Österreich

Peter Plaikner über den Wintertourismus

09.12.2020 • 11:50 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Skifahren wird zur sozialen Frage: Tageskarten in Skigebieten kosten mittlerweile großteils mehr als 50 Euro.
Skifahren wird zur sozialen Frage: Tageskarten in Skigebieten kosten mittlerweile großteils mehr als 50 Euro. APA/BARBARA GINDL

Streit um Wintersaison steht stellvertretend für soziale Frage.

Er ist wieder da. Pünktlich zum Jahrestag seiner gerichtlichen Beerdigung rüstet ein einst Unsäglicher zur Auferstehung: Der Schneebrunzer war im Vorjahr ausgerechnet von einer Sonneninsel in unser Schriftgut eingezogen. Heinz-Christian Strache hatte auf Ibiza den Vertreter eines Boulevardblattes so bezeichnet. Sein Herausgeber klagte dann die berichtende Konkurrenz, nicht HC. Dieser konnte sich bei der Verhandlung aber nicht erinnern. Der Kläger zog zurück. Nikolo-Frieden anno 2019.

Heute sagt Franz Hörl, Obmann des Fachverbands der Seilbahnen, es werde auch Berggastronomie brauchen, wenn die Lifte wieder fahren dürfen. Noch spricht er nicht von Notdurftverrichtung im winterlich weißen Freigelände. Auf Twitter wird das aber schon zum Thema abseits von 2019. Der Schneebrunzer ist wieder da. Von Ibiza mutiert zur Argument-Reserve für offene Skihütten.

Hörl stritt dafür zuletzt gegen Peter Kolba in Puls24. Als Obmann des Verbraucherschutzvereins vertritt er Corona-Geschädigte, die in Ischgl infiziert wurden, u. a. mit Klagen gegen die Republik. Angesichts dieser Frontstellung waren der Tiroler ÖVP-Nationalrat und sein einstiger Wiener Kollege von der Liste Pilz ungewohnt zurückhaltend im Ton. Hart in der Sache, aber offensichtlich mit dem Ziel der Deeskalation. Hörl sagte gar: „Wer jetzt noch nicht kapiert hat, dass diesen Winter kein Après-Ski stattfinden wird, dem sollte wegen besonderer Blödheit die Konzession entzogen werden.“ Doch damit schließt er weder die Büchse der Pandora, noch wird er die Geister los, die auch er rief.

Hörl und Kolba wirken prototypisch für den Konflikt, sind aber außergewöhnlich. Denn sie kennen wenigstens die Zwänge des anderen. Das lässt sie vorerst rhetorisch abrüsten. Sie ahnen Österreichs No-Wi(e)n-Situation durch weitere Polarisierung. Revanche-Fouls aus der EU sind Warnung genug. „Halb Europa ist im Frühjahr von Ischgl aus mit infiziert worden“, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat solche Reaktionen durch allzu häufige Betonung, es besser zu machen als die Nachbarn, geradezu heraufbeschworen. An der Außenfront ist nichts mehr zu gewinnen. Auch wenn in Bayern der gleiche Konflikt aufbricht, der Österreich intern spaltet.

Über die Kluft zwischen Stadt und Land

Sie können einander nicht verstehen, die Talbewohner in der Provinz, wo Skitourismus ein Synonym für Wohlstand ist, und Großstädter, von denen nur eine privilegierte Minderheit diese Winterfrische zu genießen vermag. In Tirol kommen bloß sechs Prozent der Saisongäste aus Österreich; kaum mehr als die täglichen Twitter-Nutzer. Entsprechend egal ist Touristikern hier Wien. Es sei denn, es geht um Steuer, Förderung, Genehmigung, Gesetz; also – unverbrämt und schlicht – um Geld.

Allein Sölden und Ischgl, zusammen 4600 Einwohner stark, hatten im Vorjahr mit 4,15 Millionen um eine Million mehr Nächtigungen als das gesamte Burgenland. Beim Ötztaler Marktführer sind es über 80, beim Paznauner Zweiten mehr als 90 Prozent im Winter. Ischgls Lifte schaffen fast 100.000 Gäste pro Stunde. Sie investieren 60 Millionen in eine neue Therme, zehn Millionen mehr als Union, Bund und Land in die Aufrechterhaltung der einzigen europäischen Penicillin-Produktion in Kundl. Geld ist Macht. In diesem Bewusstsein treten die Herolde der Talkaiser auch in Innsbruck auf. Es liegt ihrem monokulturell touristisch geprägten Horizont kaum näher als Wien. Sie wissen: Geld regiert die Welt.

Die Kluft zwischen Stadt und Land in Tirol wirkt ähnlich tief wie in Österreich das gegenseitige Unverständnis von Ost und West. Sie entzündet sich an jedem Erschließungsprojekt. Naturschützer kontra Bahnbetreiber. Tourengeher gegen Pistenskifahrer. Klimaschützer versus Umweltnutzer. Aber allesamt abhängig vom Tourismus. Jeder dritte Euro wird damit verdient. Jeder vierte Arbeitsplatz hängt daran. Ein Drittel der 150 Millionen jährlichen Austro-Gästenächtigungen sind hier. In einem Land, das sich vor Corona stets der vergleichsweise wenigsten Schulden und Arbeitslosigkeit gebrüstet hat. Die geringsten Nettoeinkommen und höchsten Wohnpreise verschweigt es.

Skifahren wurde zum Elitensport

Skifahren ist sogar dort, wo es eine zuvor arme Region reich gemacht hat, eine soziale Frage. 50 bis 60 Euro kostet ein Lift-Tagespass. All-inclusive-Jahreskarten erhöhen die Akzeptanz, doch 555 bis 850 Euro sind auch für viele Tiroler ein Luxus, den sie lieber für die Pauschalreise in den Süden investieren. Gäste-Nächtigungen im eigenen Land? Elitäre Ausnahmen. Diese Mini-Klientel kann Hoteliers in Tourismushochburgen noch mehr wurscht sein als sonstigen Tal-Gastronomen. Allenfalls für Hüttenwirte und Liftbetreiber spielt der heimische Tagesgast eine Rolle. Das Auftreten der Macher des früheren Fremdenverkehrs entspricht dieser innerösterreichischen Nachfrage-Unabhängigkeit.

Peter Schröcksnadel ist das beste Beispiel. Seit 1990 Chef des Skiverbandes, erlebt der Unternehmer in dieser Funktion bereits den achten Bundeskanzler und den fünften ORF-General. Als er jüngst „Im Zentrum“ war, nannte ihn die Moderatorin „Herr Präsident“, den Universitätsprofessor daneben aber nur „Herr“. Das ist mehr als eine Anekdote. 2019 waren acht der 20 meistgesehenen Fernsehsendungen Skirennen, 2015 gar 15. Obwohl fast zwei Drittel der Österreicher das angebliche Volksvergnügen nie ausüben, ist es die Nummer 1 im Passivsport. Denn anders als im Fußball sind wir hier ja wer.
Die Hardware-Erzeuger suchen aber Alternativen. Doppelmayr aus Vorarlberg baut Stadtseilbahnen und redet bei Wiener Visionen mit. Leitner, der Südtiroler Rivale am Weltmarkt, setzt auch auf Windräder. In Westösterreich steht noch keines. Das Dorado der Lifte wehrt sich gegen Veränderung. Dort verweisen sie auf die Wiener Lebensader U-Bahn, wenn der Bund die Aufstiegshilfen in V-Tälern zum Dauerparken zwingen will. Dabei hatte Franz Hörl angesichts von abstandslosem Anstehen am Gletscher im Oktober noch zur „Presse“ gesagt: „Die Menschen lassen sich weder von der österreichischen noch von der deutschen Politik einsperren.“ Peter Kolba twitterte ein Monat später: „Ischgl bleibt das internationale Synonym für Massentourismus und Geldgier vor Gesundheit.“

Sebastian Kurz verkündete unterdessen zu Corona, die Impfung werde der Game Changer. Diesen Spielwechsel benötigt auch der Skitourismus, der für zahlreiche Regionen die Lebensgrundlage ist, was abseits dieser Gebiete kaum verstanden wird. Der Schweizer Komiker Deville veralbert eine Schließung der Lifte als „Ischgliich“. Das heißt: „Es ist egal.“ Mehr Übersetzung zwischen Stadt und Land ist aber notwendig für die Integration einer demokratischen Gesellschaft. Die Auswüchse des Winterurlaubs sind unnotwendig. Corona schafft Pausen für die Suche nach dem neuen Maß. Denn die Gegner setzen Skifahrer immer öfter gleich mit klimaschädigenden, umweltzerstörenden und vor allem zu reichen SUV-Fahrern. Solche Polemik ist purer Klassenkampf per untauglichem Beispiel: Ohne diese Gäste geht in vielen Tälern das Licht aus. Nicht nur im Winter. Für immer. Sie werden Abwanderungsgebiete. Der einsame Schneebrunzer auf Skitour kann sie nicht retten.

Über den Autor

Peter Plaikner ist Medien- und Politikberater,
Hochschullektor, Journalismustrainer, Kolumnist,
Fachjournalist, Buchautor und Politikexperte für TV-
und Radiosender. Bis 2005 arbeitete er als Journalist,
Chefredakteur und Geschäftsführer bei Zeitungen.

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