, aber ich bin Bürger. Und als solcher halte ich fest: Meine Regierung ist zu keinem Zeitpunkt ihrer Pflicht nachgekommen, den Eingriff in meine Grundrechte faktenbasiert und nachvollziehbar zu begründen.

THURNHER: Sehen Sie, da sind wir uns schnell einig. Das hat sie nicht. Der Eingriff ließe sich natürlich begründen, denn kein seriöser Wissenschaftler wird die Gefährlichkeit dieses Virus bestreiten oder die Notwendigkeit, sich adäquat vor ihm zu schützen. Damit fing es an. Statt uns zu erklären, was „adäquat“ wäre, hat die Regierung vorgezogen, gleich mit der Keule der autoritären Drohung vorzugehen. Im Wissen, dass das zugleich einen Zustimmungsbonus für die führende Persönlichkeit ergibt. Vielleicht war an der autoritären Spekulation auch etwas dran, das habe ich – anders als Sie – schon eingeräumt: In einer Öffentlichkeit, die nicht nach Argumenten, sondern nach Emotionen funktioniert und wo nicht einmal die Eliten gewohnt sind, rational abwägend zu entscheiden, kann man vielleicht nur als Kinderschreck („Jeder wird jemand kennen, der daran gestorben ist“) Verhaltensänderungen bewirken. Wir alle kennen ja jemanden, der an Furcht gestorben ist.

FLEISCHHACKER: Nein, ich denke, mit dem Wissen von heute muss man sagen, dass der Eingriff in die Grundrechte sich nicht begründen lässt, und das gilt auch für alles, was jetzt gerade wieder passiert. Das Gesundheitssystem ist weit davon entfernt, vor der Überlastung oder gar vor dem Kollaps zu stehen, das Virus ist individuell nicht gefährlicher als ein Grippevirus, und wir wissen inzwischen recht gut, wie man Risikogruppen schützt. Alles andere ist Panikmache, und dass dieser Umstand nicht zu einer großen öffentlichen Debatte führt, stellt der akademischen und medialen Öffentlichkeit des Landes schon zu Schulbeginn ein entsetzlich schlechtes Zeugnis aus.

THURNHER: Sehen Sie, da liegen Sie wirklich falsch. Dieses Virus ist weit gefährlicher als das Grippevirus, da vertraue ich Menschen wie dem Entdecker des Ebolavirus, dem Leiter des Londoner tropenmedizinischen Instituts und vielen anderen, neuerdings auch dem bekannten Virologen Donald Trump, der gegenüber Bob Woodward zugab, die Öffentlichkeit genau darüber belogen zu haben. Der Vergleich mit dem Grippevirus ist leider Fake News, solchen Unsinn sollten Sie nicht verbreiten. Sorry to say. Gerade die Einsicht in die Gefährlichkeit des Sars-Cov-2-Virus sollte die Verantwortlichkeit der Bevölkerung schärfen und auch die Pflicht der Regierung, ihre Maßnahmen transparent zu setzen und so genau zu erklären, dass man sie mit Einsicht befolgt.

FLEISCHHACKER: Sie lesen sicher mehr Studien als ich, lieber Thurnher, aber ich würde trotz meines bescheidenen Wissens gerne mit John Ioannidis und anderen bei der Behauptung bleiben, dass angesichts der bisher bekannten Fallsterblichkeitszahlen nichts dafür spricht, die Gefährlichkeit von Sars-Cov-2 so viel höher einzuschätzen als viele andere bekannte Gesundheitsrisiken, angesichts derer wir nicht in Panik verfallen und zu deren Minimierung wird nicht die Welt in den Abgrund schicken. Ich bin sehr fest davon überzeugt, dass die Auswirkungen der globalen politischen Massenpanik weltweit deutlich mehr Todesopfer fordern wird als das Virus selbst.

THURNHER: Auch das wissen wir nicht. Aber keine Grippe hat unter dem medizinischen Personal so viele Todesopfer gefordert wie Corona, außer die spanischen Grippe von 1918, und damals war der Stand der Medizin ganz woanders. Mein Gewährsmann, der Virologe Robert Zangerle von der Uni Innsbruck, sagt, Corona ist fünfmal aggressiver als normale Grippe, die Spätfolgen sind kaum bekannt und das Problem der überlasteten Intensivmedizin kann sich bei steigenden Infektionszahlen jederzeit wieder stellen. In einem sind wir uns aber einig: Panik nützt gar nichts. Die Furcht vor ihr sollte uns aber auch nicht zu unangebrachten Relativierungen anstiften.

Das Format

THURNHER kontr@ FLEISCHHACKER:

Ein Wortgefecht ohne Sichtkontakt. Die Kontrahenten sitzen vor ihren Laptops und schärfen Argumente.